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01.08.2013

09:16 Uhr

Lada Taiga im Handelsblatt-Autotest

„Verdienter Held der Sowjetunion“

VonOliver Stock

Der prominenteste Chauffeur des Lada Taiga heißt Wladimir Wladimirowitsch Putin. Was würde der russische Präsident wohl sagen, wenn er Testfahrer unseres Handelsblatt-Autotests wäre? Wir geben ihm das Wort.

Irgendwie knuffig der Kurze - wenn nur dieser California-Aufkleber nicht wäre. Sebastian Schaal

Irgendwie knuffig der Kurze - wenn nur dieser California-Aufkleber nicht wäre.

Düsseldorf/MoskauMein „Schätzchen“! So würdet ihr in Deutschland "Lada Niva“ übersetzen. Und ich bin der Meinung, das passt besser als „Taiga“ – so wie ihr Fritzen ihn neuerdings umgetauft habt.  „Taiga“ – das klingt nach Nadelwald und Dauerfrost. In Niva dagegen steckt Gefühl, da steckt Seele, darin steckt Russland. Deswegen bleibt euer Taiga für mich mein Lada Niva.  Ich habe den Geheimdienst gefragt: „Warum nehmen die Deutschen einen neuen Namen?“ Die Antwort war, dass der Niva die deutschen Crash-Vorschriften nicht schafft. 

Und da unsere Ingenieure gerade U-Boote, Raumfahrzeuge und Raketenabwehrkanonen konstruieren und keine Zeit haben, sich um so etwas zu kümmern, haben unsere Exporteure vorgeschlagen, den Niva umzubenennen und ihn in Deutschland als Kleinserienfahrzeug anzumelden. Da sind die Vorschriften dann nicht so streng. Findige Leute, diese Exporteure.

Ich habe gesagt: Macht, was ihr wollt mit den pingeligen Fritzen. Die können nicht mal eigene Mondraketen bauen, aber wollen uns Russen etwas in Technik vormachen? Nein – das macht ihr nicht mit mir. Nicht mit Waldimir Wladimirowitsch, der sein Schätzchen liebt. So wie ich einst Ljudmila liebte, bevor wir uns auseinander gelebt haben. Aber was rede ich da.

Die entscheidenden Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Sagen wir: Er fährt. Er ist langsam, laut und säuft. Aber er fährt. Reicht doch!

Das schönste Detail?

Der blecherne Klang der Türen. Da saugt sich nichts an, da fällt nichts satt ins Schloss. Sounddesigner bekommen Magengrimmen. Aber echte Kerle wissen es zu schätzen, wenn Blech auf Blech prallt.

Enttäuschend?

Die Marke Lada muss so platziert werden, wie es zu ihr passt: Also Seele, Charakter, Beständigkeit, Unzerstörbarkeit, Weite, Rauhbeinigkeit. Stattdessen pappt der deutsche Importeur auf den dunklen Lada grelle Aufkleber mit dem Schriftzug "California". Das ist so, als würde Stihl nicht mit Kettensägen, sondern mit Nagelscheren werben..

Ist er's wert?

Der Lada ist billig: Ab 10.990 Euro geht es los. Gebraucht sind gute Exemplare für 6.000 Euro zu haben. Das Dumme: Sie kaufen sich für das Geld einen Oldtimer ab Werk. Wer das gleiche ausgibt und dafür beispielsweise einen gebrauchten britischen Geländewagen erwirbt, bekommt mehr Auto fürs Geld. Möglicherweise aber ein weniger charaktervolles.

Sound?

Die Türen scheppern, das Getriebe krächzt und kratzt, der Motor hüstelt, die Scheiben klappern. Ein Auto der ganz alten Schule. Radio hören, Telefonieren am Steuer? Vergessen Sie es.

Wie grün ist das Auto?

Eine Frage, die sich Lada-Fans nicht als erste stellen. Der Wagen schafft die gängigen Abgasnormen, also Euro 5. Das sagt aber nichts über seine Ökobilanz aus, mit der es angesichts eines Durchschnittverbrauchs von 10 Litern auf 100 Kilometern nicht weit her ist - bei einem eher schwachbrüstigen 1.700-ccm-Motor wohlgemerkt. Die Gas-Umrüstung, die knapp 3.000 Euro Aufpreis kostet, ist eine gute Wahl. Bis allerdings die Kosten wieder drin sind, könnte der Lada schon angefangen haben zu rosten.

Vorbildlich?

Der Verzicht auf jeglichen Schnickschnack. Fensterheber, Schminkspiegel, Klimaanlage - das ist alles nichts für Lada-Niva-(oder modern "Taiga")-Fahrer. Sie sind echte Typen und überzeugen durch Understatement. Charakter-Köpfe eben.

Was sagt der Nachbar?

Wow! Die meisten wollten schon immer mal einen haben, haben sich aber nie getraut. Dass sich der Kerl von Nebenan jetzt doch getraut hat, ist viele Nachfragen wert. Es klingt mehr Anerkennung als Mitleid in der Stimme. Der ganz große Showeffekt bleibt aber aus. Das Auto ist keine geborene Schönheit und hat deutliche Designschwächen im Detail. Wer um Himmels willen hat diese Stoßstangen geformt, die haargenau so aussehen, wie ihr Name es sagt: Stoß-Stange.

Wer guckt?

Echte Männer. Sie merken: Da verzichtet einer auf alles, was das Leben süß, aber auch irgendwie schmierig macht.

Frauen gucken auch, zumindest die, die auf innere Werte stehen.

Hunde schauen auf, weil sie wittern: Es geht ins Gelände.

Mechaniker notieren sich auch die Nummer - denn da gibt es immer etwas zu tun.

Wie fährt er sich?

Überraschend gut. Ich hatte von unruhigem Geradeauslauf gelesen. Von Rückenschmerzen nach jedem Huckel. Das ist Quatsch. Die Sitze finde ich bequem, die Servolenkung genau. Gut - er ist laut, das Getriebe macht Radau. Wer mundfaul ist, hat eine Ausrede, wenn der Beifahrer zu viel quatschen will.

Wo gehört er hin?

Ins Gelände, da macht ihm keiner was vor. Der kurze Radstand - kürzer als beim Opel Corsa - ermöglicht Kapriolen querfeldein. Hinterher ist allerdings Pflege angesagt. Der Lada kann rosten, dauerhaften Dreck am Kleid mag er nicht. Die asphaltierte Straße unterfordert ihn. Mitschwimmen im Verkehr ist aber kein Problem.

Ich fahre Niva. Basta. Der Schröder hat mir gesagt, bau hinten einen Gastank ein, dann kannste Gazprom tanken. Der Schröder ist ein Schlitzohr. Hatte wieder seinen eigenen Vorteil im Kopf – und vergaß glatt darüber, dass Gazprom auch in Öl macht. Ich hab es ihm zu Liebe und wegen der deutsch-russischen Freundschaft dennoch gemacht. Habe für 2.850 Euro einen Gastank einbauen lassen, schön unsichtbar unter dem Kofferraum. Wenn ich mehr als 10.000 Kilometer pro Jahr mit dem Schätzchen fahre, habe ich den Preis nach gut drei Jahren drin. 

Dafür ist mein Niva etwas langsamer mit Gas. Ich kann aber mit einem Knopfdruck auf Benzin umschalten. Dann habe ich zwei Tanks und komme glatt von Moskau bis Polen ohne zu halten. Hätte Väterchen Stalin gefallen. Auch dass er säuft, egal ob Benzin oder Gas, hätte ihn nicht gestört. Ich selbst finde das auch nicht so schlimm. Ich kann mich zwar zügeln, aber ich werde doch russische Urtugenden nicht unterdrücken. Ich bin ja nicht der Zar!

Alles drin, alles dran, was willst du mehr? Airbags? Fehlanzeige, weswegen das Modell irgendwann aus dem Verkehr gezogen werden dürfte. Rechts über dem Radio ist der Knopf zum Umstellen von Benzin auf Gasbetrieb. Das geht während der Fahrt. Sebastian Schaal

Alles drin, alles dran, was willst du mehr? Airbags? Fehlanzeige, weswegen das Modell irgendwann aus dem Verkehr gezogen werden dürfte. Rechts über dem Radio ist der Knopf zum Umstellen von Benzin auf Gasbetrieb. Das geht während der Fahrt.

Das Getriebe macht abenteuerlichen Radau ab Tempo 130. Radio hören kann ich vergessen, mache ich aber sowieso nicht mehr, seit die nur noch Pussy Riot rauf und runter spielen. Beim ehemaligen kapitalistischen Klassenfeind wird der Lärm auf unsere russischen Wälzlager zurückgeführt. Sie sind in der Tat eine hervorragende Erfindung aus der Sowjetunion – aber gehen eben wie alles wahrhaft Lebendige irgendwann über die Wolga. Wer will schon ewig leben?

Dass alle im Lada verbauten Wälzlager noch von einer sozialistischen Planungspanne mit anschließender Überproduktion aus den siebziger Jahren stammen, ist eine böse Unterstellung des Klassenfeinds. Ich sage ja auch nichts gegen die rollenden Reisschüsseln aus Korea und Japan, die in den Schlämmen Sibiriens aufgeschmissen wären. Gut – der Zylinderkopf und das Verteilergetriebe waren vor 35 Jahren, als der von mir sehr geschätzte Genosse Leonid Illjitsch Breschnew den ersten Lada Niva betrachtete, eine Eigenkonstruktion.

Den Rest haben wir damals von Fiat bekommen. Irgendwie hielt das, was die Italiener machten, länger, während unsere Zylinderköpfe dauernd platzten. Ich habe damals dafür gesorgt, dass der Berlusconi an die Regierung kommt, seitdem geht es mit Italien bergab, während wir uns mit russischer Ausdauer nach vorne kämpfen.

Kommentare (16)

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Ladafan

01.08.2013, 10:05 Uhr

Mir ist dieser Erfahrungsbericht zu spöttisch, typisch eben wessilike.

Der Lada ist vor allem ein robuster und sehr preiswerter Alltags-/Geländewagen ohne überflüssigen Schnickschnack!
Man braucht keine teuren Werkstattbesuche, denn alles kann der Fahrer selbst reparieren, das wurde leider in diesem Bericht nicht erwähnt...

Mein nächster Wagen wird ein Lada sein.

Account gelöscht!

01.08.2013, 10:28 Uhr

Für meine Tätigkeiten in Forst und Feld, gibt es keinen preiswerteren und besseren!

Account gelöscht!

01.08.2013, 11:29 Uhr

Zitat : Mein „Schätzchen“! So würdet ihr in Deutschland „Niva“ übersetzen. Und ich bin der Meinung, das passt besser als „Taiga“ – so wie ihr Fritzen ihn neuerdings umgetauft hat. „Taiga“ – das klingt nach Nadelwald und Dauerfrost.

- als "Schätzchen" kann Niva nur einer übersetzen, der ahnungslos ist !

Niva bedeutet aus dem Russischen : Feld, Acker, auch Bäume werden so genannt ! Also passt auch "Taiga" zu "Niva" !!!!

Und, wie ich schon des Öfteren gehört habe, insbesondere von heranwachsenden weiblichen Jugendlichen,

ist LADA-NIVA nichts anderes, als ein "Kleiner Russischer Traktor"

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