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13.10.2011

10:12 Uhr

Gift-Chemikalie Carbazol

Wundermittel mit Nebenwirkungen

Quelle:mid

Carbazol kann große Mengen Wasserstoff speichern und diesen somit relativ unproblematisch in den Tank von Brennstoffzellen-Autos bringen. Doch das vermeintliche Wundertröpfchen hat auch Nachteile.

Bei der Verbrennung des Hightech-Energietraegers Wasserstoff entsteht nur Wasserdampf. Das entlastet nicht nur die Umwelt sondern auch die Kasse. Quelle: Pressefoto

Bei der Verbrennung des Hightech-Energietraegers Wasserstoff entsteht nur Wasserdampf. Das entlastet nicht nur die Umwelt sondern auch die Kasse.

DüsseldorfAuf der Suche nach dem Energielieferanten für Autos von morgen gibt es immer wieder neue Entdeckungen. Aktuell soll es "Carbazol" richten. Die Chemikalie, so der Plan zweier Erlanger Professoren, soll mit Wasserstoff angereichert werden und dann in den Tank von Autos gefüllt werden. Von dort aus gibt der Wundersprit über ein spezielles System den in ihm gespeicherten Wasserstoff an eine Brennstoffzelle ab.

Gegenüber reinem Wasserstoff hat Carbazol den Vorteil, dass er nicht hochexplosiv ist. Dadurch kann er in einen herkömmlichen Tank gefüllt werden, während reiner Wasserstoff unter hohem Druck gespeichert werden muss. Außerdem kann für den Zaubersprit die bestehende Tankstelleninfrastruktur genutzt werden. Die Flüssigkeit selbst wird nicht verbraucht und kann immer wieder neu mit Wasserstoff angereichert werden. Der Autofahrer an der Tankstelle zapft dann einfach mit frischem Wasserstoff bestücktes Carbazol.

Die Automobilindustrie soll zwar schon Interesse an dem neuen Kraftstoff bekundet haben, dennoch stehen die Hersteller dem angeblichen Wundertröpfchen mit Vorsicht gegenüber. "Wir haben uns eingehend mit den sicherlich interessanten Möglichkeiten für einen Einsatz von Carbazol beschäftigt", sagte eine Daimler-Sprecherin gegenüber der "Financial Times Deutschland". Allerdings würden derzeit noch die Nachteile überwiegen und Carbazol würde sich nicht für die Verwendung in Autos mit Brennstoffzelle eignen. Ähnlich sieht das BMW. Nach Ansicht der Münchener gibt es "viele, viele, viele Probleme".

Und tatsächlich hat Carbazol auch Nachteile. Um der Flüssigkeit den Wasserstoff zu entlocken, sind höhere Temperaturen notwendig, als sie beispielsweise in der Brennstoffzelle von Daimler herrschen. Für das zusätzliche Temperatur-Management wäre ein hoher technischer Aufwand nötig, erklärt die Sprecherin der Schwaben dem Fachblatt. Zudem müsse der gewonnene Wasserstoff erst gereinigt werden, damit er die Membranen der Brennstoffzelle nicht beschädige. Weiterer Nachteil: Da während der Fahrt zweimal so viel Carbazol benötigt wird wie Benzin, müsste das Tankvolumen im Vergleich zu einem Benzin-Fahrzeug auf das Doppelte wachsen.

Einer der Professoren, die den neuen Treibstoff entwickelt haben, Professor Wolfgang Arlt, ist jedoch zuversichtlich. "Die Elektroautos der Zukunft werden Carbazol statt Strom tanken", verkündet der Wissenschaftler im Gespräch mit der Zeitschrift "Auto Bild" selbstbewust. Doch bis der Treibstoff tatsächlich serienreif ist, werden wohl noch mindestens zehn Jahre vergehen.

Wasserstoff im Auto

Wasserstoff im Auto

Die Reichweite von Autos mit Brennstoffzelle ist deutlich größer als die der batteriegetriebenen Fahrzeuge. Ein Beispiel: Eine Mercedes-Benz B-Klasse mit Brennstoffzelle hat nach Unternehmensangaben eine Reichweite von 385 Kilometern, der Elektro-Smart mit Batterie kann bis zu 135 Kilometer zurücklegen.

Vorteile

Wasserstoff ist im Gegensatz zum Öl kein begrenzter Rohstoff. Es ist das am häufigsten vorkommende chemische Element. Größter Erzeuger ist die chemische Industrie, die Wasserstoff als Neben- oder Koppelprodukt herstellt. Allein damit könnten in Deutschland nach Angaben des Technologiekonzerns Linde 750.000 Fahrzeuge betrieben werden.

Das Prinzip

Das Prinzip ist einfach, die technische Umsetzung aber anspruchsvoll: Bei der energieaufwendigen Elektrolyse wird Wasser mit Hilfe von Elektrizität in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Wasserstoff ist ein flüchtiges und reaktionsfreudiges Gas, das nur unter hohem Druck oder extrem gekühlt gelagert werden kann.

Alternativen

In einer Brennstoffzelle erzeugen Wasserstoff und Sauerstoff an einer Membran in einer sogenannten kalten Verbrennung Elektrizität. Dabei entsteht auch Wärme. Das Abgas ist Wasserdampf. In einem Auto kann mit einer Brennstoffzelle ein Elektromotor angetrieben werden.

Umstrittene Erzeugung

Umstritten ist aber die Erzeugung des Wasserstoffs. Bislang wird der Energieträger zu 90 Prozent aus dem fossilen Rohstoff Erdgas hergestellt. Während aus dem Auspuff eines Brennstoffzellenautos nur Wasserdampf entweicht, wird bei der Herstellung des Wasserstoffs das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) freigesetzt. Wird Wasserstoff aber mit Hilfe von Strom aus Windenergie oder Photovoltaik gewonnen, ist die Klimabilanz deutlich besser.

Von

Sabine Stahl

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