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30.01.2014

09:37 Uhr

Jaguar XJ AWD im Test

Sanft-aggressive Raubkatze auf allen Vieren

VonSebastian Schaal

Die Mercedes S-Klasse, der Audi A8 und der 7er BMW dominieren die Luxusklasse – vollgestopft mit jeder erdenklichen Elektronik. Der Jaguar XJ verzichtet auf diese Luxus-Spielereien. Kann weniger wirklich mehr sein?

Mit 5,12 Metern streckt sich die größte Raubkatze im Jaguar-Stall ganz schön lang. Das lässt den XJ aber auch zu einer eleganten Erscheinung werden. Sebastian Schaal

Mit 5,12 Metern streckt sich die größte Raubkatze im Jaguar-Stall ganz schön lang. Das lässt den XJ aber auch zu einer eleganten Erscheinung werden.

Wer sich für eine Luxuslimousine interessiert, der kommt um Audi A8, BMW 7er und vor allem die Mercedes S-Klasse nicht herum. Nach dem medialen Overkill rund um die Premiere der zehnten S-Klasse-Generation im vergangenen Jahr mag sich in so manchen Köpfen festgesetzt haben: Luxus besteht heute nicht mehr aus einem kräftigen, laufruhigen Motor, einem sänftenartigen Fahrwerk und gut gepolsterten Ledersitzen.

Gerade die drei genannten Hersteller gehen mit ganz anderen Eigenschaften ihrer Luxus-Limos an die Öffentlichkeit und dominieren die Schlagzeilen: Ein Spurverlassenswarner war gestern, heute lenkt und bremst das Auto selbstständig im Stau. Der Wagen analysiert ständig mein Fahrverhalten und empfiehlt gegebenenfalls eine Pause. Über Tasten und Touchpads wird durch unzählige mehr oder weniger gut strukturierte Untermenüs des Bordcomputers navigiert, um am Ende nur eine Kleinigkeit zu verstellen. Ja, es geht um nichts weniger als den Anspruch, das beste Auto der Welt zu bauen. Und das hat seinen Preis.

Doch was, wenn mir das alles egal ist? Ich auf der Suche nach einer erstklassigen Reiselimousine bin, die ich fahren kann anstatt sie mich. Autos wie der Lexus LS versuchen es auch mit dem deutschen – sprich hochtechnischem – Ansatz und packen sogar noch einen Hybridantrieb mit unter die Haube. Der Maserati Quattroporte sieht zwar klasse aus und betört mit seinem Ferrari-V8, doch er gibt auch beim Fahrwerk den Dynamiker – zulasten des Federungskomforts.

Da fällt der Blick auf den Jaguar XJ, einen weiteren Exoten auf Deutschlands Straßen. Wer in der Luxusklasse anders sein möchte und auf die ein oder andere elektronische Spielerei verzichten kann, findet in der Speerspitze des britisch-indischen Autobaus das passende Gefährt. Wo der eine von Verzicht spricht, redet der andere lieber über ein pures und unverfälschtes Fahrerlebnis.

Die entscheidenden Fragen und Antworten zum Jaguar XJ

Alltagstauglich?

Kommt auf den Einsatz an. Besteht der Alltag aus langen Autobahn-Etappen, gibt es kaum einen passenderen Wagen als den XJ. Geht es aber regelmäßig durch Innenstädte und in Parkhäuser, sollten sie eventuell über einen kleineren XF nachdenken.

Das schönste Detail?

Das Ein- und Ausfahren des Schalthebels – oder besser Schaltrads – beim Anlassen beziehungsweise Abschalten. Wirkt elegant und hochwertig, so ein Feature hat nicht jeder.

Enttäuschend?

Die Platzverhältnisse im Innenraum. Dass es im Fond nicht viel Platz am Kopf geben würde, war angesichts der coupéhaften Form klar. Aber wo sind bitte drei Meter Radstand geblieben? Die Beinfreiheit hinten ist fast auf Kompaktklasse-Niveau, auch vorne gibt es Platz nicht im Überfluss – bei einem 5,12 Meter langen Auto.

Ist er's wert?

Liegt im Auge des Betrachters. Der XJ ist ein prima Luxusauto, das seinen Preis rechtfertigt. Für andere ist der Aufpreis zu einem mit Elektronik vollgestopften Luxuswagen aus deutscher Produktion sehr gering – und damit der Jaguar aus der Kaufentscheidung raus.

Sound?

Glänzt durch An- und Abwesenheit. Im Sportmodus darf der V6 ordentlich röhren, wenn er höhere Drehzahlen erreicht. Im Alltag glänzt der XJ vor allem durch seine erstklassige Geräuschdämpfung und Ruhe im Innenraum.

Wie grün ist das Auto?

Grün wird es hier nur mit dem Diesel. Im Normverbrauch kommt der Benziner mit Allrad auf 9,9 Liter. In der Praxis werden es je nach Fahrweise zwischen 12 und 18 Liter. Ein Blick auf die Effizienzklasse zeigt, dass der XJ mit einem „F“ in der zweitschlechtesten Klasse liegt. Dabei reden wir noch nicht einmal über einen großen V8.

Vorbildlich?

Die Ruhe, die der Wagen beim enspannten Reisen ausstrahlt.

Was sagt der Nachbar?

Er lächelt nur müde, als ich mich mit dem XJ am Morgen mühsam aus der Einfahrt quäle. Über Nacht hat ein anderer Anwohner etwas ungünstig an der Straße geparkt. Mit einem normal großen Wagen kein Problem, mit einer 5,12 Meter langen Limousine und dem Wendekreis eines Kreuzfahrtschiffes allerdings schon. Glatt durchgefallen.

Wer guckt?

BMW-, Audi- und Mercedes-Fahrer ab E-Klasse/5er/A6 aufwärts. Darunter nicht.

Wie fährt er sich?

Wahnsinnig entspannt – bis zur nächsten Engstelle. Übersicht beim Manöverieren ist nicht gerade seine Stärke. Aber sobald der XJ rollt und etwas Paltz hat, wollen Sie nicht mehr aussteigen.

Wo gehört er hin?

Autobahnen und Landstraßen beherrscht der XJ perfekt, dank Allrad-Antrieb auch mit Schneedecke. In der Stadt gibt es Abzüge in der B-Note.

Egal welche der beiden Ansichten man selbst vertritt, in einem Punkt dürften beide von Verzicht sprechen: bei hohen Preisen. Eben weil der XJ hierzulande eine solche Rarität ist, wird er im Internet mit teilweise deutlichen Rabatten losgeschlagen. Für die von uns gefahrene Allrad-Version – nur erhältlich mit dem 340-PS-Benziner – ruft Jaguar einen Preis von mindestens 91.880 Euro aus. Mit einer besseren Ausstattung und einigen weiteren Extras werden es schnell über 100.000 Euro. Auf einschlägigen Internetportalen wird der XJ 3.0 AWD mit Tageszulassung bereits für 78.800 Euro angeboten. Genug geredet, ab in die Tiefgarage.

Der erste Eindruck von außen: Es ist noch nicht allzu lange her, da galten Limousinen von Jaguar als altmodisch, speziell das Topmodell XJ. Doch das ist vorbei. Mit seinem Design hebt sich der Wagen klar von den konservativen deutschen Limousinen ab, bleibt aber in Grundzügen seinen Vorgängern treu und ist sofort als Jaguar zu erkennen. Der XJ wirkt mit seinen fließenden Linien weniger wuchtig als gedacht, kann aber seine Länge von 5,12 Meter nicht ganz kaschieren.

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