Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2018

10:42 Uhr

Gebrauchtwagen-Check: Fiat Punto

Verwirrende Vielfalt

Quelle:Spotpress

Kaum ein Auto hat so viele Namensänderungen während einer Modellgeneration über sich ergehen lassen müssen, wie der Punto. Und auch, was gebrauchte Fahrzeuge angeht, ist der Fiat kein einfacher Fall.

Gebrauchtwagen-Check: Fiat Punto  - Verwirrende Vielfalt Fiat

Wer einen gebrauchten Punto kauft, spielt wohl auch gerne Lotto

Die unüberschaubare Anzahl an Facelifts, Namensänderungen, Ausstattungsvarianten und Motor-Abschaffungen über die Jahre machen es sehr schwer, ein vernünftiges Exemplar zu finden.

Seit 2005 läuft der aktuelle Fiat Punto vom Band – eine lange Zeit. Und damit es nicht so langweilig wird, änderten die Italiener auch immer mal wieder den Namen des Kleinwagens. Am Anfang hieß er Grande Punto, später Punto Evo und nun einfach nur noch Punto. Ob damit eventuell einige der zahlreichen Marotten des Fiat verdeckt werden sollten? Möglich. Wir haben alles, was man zum Gebrauchtkauf wissen muss.

Karosserie und Innenraum: Im Vergleich zu seinem Vorgänger wuchs der Punto um satte 19 Zentimeter auf 4,03 Meter an. Neben einem Dreitürer gibt es den kleinen Italiener auch mit fünf Türen. Beide Varianten basieren auf der Plattform des Opel Corsa D. Das erste Facelift kam 2009, drei Jahre darauf das zweite. Dank einem eher straffen Fahrwerk gilt der Punto als sehr handlich und relativ sportlich zu fahren, trotz einer recht gefühllosen Elektrolenkung.

Der Innenraum ist funktional, von italienischem „Dolce Vita“ allerdings keine Spur. Bei der Materialauswahl würde man heute eher an Dacia denken. Immerhin: 2005 gab es die volle Punktzahl von fünf Sternen im Euro-NCAP-Crashtest. Auch 2017 wurde der Punto noch gebaut, allerdings entfiel die dreitürige Variante.

Die Rückansicht des Punto Fiat

Die Rückansicht des Punto

Motoren: Die Leistungsspanne beim Punto ist überraschend groß. Vom kleinen Motörchen mit 48 kW/65 PS bis zum Abarth-Triebwerk mit 132 kW/180 PS hat man als Gebrauchtwagenkäufer die Qual der Wahl. Obwohl die sportlichen Top-Versionen eher etwas für junge Kurvenräuber als für vernunftgesteuerte Second-Hand-Käufer sind.

Als Tipp für Vielfahrer gilt der sparsame 1.3-JTD-Motor. Den gab es mit 55 kW/75 PS bis 96 kW/130 PS. Neben den klassischen Aggregaten nach dem Otto- oder Selbstzünderprinzip gab es außerdem auch einen Erdgas-Punto mit 57 kW/77 PS. Wer etwas Exotisches ausprobieren möchte, kann auf die Suche nach einem Zweizylinder-Punto gehen. Mitte 2015 fielen übrigens bis auf den 95-PS-Diesel alle Selbstzünder aus dem Programm.

Ausstattung und Sicherheit: Wie bereits erwähnt steht der Punto dank fünf Crashtest-Sternen sicherheitstechnisch gut da. Ähnlich undurchsichtig wie die vielen Umbenennungen zeigt sich die Auswahl der verfügbaren Ausstattungen. Hierzulande gab es bis 2009 folgende Varianten: „Go“, „Active“, „Dynamic“, „Linea Sportiva Speed“, „Linea Sportive Racing“, „Linea Sportiva Sport“ und „Emotion“. Empfehlenswert ist die Topversion „Emotion“ mit Klimaautomatik, CD-Player sowie Kopf-Airbags vorne und hinten.

Ein Blick in den Innenraum Fiat

Ein Blick in den Innenraum

Ab dem ersten Facelift 2009 reduzierte Fiat dann auf „Active“, „Dynamic“, „Racing“ und „Sport“. Mit dem (bisher) letzten Facelift 2012 entfielen drei der vier Varianten (außer Sport) und die Italiener führten dafür „Pop“ und „Easy“ ein. 2017 wurde nochmal umstrukturiert und „Mystyle“ sowie „Lounge“ ersetzten alles bisher bekannte. Das Ganze klingt nicht nur furchtbar durcheinander, es macht es auch schwer, Fahrzeuge auf dem Gebrauchtmarkt zu vergleichen. Hier gilt: So lange suchen, bis man die persönlich passende Ausstattung findet. Dann muss es nur noch technisch klappen.

Qualität: Nicht die Paradedisziplin des Punto. Rückrufe gab es jede Menge. Unter anderem wegen defekter Kabelbäume bei Heizung und ABS, gebrochener Fahrwerks-Federn sowie Nachbesserungen an der Lenkung. Im Autobild-Dauertest gab es immerhin die Note Drei. Hier wurden erneut die Lenkung (Lenkgetriebe) und außerdem Probleme mit den Steuerketten beim 1,3er-Diesel kritisiert.

Was es beim Gebrauchtwagenkauf zu beachten gibt

Fahrzeugbesichtigung

Die Mängelsuche beginnt mit einem Rundgang ums Auto. In aller Ruhe sollten Spalte an Stoßfängern, Türen und anderen Anbauteilen in Augenschein genommen werden. Gibt es Unterschiede bei den Spaltmaßen, lässt das meist auf einen Unfallschaden schließen. Gleiches gilt, wenn Reifen unterschiedlich stark abgefahren sind oder das auf den Fahrzeugleuchten angegebene Produktionsdatum nicht mit dem Baujahr des Autos übereinstimmt. Dann wurden die Leuchten schon einmal ausgewechselt - möglicherweise nach einem Crash.

Papiere prüfen

Vor allem bei jüngeren Gebrauchtwagen sollte es unbedingt ein Serviceheft geben, in dem die Fahrzeugwartung lückenlos dokumentiert ist. Zusätzliches Vertrauen schaffen Kundendienstrechnungen, Reparaturnachweise und Prüfberichte. Viele Vorbesitzer im Fahrzeugbrief (Zulassungsbescheinigung Teil II) könnten trotz allem auf ein Montagsauto hindeuten - mehr als zwei Halter in fünf Jahren oder drei in sieben Jahren sind verdächtig.

Blick unter die Haube

Abgeplatzter Lack und Beschädigungen an Schraubverbindungen der Karosserieteile im Motorraum können ein Hinweis auf größere Reparaturen sein. Ölspritzer und Wasserflecken begründen den Zweifel an einem einwandfreien Antrieb. Aber auch ein sehr sauberer Motorraum sollte stutzig machen: Mit einer Motorwäsche könnten Spuren beseitigt und Undichtigkeiten kaschiert worden sein.

Rostsuche

Um Korrosionsschäden an der Karosserie auf die Spur zu kommen, lohnt ein Blick in verborgene Ecken, etwa unter den Kofferraumteppich, hinter die Tankklappe und in die Radkästen. Mit etwas Fingerspitzengefühl lässt sich Rost hinter den Schwellern ertasten. Korrosion unter dem Lack ist an einer welligen oder pickeligen Oberfläche zu erkennen. Muffiger Geruch im Innenraum deutet auf Feuchtigkeit im Wagen hin. In diesem Fall nach Möglichkeit den Teppich anheben und nach Wasserpfützen und Rost suchen.

Lack-Check

Ausgebesserte Unfallschäden lassen sich mit bloßem Auge oft nicht erkennen. Indizien dafür sind Farbspuren an eigentlich unlackierten Teilen wie Gummidichtungen und Federbeinen sowie unterschiedlich helle oder matte Lackstellen, die am besten im Tageslicht zu sehen sind. Wenn der Verdacht besteht, dass einzelne Stellen nachlackiert wurden, kann eine Lackdichtenmessung in einer Werkstatt Gewissheit schaffen.

Systemtest

Vor der Probefahrt sind sämtliche Fahrzeugfunktionen zu testen - von der Klimaanlage über elektrische Außenspiegel oder Sitzheizungen bis zum Radio. Unterwegs bleibt die Musik aus, da sie verdächtige Fahrgeräusche übertönen könnte. Beim Einschalten der Zündung müssen die Kontrollleuchten im Cockpit wie für ABS, ESP und Airbags kurz aufleuchten und beim Motorstart erlöschen. Leuchten einzelne Lämpchen weiter oder blinken sie erst gar nicht auf, stimmt etwas nicht. In der Bedienungsanleitung eines Autos sind alle Kontrollleuchten aufgeführt.

Probefahrt

Mal eben eine Runde ums Autohaus zu drehen, reicht nicht. Zur Probefahrt gehören eine Überlandetappe mit mehr als 80 km/h und eine Autobahnfahrt mit 120 km/h. Denn Mängel wie eine verzogene Spur, eine ausgeschlagene Lenkung oder defekte Stoßdämpfer machen sich meist erst bei höheren Geschwindigkeiten bemerkbar. Ein Fahrzeug zieht dann zur Seite, fühlt sich schwammig an oder liegt schlecht in der Kurve. Eine hakelige Schaltung, starke Vibrationen und Ruckbewegungen deuten auf Antriebsprobleme hin.

Tachostand

Bei älteren Autos mit vielen Gebrauchsspuren, aber nur geringer Laufleistung könnte der Tachostand manipuliert sein. Kilometerangaben im Inspektionsheft, auf Prüfberichten, Werkstattrechnungen oder dem Ölwechsel-Aufkleber im Motorraum lassen womöglich einen Betrug auffliegen. Aufschluss darüber könnten auch Nachfragen bei den Vorbesitzern geben, mit welchem Kilometerstand der Wagen jeweils weiterverkauft wurde.

Sachverständiger

Sobald auch nur geringste Zweifel daran aufkommen, dass ein Gebrauchter unfallfrei und technisch in Ordnung ist, sollten Kunden das Auto vor dem Kauf von einem unabhängigen Sachverständigen von TÜV, GTÜ, KÜS oder Dekra begutachten lassen. Das lässt sich in der Regel gut mit einer Probefahrt vereinbaren. Ist der Verkäufer damit nicht einverstanden, könnte er etwas verbergen wollen. Dann gilt grundsätzlich: Finger weg und nach einem anderen Auto suchen.

Seriösen Anbieter erkennen

Ein vertrauenswürdiger Gebrauchtwagenanbieter spricht offen über Vorschäden und Mängel an einem Auto. Er liefert eine lückenlose Fahrzeugdokumentation und im besten Fall ein technisches Gutachten von unabhängiger Stelle mit. Kunden dürfen den Gebrauchten in Ruhe besichtigen, ausführlich Probe fahren, und sie bekommen genügend Bedenkzeit vor dem Kauf. Bei Privatverkäufern gibt es meist günstigere Preise, bei Händlern dafür eine Gebrauchtwagengarantie. Oft können kleine Händler bessere Preise machen als große, da bei ihnen weniger Gemeinkosten auflaufen.

Die Mängelliste von TÜV und ADAC ist dagegen ungleich länger: undichte Dämpfer, kaputte Antriebswellen, fehlerhafte Beleuchtung, schlechte Bremsen, Ölverlust und rostige Abgasanlagen stehen auf der Minusseite des Punto. Bei der AU gibt es daher eine hohe Durchfallquote.

Fazit: Wer einen gebrauchten Punto kauft, spielt wohl auch gerne Lotto. Die unüberschaubare Anzahl an Facelifts, Namensänderungen, Ausstattungsvarianten und Motor-Abschaffungen über die Jahre machen es sehr schwer, ein vernünftiges Exemplar zu finden.

Generell gilt: Nur mit frischem TÜV und möglichst mit wenigen Kilometern und vollem Checkheft kaufen. Was normalerweise klar sein sollte, gilt beim Punto ganz besonders! Gute Exemplare sind rar und finden sich auf den einschlägigen Börsen ab 4.000 Euro.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×