Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.06.2014

09:24 Uhr

Maserati Ghibli Diesel im Autotest

Eine italienische Affäre

VonSebastian Schaal

Mit dem Ghibli will Maserati die Fahrer großer Diesel-Limousinen von Audi, BMW und Mercedes verführen. Hat die italienische Schönheit das Zeug für eine langjährige Ehe oder bleibt es doch bei einer kurzen Affäre?

Hat die Schönheit aus Modena das Zeug, den deutschen Dienstwagenfahrer zu verführen?

Hat die Schönheit aus Modena das Zeug, den deutschen Dienstwagenfahrer zu verführen?

DüsseldorfDer Deutsche und sein Dienstwagen: Groß, praktisch und vernünftig muss er sein – ach ja, ein bisschen Prestige sollte er auch noch haben, wenn wir schon dabei sind. Und bitte möglichst wertstabil, versteht sich. Wenn man so will: eine Vernunftehe.

Kurz gesagt: Asiaten wie der Lexus GS oder der Infiniti Q70 (ehemals M35) sind raus, Autos wie der Lancia Thema von vorne herein ausgeschlossen, bleiben also Audi A6, der 5er von BMW und die Mercedes E-Klasse. Je nach Budget mit Vier- oder Sechszylinder-Diesel, gerne auch als Kombi.

Letzteres kann die neue Alternative Maserati zwar nicht bieten, dafür aber viel Prestige und einen Diesel. Einen Diesel in einem Maserati? Richtig gelesen, in den rund fünf Meter langen Ghibli bauen die Italiener jetzt auch einen Selbstzünder ein. In den 30 Zentimeter längeren Quattroporte übrigens auch.

Die Eckdaten des Vernunft-Triebwerks: 275 PS aus drei Litern Hubraum, 600 Newtonmeter, im Verbund mit der serienmäßigen Acht-Gang-Automatik von ZF soll das einen Normverbrauch von gerade einmal 5,9 Litern ergeben. Zumindest auf dem Papier ist das überzeugend, da gehen selbst dem nüchternsten TDI-Fahrer die Einwände aus.

Kann die auch so vernünftige, aber trotzdem rassige Schönheit aus Modena die deutschen Dienstwagen-Ehen ernsthaft gefährden?

Was aber kein Zahlenwerk der Welt erfassen kann, ist das Design. Von dem skulptural geformten Kühlergrill mit dem Dreizack-Logo ziehen sich geschwungene Linien über die Flanke – selbstredend mit den drei markentypischen Kiemen hinter dem Vorderrad – und die ausgestellten hinteren Radhäuser zum knackigen, eleganten Heckabschluss.

Der Ghibli fällt auf, aber durchweg im positiven Sinne. Selbst eine vernünftige Business-Limousine kann so aufregend und emotional gezeichnet sein. Wer allerdings nicht auffallen will und sich aus diesem Grund gerne hinter seinem Einheits-Audi-Design versteckt, sollte das auch weiter tun.

Die entscheidenden Fragen und Antworten zum Maserati Ghibli

Alltagstauglich?

Platz für fünf Personen, 500 Liter Kofferraum und ein für ein Fünf-Meter-Auto erträglicher Verbrauch von rund 6,5 Litern – die Eckdaten stimmen. Nur in engen Parkäusern und Tiefgaragen könnte der Fahrer der Verzweiflung nahe kommen.

Das schönste Detail?

Die Liebe, mit der das offenporige Wurzelholz und das Leder verarbeitet sind. Die Lederelemente sind fein vernäht und das Holz fasst sich wirklich klasse an. Damit muss sich der Ghibli vor einem hochgelobten Audi-Innenraum in keiner Sekunde verstecken.

Enttäuschend?

Leider gibt es im Innenraum auch einige Plastik-Teile – deren Verarbeitung trübt das Bild wieder etwas.

Ist er's wert?

Mit einem Grundpreis von 64.980 Euro kostet der Ghibli zwar etwas mehr als die deutschen Konkurrenzmodelle, hat aber eine bessere Grundausstattung. Im Vergleich zu dem rund 30 Zentimeter längeren maserati Quattroporte Diesel ist der Ghibli aber ein wahres Schnäppchen: Jeder Zentimeter kostet 1.000 Euro Aufpreis.

Sound?

Hat absolut nichts mit einem Diesel zu tun. Die Italiener helfen mit dem „Maserati Active Sound System“ etwas nach. Das so „komponierte“ Geräusch klingt aber keineswegs künstlich, sondern nach einem echten V8. Der einzige Haken: Die volle Motor-Dröhnung gibt es nur im Sport-Modus – mit allen anderen Einstellungen der sportlichen Abstimmung. Ich kann also nicht gemütlich im „Ice“-Modus dahincruisen und gleichzeitig mich am satten Motorsound erfreuen.

Wie grün ist das Auto?

Auf der Autobahn mit Reisetempo 130 gönnt sich der V6-Diesel zwischen sechs und sieben Litern, in der Stadt rund zwei Liter mehr. Das geht für ein so großes und komfortables Auto in Ordnung.

Vorbildlich?

Auf die Gefahr, sich zu wiederholen: Leder und Holz sind 1A, das kann auch kein Audi oder BMW besser.

Was sagt der Nachbar?

„Schick, schick!“, ruft der Nachbar quer durch die Einfahrt. Er will aber nicht glauben, dass es sich um einen Diesel handelt. Erst ein Blick unter den Tankdeckel stimmt ihn um. Obwohl er sich begeistert die Details des Wagens erklären lässt, macht er am Ende nicht den Eindruck, als ob er bei der nächsten Dienstwagen-Entscheidung einen Maserati in Erwägung ziehen würde.

Wer guckt?

Mal eben unauffällig mit dem Maserati durch die Stadt fahren ist meist nicht drin. Nach dem Wagen dreht sich an fast jeder Kreuzung ein Passant um.

Wie fährt er sich?

Länge läuft. Dank des Radstands von drei Metern liegt der Ghibli satt auf der Straße und rollt wahnsinnig komfortabel und spurtreu auf der Autobahn. Der Diesel hat mehr als ausreichende Leistungsreserven, die 600 Newtonmeter Drehmoment sorgen für eine souveräne Beschleunigung. Auch in Kurven ist der Ghibli nicht aufgeschmissen, aber auch kein „echter“ Maserati. Auf geraden Strecken fühlt er sich deutlich wohler.

Wo gehört er hin?

In einer großzügigen Hofeinfahrt macht sich der Ghibli genauso gut wie auf der Autobahn. Auch in der Innenstadt lässt es sich mit dem Maserati ganz gut posieren äh flanieren.

Der Maserati zieht interessierte Blicke auf sich, und das nicht nur wegen der Optik. Schon im Stand brabbelt das von der Fiat-Tochter VM-Motori entwickelte Triebwerk wie ein fetter V8 – von entlarvenden Diesel-Nageln keine Spur.

Der bassige Soundtrack kann an der Tankstelle durchaus für Verwirrung sorgen, wenn der Ghibli-Fahrer Super Plus verschmäht und stattdessen zur Diesel-Zapfpistole greift.

Sogenannte Soundmodulatoren, die zwischen den vier Endrohren sitzen, verleihen dem Diesel-Ghibli seinen herausragenden Klang. Diese akustische Blenderei ist übrigens keine rein italienische Erfindung, Audi und BMW greifen auf ähnliche Weise dem ein oder anderen Diesel-Modell helfend ein.

Der zweifarbige Innenraum – die genaue Kombination kann sich der Kunde selbstredend aussuchen – ist ein echter Blickfang. So stellt man sich italienisches Design und die Liebe zum Sattler-Handwerk vor. Auch beim sanften Darüberstreicheln können die Finger nichts Negatives entdecken, Leder und Holz schmeicheln der Hand. Sebastian Schaal

Der zweifarbige Innenraum – die genaue Kombination kann sich der Kunde selbstredend aussuchen – ist ein echter Blickfang. So stellt man sich italienisches Design und die Liebe zum Sattler-Handwerk vor. Auch beim sanften Darüberstreicheln können die Finger nichts Negatives entdecken, Leder und Holz schmeicheln der Hand.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×