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10.04.2014

08:18 Uhr

Jaguar F-Type im 100. Handelsblatt-Autotest

Gentleman, start your engine!

VonSebastian Schaal

Mit weit aufgerissenen Auspuffklappen lässt der F-Type beim Motorstart einer schier unbändigen Lebensfreude freien Lauf. Doch nicht nur beim Anlassen vermittelt der 911er-Konkurrent vor allem eines: Fahrfreude pur.

Die Quelle von Freud und Übel: Über den Startknopf kann der Fahrer ein wahres Gewitter auslösen. Sebastian Schaal

Die Quelle von Freud und Übel: Über den Startknopf kann der Fahrer ein wahres Gewitter auslösen.

Viele Autobauer haben inzwischen den klassischen Zündschlüssel durch einen modernen Startknopf ersetzt. Mal dezent in Armaturenbrett oder Mittelkonsole integriert, mal auffällig lackiert, wie der Startknopf einer Rakete. Jaguar geht beim F-Type einen anderen Weg: Der kupferfarbene Anlass-Knopf sieht schick aus, der Start-Schriftzug flackert rot hinterleuchtet auf – im Rhythmus eines Herzschlags. Als ob er darum bettelt, endlich gedrückt zu werden. Um anzudeuten, was danach mit dem Puls des Fahrers passiert: Herzrasen.

Tun wir ihm den Gefallen.

Mit weit aufgerissenen Auspuffklappen lässt der F-Type beim Motorstart einer schier unbändigen Lebensfreude freien Lauf. Während der Drehzahlmesser in die Höhe schnellt, trompeten die beiden mittig angebrachten Endrohre das Fauchen des Motors in die Umwelt.

Ja, das machen inzwischen viele Sportwagen, es gehört zum wohl kalkulierten Erlebnis besonders schneller und teurer Autos. Doch die Inbrunst, mit der der F-Type sich zum Dienst meldet, lässt nicht nur unbeteiligte Kinder und Haustiere in seiner Umgebung erschrecken. Auch der erfahrene Autotester liest es an den aufgerichteten Häärchen an den Unterarmen ab: Das ist was Besonderes.

Und dabei steht der 380 PS starke Sechszylinder gerade erst mal in der Garageneinfahrt. Wie muss dann erst der große Fünfliter-V8 das Wohngebiet erbeben lassen, wenn bereits der V6 – in der Basis auch mit 340 PS erhältlich – den Nachbarn am Sonntag Morgen aus dem Bett fallen lässt? Aus Gründen der Nachbarschaftspflege wollen wir das zunächst einmal nicht wissen.

Die entscheidenden Fragen und Antworten zum Jaguar F-Type

Alltagstauglich?

Jein. Zwar lässt sich der F-Type auch ganz kommod durch die Stadt bewegen, wobei er auch immer eine gute Figur abgibt. Doch der kleine und schlecht nutzbare Kofferraum schränken den Alltagsnutzen kräftig ein.

Das schönste Detail?

Der Schriftzug des Startknopfes flackert im Rhythmus eines Herzschlages auf. Ein kleines Detail, das wunderbar vermittelt, wofür ein Sportwagen steht: Herzrasen.

Enttäuschend?

Der Kofferraum. Der F-Type bewegt sich noch nicht in Preisklasse, in denen maßgeschneiderte Gepäckstücke obligatorisch sind. Das gibt es höchstens bei Ferrari oder McLaren. Aber ohne solche Taschen und Koffer bleibt von dem schlecht nutzbaren Kofferraum nur wenig übrig.

Ist er's wert?

Wer einen Sportwagen in dieser Preisklasse kaufen möchte, sollte zumindest eine Probefahrt buchen. Der F-Type macht genauso viel Spaß wie ein Porsche, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Die Sportwagen-Welt besteht allerdings nicht mehr nur aus einem 911er – zumal der Jaguar ausstattungsbereinigt deutlich günstiger ist.

Sound?

Gibt es reichlich, an einigen Stellen aber auch zu viel. Während der Fahrt lässt sich per Tastendruck sehr genau regeln, wie laut der Sechszylinder werden soll. Wenn man ihm freien Lauf lässt, klingt der F-Type super. Doch das Aufheulen beim Anlassen lässt sich nicht abstellen – Emotion pur beim ersten Mal, ab dem zehnten Anlassen mit einer leichten Tendenz ins Peinliche.

Wie grün ist das Auto?

Nur im Schneckentempo lässt sich der Normverbrauch von 9,1 Litern für den 380-PS-Motor erreichen. In der Praxis werden es zwei bis vier Liter mehr. Grün ist dann nur noch das „S“-Logo im Kühlergrill.

Vorbildlich?

Mit welcher Liebe Jaguar zahlreiche Details angegangen ist. Der pulsierende Startknopf, die ausfahrenden Luftungsdüsen oder die nach vorne öffnende Motorhaube sind nur eine Auswahl dessen, was den F-Type von seinen Konkurrenten abhebt. Andere Kleinigkeiten wie etwa die Abdeckung der Cupholder standen aber wohl weiter hinten im Lastenheft.

Was sagt der Nachbar?

Als ich nach Feierabend zuhause ankomme schaut er noch interessiert rüber. Das Anlassen am nächsten Morgen dürfte ihm weniger gefallen haben – von den Testwagen war nur ein Ferrari lauter. Und dem verzeiht man die Ruhestörung eher als dem Jaguar.

Wer guckt?

Dem F-Type schauen relativ viele Passanten hinterher. Teilweise, weil sie den Wagen schön finden, teilweise, weil er so obszön laut ist.

Wie fährt er sich?

Es ist ein moderner Sportwagen – von zahmer Leistungsentfaltung im Regen-Modus bis hin zum Powerslide im Dynamik-Modus ist alles drin. Das Fahrwerk lässt ordentliche Querbeschleunigung zu, gibt sich aber auch ausreichend komfortabel – eine Sänfte zum Cruisen ist er aber nicht.

Wo gehört er hin?

Langstrecken sind wegen des Kofferaums nicht die Stärke des F-Type, doch dafür fährt man auch kein Sport-Cabrio. Ansonsten meistert der Jaguar das Spektrum von Alltag bis Rennstreckenfahrt fast perfekt.

Akustische Erektion

Was Sportwagen-Fans alter Schule schöner als Musik in den Ohren klingt, kann überzeugte Radfahrer oder ÖPNV’ler schnell in Wallung versetzen. Dabei sieht man dem F-Type den akustischen Krawall zunächst gar nicht an. Das Cabrio bedient sich der Proportionen des legendären Vorgängers E-Type. Vor dem weit nach hinten versetzten Fahrgastraum türmt sich eine lange Motorhaube auf – die Maße eines BMW Z4 erreicht der F-Type-Maschinenraum allerdings nicht.

Sportlich, aber eher elegant als prollig, wirkt das auf die Augen der meisten Betrachter. Bis zum Anlassen. Und das kann auch nach dem 32. Druck auf den Startknopf peinlich werden, denn Abschalten lässt sich die akustische Erektion nicht.

Das kleine „S“ im Kühlergrill und am Heck macht klar, dass hier nicht die Basisversion mit 340 PS, sondern der stärkere V6 mit 380 PS steht. Sebastian Schaal

Das kleine „S“ im Kühlergrill und am Heck macht klar, dass hier nicht die Basisversion mit 340 PS, sondern der stärkere V6 mit 380 PS steht.

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