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03.09.2015

08:36 Uhr

Hyundai i20 im Handelsblatt-Test

Leisetreter mit Herz für Hinterbänkler

VonFrank G. Heide, Florian Hückelheim

Dieser Polo-Konkurrent glänzt in Sachen Verbrauch, Garantie und Nutzwert, ist aber trotz Frischzellenkur keine Design-Offenbarung. Und im Alltagstest des City-Zwergs Hyundai i20 ist eine Schwäche nicht zu übersehen.

Der Hyundai i20 ist Koreaner, wird aber in der Türkei gebaut. Viel mehr als Basismobilität liefert er nicht.  Und vor allem beim Fahrspaß muss er passen. Frank G. Heide

Ein sachliches Auto für uneitle Menschen

Der Hyundai i20 ist Koreaner, wird aber in der Türkei gebaut. Viel mehr als Basismobilität liefert er nicht. Und vor allem beim Fahrspaß muss er passen.

DüsseldorfMit Tempo 80 im Hyundai i20 folge ich einem Wursthersteller-LKW auf der A52. Auf seiner Hecktür steht: „Dicke Sauerländer unterwegs“. Jaja, denke ich, „und stille Reisschüsseln auch“. Wie schon öfter in den vergangenen Tagen ist mir langweilig am Steuer des kleinen Wagens, skurriler wird es nicht mehr in den insgesamt 14 Testtagen mit diesem kompakten Koreaner, der sich ganz der Vernunft und dem Stadtverkehr verschrieben hat. Nur, wenn ich den LKW überholen wollte, würde der Adrenalinpegel steigen. Aber dazu später mehr.

Im Windschatten des Metten-Brummers fällt zunächst der Autobahnverbrauch des i20 erstklassig aus: Nur fünf Liter sind es im Durchschnitt, wenn man einfach auf der rechten Spur Richtung Düsseldorf im Pendlerfluss mitschwimmt. Und dabei herrscht im dem Auto eine Ruhe wie in der Mittelklasse.

Dass mehr als 13 Sekunden vergehen, bis die 100-km/h-Marke fällt, ist kein Drama, man wird dies in der Praxis – also in der der City und auf Kurzstrecke – dem in der Türkei gebauten Auto nur selten abverlangen. Wer regelmäßig auf die Autobahn muss, sollte etwas Geduld mitbringen: Der 1,2-Liter-Vierzylinder Benziner mit 84 PS und 5-Gang-Handschaltung braucht eine gefühlte halbe Ewigkeit, um mit zittriger Tachonadel auf Spitzentempo 170 zu kommen.

Am besten gelingen solche Sprint-Eskapaden auf abschüssiger Strecke, denn schon lange vorher, ungefähr ab Tempo 130, geht dem kleinen Koreaner mit türkischen Wurzeln die Puste aus. Wer dann noch vier Mitfahrer an Bord hat, stirbt beim Überholen aus dem Lkw-Windschatten heraus einen von Lichthupen flankierten Leistungstod am Berg – und reiht sich schlimmstenfalls wieder hinter dem Lkw ein.

Aber es ist letztlich nicht der unübersehbare Mangel an Spurtvermögen oder die fehlende Bequemlichkeit auf den viel zu kurzen Sitzpolstern, was bei längeren Autobahnfahrten unangenehm auffällt: Es fehlt schlicht der sechste Gang, und die Lenkung ist zu sensibel. Ersteres würde helfen, den geringen Durst weiter zu senken, letztere ist voll auf Stadtverkehr und Leichtigkeit eingestellt, ohne dass der Fahrer daran etwas verändern kann. An Präzision und Handling haben wir zwar nichts zu meckern, denn das Fahrwerk findet einen vernünftigen Mittelweg aus Komfort und Straffheit; aber in puncto Rückmeldung und Lenkprogression sind andere Anbieter einfach weiter.

Die wichtigsten Fragen

Alltagstauglich?

Als Fünftürer ist der i20 sehr alltagstauglich. Der Kofferraum ist mit 326 Litern ganze 46 Liter größer als bei einem aktuellen VW Polo – bei knappen sechs Zentimetern mehr in der Gesamtlänge – und nur 18 Liter kleiner als bei einem VW Golf.

Enttäuschend?

84 PS könnten sich spritziger anfühlen. Trotz aller Drehfreude fehlt die Kraft und die Fahrfreude leidet unter dem trägen Ansprechverhalten des Motors. Eine kleinere Maschine mit Turbolader würde das nutzbare Drehzahlband deutlich ausweiten und den Verbrauch senken. Ein Sechsgang-Getriebe täte das Übrige.

Ist er`s wert?

Wer es bei der Sonderausstattung ruhig angehen lässt, bekommt ein vernünftiges Auto fürs Geld. Die Preislücke zum Polo ist aber nicht allzu groß. Motortechnisch sind die 75 Basis-PS für die Stadt genug, auf der Autobahn wächst der Wunsch nach dem Top-Benziner mit 100 PS mit jeder Steigung.

Sound?

Die vier Lautsprecher reichen für die Hintergrundbeschallung völlig aus. Musikliebhaber, die auch im Kleinwagen Konzertqualität erwarten, sind beim i20 falsch. Von außen klingt der Vierzylinder extrem unspektakulär.

Wie grün ist das Auto?

Wer ihn nahe des Normverbrauchs bewegen kann, kommt im Drittelmix mit 4,9 Litern aus, auf der Autobahn laut Hersteller mit 4,2 Litern. Die Praxiserfahrung zeigt: Die Wahrheit liegt einen guten Liter entfernt.

Vorbildlich?

Die Geräuschdämmung des Innenraums. Weder vom Motor noch vom Fahrtwind oder Abrollgeräuschen ist bei Tempo 120 viel zu hören. Manche Mittelklassefahrzeuge sind innen lauter.

Was sagt der Nachbar?

Hat er bemerkt, dass ein anderes Auto vor der Tür steht? Wir sind unsicher, ehe er sagt „Damit kommt man zumindest trocken von A nach B.“

Wer guckt?

Fahrer des Vorgängermodells. Sonst niemand.

Wie fährt er sich?

Das Fahrwerk liefert brauchbare Rückmeldung zur Untergrundbeschaffenheit, die Lenkung nicht; außerdem ist sie zu leichtgängig.

Wo gehört er hin?

In Städte mit guten Ampelschaltungen. Zwar ist der getestete Benziner drehfreudig, aber nur wenig kraftvoll im Antritt. Die je nach Ausstattung aufpreispflichtige Start-Stopp-Automatik ist innerstädtisch ein doppelter Gewinn – für die Umwelt und den Verbrauch.

Dass ein Auto aus dem Heimatland von Samsung, wo jedes neue Smartphone sich zu technologischen Höhenflügen aufrafft, keine Online-Anbindung oder Handy-Navigation per App anbietet, müssen wir nicht verstehen. Eine integrierte Navi-Lösung soll in ein paar Monaten verfügbar sein, doch im i20-Testwagen pappte noch ein externes Tomtom an der Frontscheibe.

Auch die Klangqualität des Unterhaltungssystems sowie dessen Einstellmöglichkeiten wirkten wie von vorgestern und waren bestenfalls Standard-Untergrenze. Beispiel: Wer den Fader des Audiosystems im fummeligen Menü auf dem kleinen Monochrom-Display auf die hinteren Boxen im Fond einstellt, erlebt: Stille. Die Ansteuerung ist da, die Lautsprecher nicht.

Im i20-Innenraum, den es auf Wunsch auch zweifarbig eingerichtet gibt, überwiegen kratzfeste Kunststoffe, die jedoch weder billig aussehen und auch nicht besonders empfindlich sind. Frank G. Heide

Er tritt gegen Polo, Mazda2, Fiesta, Micra, Rio und Corsa an

Im i20-Innenraum, den es auf Wunsch auch zweifarbig eingerichtet gibt, überwiegen kratzfeste Kunststoffe, die jedoch weder billig aussehen und auch nicht besonders empfindlich sind.

Für 1200 Euro Aufpreis gibt es zumindest in der von uns gefahrenen „Trend“-Ausstattung (ab 15.250 Euro mit 84 PS-Benziner) inzwischen das angekündigte Touchscreen-Navi mit Rückfahrkamera, Digitalradio und kostenlosen Kartenupdates. Aus den Türen in Reihe zwei ertönt erst in der Top-Ausstattung „Style“ Musik (ab 17.200 Euro mit 84 PS-Benziner). Alternativ offerieren die Koreaner deutschen Käufern einen Lautsprechersatz für die hinteren Türen für 40 Euro plus Montage.

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