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26.04.2012

10:00 Uhr

Große Schnauze, viel dahinter

Audi RS 5 Coupé - Der Superbike-Jäger

VonFrank G. Heide

Motorradfahrer kümmert die Sicherheit von vier Rädern wenig, sie wollen Kurvenspaß und Dynamik. Kann ein Sportwagen das auch vermitteln? Handelsblatt hat einen gefunden, der selbst Superbike-Enthusiasten überzeugen kann.

Eigentlich fühlt sich Handelsblatt-Redakteur Frank G. Heide auf seiner Honda CBR 1000 RR Fireblade am wohlsten. Wenn schon vier Räder, dann bitte ein Old- oder Youngtimer. Doch ein Auto Baujahr 2011 hat diese Einstellung ordentlich ins Wanken gebracht: der Audi RS 5 Coupé.

Eigentlich fühlt sich Handelsblatt-Redakteur Frank G. Heide auf seiner Honda CBR 1000 RR Fireblade am wohlsten. Wenn schon vier Räder, dann bitte ein Old- oder Youngtimer. Doch ein Auto Baujahr 2011 hat diese Einstellung ordentlich ins Wanken gebracht: der Audi RS 5 Coupé.

DüsseldorfAudi hat mir als Testwagen den kürzlich dezent überarbeiteten RS 5 geliehen. Das fast 100.000 Euro teure Sportcoupe hat den 450-PS-Motor aus dem Straßenrennwagen R8 und permanenten Allradantrieb. Ein echtes Risiko. Mit diesem V8-Katapult ist mein Führerschein ständig in Gefahr. Aber ich möchte den Wagen nie wieder zurückgeben müssen. Und das schreibe ich ganz bewusst als Motorradfahrer, der viel Wert auf Kurvenspaß, Fahrdynamik, gutes Leistungsgewicht und respektables Auspuffgeräusch legt.

Der erste Eindruck ist allerdings ein kleiner Kulturschock, zumindest für ältere Fahrer traditioneller Sportwagen. Außen der größte Kühlergrill der Welt, massivste Verspoilerung in Alu-Optik und Klavierlack, und ein Metallic-Blau, das 90 Prozent aller befragten Frauen ein bisschen prollig finden. Männer finden aber Spoiler, Carbon und Sepangblau gut, genau wie die 20-Zöller mit 275-30er-Walzen signalisieren sie doch potenziellen Ampelstart-Konkurrenten: Nicht mit mir.

Und genau das möchte man ja auch von einem Sportwagen. Er muss erkennbar sein, Eindruck machen. Anders ausgedrückt: Für gepflegtes Understatement hat Audi andere Produkte im Regal, der RS 5 ist nichts für Menschen, die gern anonym bleiben. Selbst in Düsseldorf, wo so viele Porsche und Aston Martin auf Range Rover und fette BMW treffen, ist dieser 2+2-Sitzer optisch und akustisch eine echte Ausnahmeerscheinung. Alle gucken hin.

Die erste Enttäuschung wartet innen, da sehe ich nur zwei Pedale, Automatik also. Früher hieß es immer, das ist was für Rentner und Fahranfänger. Und das da in der Mitte? Cupholder, gleich zwei. Audi sorgt also vor für seinen und ihren Latte Macchiato to go mit lactosefreier Milch und extra Schaum. Schlimm! Als Besitzer eines so edlen Boliden würde ich immer ein absolutes Verzehrverbot verhängen.

Ein schöner Verführer, aber mit prolligem Charme. Die Linienführung des Coupes von Audi-Designer Walter da Silva hat schon Preise gewonnen. Aber die typische Farbe der Pressefahrzeuge (sepangblau oder misanorot) wirkt auf viele Betrachter(innen) ein wenig aufdringlich. Sebastian Schaal

Ein schöner Verführer, aber mit prolligem Charme. Die Linienführung des Coupes von Audi-Designer Walter da Silva hat schon Preise gewonnen. Aber die typische Farbe der Pressefahrzeuge (sepangblau oder misanorot) wirkt auf viele Betrachter(innen) ein wenig aufdringlich.

Doch sein wahres Gesicht zeigt der Audi schon, so bald man von den wie maßgeschneidert passenden Schalensitzen angesaugt wird und ein Druck auf den Startknopf den V8 zum Leben erweckt. Es ist die drehmomentoptimierte 4,2-Liter-Maschine aus dem R8, deren Leistung von 450 PS (331 kW) bei unglaublichen 8.250 Umdrehungen anliegt.

Beeindruckende 430 Newtonmeter Drehmoment stehen aber theoretisch schon zwischen 4.000 und 6.000 U/Min zur Verfügung, schreibt Audi. Also nichts wie rauf auf die Piste. Vorher brummt und brüllt der RS 5 auch im Stand so überzeugend, dass Passanten die Köpfe recken und man erst gar nicht auf die Idee kommt, die Bang & Olufsen-Anlage einzuschalten.

Was bei diesem Anblick niemand ahnt: Der Kofferraum ist unerwartet groß, mit Steckdose und Durchreiche und umklappbaren Sportsitzen hinten. So macht der RS5 auch beim Baumarkt-Einkauf einen guten Eindruck. Frank G. Heide

Was bei diesem Anblick niemand ahnt: Der Kofferraum ist unerwartet groß, mit Steckdose und Durchreiche und umklappbaren Sportsitzen hinten. So macht der RS5 auch beim Baumarkt-Einkauf einen guten Eindruck.

An der ersten Ampel stellt der Audi klar, jetzt bewegt man ein Drehmoment-Monster. Aber zum Glück eins, dem der Pilot die Befehle erteilt. Kaum losgefahren, ist man an der Obergrenze der Straßenverkehrsordnung angekommen, so schnell dreht der Motor hoch und die Automatik jagt mit Doppelkupplung durch sieben Gänge. Und jetzt bin ich doch froh, dass es kein Schaltwagen ist. So schnell, sauber und ruckfrei könnte ich das nie.

Fahrerlebnisse im Audi RS 5 Coupé

Zu schnell in langsamen Kurven

Wer gern mit 60 bis 70 km/h in eine 50 km/h-Kurve zieht, sitzt im teuren RS5-Leder-Schalensitz genau richtig. Kurz den Fuß vom Gas, die Elektronik regelt, was an Schlupf zu regeln ist, hier ist kein starkes Unter- oder Übersteuern zu befürchten. 30 Jahre Quattro-Erfahrung hat Audi einfließen lassen, das macht sich voll bezahlt. Ist der erste Schreck verdaut, macht es nur noch Spaß, die Grenzen zu erfahren.

Auf der gelben Welle reiten

Der RS5 ist ein Verkehrserzieher, so ein ganz kleines bisschen. Springt die Ampel gerade auf Gelb um, so gibt man nicht mehr Gas, um schnell noch rüber zu huschen. Man bremst früher, um den guten Startplatz in der ersten Reihe zu sichern. So ein Vergnügen ist das drehmomentstarke Anfahrkatapult. Immer und immer wieder. Denn mit dem Audi ist man im Stadtverkehr auch wieder Erster an der nächsten Ampel.

Auf dem Burger King-Parkplatz

Der ausgehungerte Testfahrer kommt abends müde, aber grinsend von der Landstraßen-Ausfahrt und denkt sich, nach so vielen Verkehrssünden kann ich jetzt auch zu Fastfood greifen. Nur bitte kein Drive-Through, die Unterlippe der großen Schnauze mag keine Speedbumps! Zurück auf dem Parkplatz ist andächtiges Gemurmel und Raunen der Dorfjugend mit Migrationshintergrund vernehmbar. „Lass ma hörn, Alter!“, heißt es ermunternd, und „Gibst Du Gas!“. Wer würde sich da zweimal bitten lassen? Durchs offene Fenster hört man gerade noch das klassische „Boah, geil“, bevor die Spoilerfreunde Krefeld e.V. im Rückspiegel verschwinden.

Die Beifahrerin nickt

Von der besten und verständnisvollsten aller Ehefrauen kam erstaunlich viel Beifall für das nicht gerade unaufdringliche Audi-Coupe. Nur diese Bremse! Sie beisst im Stadtverkehr einfach zu sportlich. Kopfnicken der Passagiere zu provozieren ist dem RS 5-Piloten ein Leichtes. Will man die Zornesfalte auf der Stirn der Angebeteten vermeiden, braucht es einen extrem leichten und sensiblen Fuß. Und vielleicht beim nächsten RS 5-Facelift ein etwas schmaleres Bremspedal.

Vor der Kurve mit Bremsen fertig sein!

Die Grenzerfahrungen kamen auf Westerwald-Landstraßen zweiter Ordnung und bei 270 km/h auf der A4. Wer in Kurven schon am Limit fährt und plötzlich doch noch mal bremsen muss, befindet sich auch mal im kritischen Bereich. Der Audi zieht dann gerne mal etwas weit aus der Spur. Die 275-30er-Ganzjahresreifen auf 20-Zoll-Felgen geben aber meist vorher keinen Warnlaut von sich,. In diesen - seltenen! - Momenten bitte keine weiteren Lastwechsel provozieren. Merke: Im Grenzbereich muss man den Quattro erst ganz genau kennen lernen, um sein Verhalten zu schätzen. Die Lenkung könnte insgesamt noch einen Tick direkter sein, sie gibt einem oft ein Joystick-Gefühl.

Vorsprung durch Rückwärts-Einpark-Technik

Gemocht habe ich sie ja noch nie, diese ganzen „überflüssigen“ Elektronik-Spielereien, die Sportwagen teuer und schwer machen. 1.780 Kilo wiegt der RS 5! Und ist in Mittelkonsole und Lenkrad vollgestopft mit Reglern und Knöpfchen. Auch dank solcher Gimmicks wie Abstandswarner, Telefon, Festplatte mit zwei SD-Speicherkarten-Schächten und Rückfahrkamera. Andererseits muss ich zugeben, dass das MMI plus Bediensystem des Autos auch wunderbar funktioniert, wenn man gar keine Bedienungsanleitungen liest. Es ist fast intuitiv zu bedienen. Ebenso die Rückfahrkamera, die zwar nervig piept, aber wirklich ohne Eingewöhnung fast millimetergenaues Einparken ermöglicht. Ist doch erstaunlich, wie schnell man sich an Luxus gewöhnen kann.

Schneller auf zwei Rädern

Natürlich haben wir auch verglichen. Auf Honda Fireblade und im Audi RS 5 Coupe von Düsseldorf nach Krefeld, vom Handelsblatt zur heimischen Haustür. Am Ende der rund 30 Kilometer beträgt der Vorsprung des Motorrads mehr als sieben Minuten. Das liegt aber möglicherweise auch daran, dass Autofahrer der Honda auf der linken Spur gerne Platz machen. Die Auspuffanlage ist nicht ganz serienmäßig, getreu dem Motto "loud pipes safe lifes". Der Audi verliert das interne Rennen aber hauptsächlich deshalb, weil er sich an Ampeln und in Rückstaus nicht nach vorne durchmogeln kann. Dafür hat der helmlose Kollege im Auto am Testende die besser sitzende Frisur.

Aber wo nur 50 km/h erlaubt sind, ist der Führerschein jetzt schon in Gefahr, das signalisieren der Tacho, und der automatische Abstandswarner, der hilflos im permanent roten Bereich warnblinkt. Freilich vergebens, was kann ich dafür, wenn die anderen alle so langsam vor mir her trödeln? Ich schalte das Ding ab. Das ist eins der Probleme des Audi RS 5: Er schließt die Lücken so verdammt schnell. Und das soll auf den weiteren Testfahrten nicht die einzige Parallele zum Superbike bleiben.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

26.04.2012, 10:59 Uhr

Der würde eigentlich optimal zu mir passen. Damit könnte ich mich anfreunden. Läuft aber nur 250km/h, da habe ich bei meiner CBR 1100 XX (mit Vergasermotor) erst den 5.Gang, der bis 280km/h geht, dann auf den 6.
Auf der Autobahn bleibt einem da nichts anderes übrig, als die Porsche Turbos rechts zu überholen.

Von Chemnitz nach Schwäbisch Hall, 360km, war meine beste Zeit 1 Stunde und 35min, incl. zwischentanken, ein Schnitt von 227km/h und 12l Verbrauch.

Account gelöscht!

26.04.2012, 11:10 Uhr

Der RS kann bis 280 km/h, da kann der Carrera mit 304 km/h ein bisschen mehr. Eine serienmäßige Fireblade kommt am Audi gerade noch vorbei, am 911er nicht mehr. Der Porsche auch was, was beide nicht können: Super-Boxer-Sound!

Account gelöscht!

26.04.2012, 16:32 Uhr

WOW! Herr Heide,
was für ein herrlich erfrischender Artikel!

Moppedfahrergrüße
Jürgen B.

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