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05.09.2013

07:11 Uhr

McLaren MP4-12C Spider im Test

Die halbnackte Kanone

VonFrank G. Heide

Der McLaren MP4-12C Spider ist eines der schnellsten Cabrios der Welt. Kann ein normaler Autofahrer den 625 PS starken V8 sportlich bewegen? Ja, er kann. Mit 230.000 Euro und dank viel „intelligenter“ Elektronik.

Schon im Stand schneller und dynamischer als die Konkurrenz: Flügeltüren sorgen immer für den etwas spektakuläreren Auftritt. Wenn man Aus- und Einstieg beherrscht. Sebastian Schaal

Schon im Stand schneller und dynamischer als die Konkurrenz: Flügeltüren sorgen immer für den etwas spektakuläreren Auftritt. Wenn man Aus- und Einstieg beherrscht.

Düsseldorf"Sie spüren mehr Erschütterung, wenn Sie mit einem Rolls-Royce einen Jaffa-Keks überfahren!" Es klingt unglaublich, was Autotester-Papst Jeremy Clarkson über seinen McLaren-Testwagen an Lob ausschüttet, nachdem er ihn gerade durch ein knöcheltiefes Schlagloch in einer Hochgeschwindigkeitskurve geprügelt hat. Ist das auch nur annähernd wahr, oder britischer Humor?

Ich mache während meiner Tage mit dem Testwagen, der zu den schnellsten Sportwagen der Welt zählt, unfreiwillig die Probe aufs Exempel und muss dem Top Gear-Boss Recht geben: Diesen unglaublichen Fahrkomfort in der extrem flach auf die Straße geduckten 625 PS-Flunder, das erwartet niemand, der den Wagen nur von außen sieht. Aber was heißt hier "nur"?

Das Fahrzeug, ein MP4-12C Spider aus dem Düsseldorfer Showroom der Marke ist in einem leuchtenden, extrem auffälligen Orange lackiert, als ob irgendjemand es überhaupt jemals übersehen könnte. Aber ein bisschen mehr Sicherheit schadet ja nicht, der flache Flügeltürer nähert sich anderen Verkehrsteilnehmern meist schneller, alle Beteiligten denken.

Das wird schon bei der Einweisungsfahrt durch den freundlichen McLaren-Mann klar, auf die niemand verzichten sollte, der keine Rennlizenz besitzt. Der 3,8-Liter-V8 bollert im Stand schon beunruhigend gierig. Nach ein wenig Einstiegsgymnastik über den breiten Chassisrahmen hinunter in die tiefe Sitzschale wird erst mal das Dach geöffnet. Das geht vollautomatisch und in rund 17 Sekunden, schon ist der Bolide ein Traum-Cabrio.

Von einem hauchdünnen Schalensitz werde ich sanft gefangen gehalten in einer flachen Beifahrermulde, die nicht mehr als eine Handbreit über dem Asphalt liegt. Das Cockpit ist eng, aber nicht spartanisch, viel edles schwarzes Leder und glänzendes Carbon. Mein Chauffeur lässt es langsam angehen, unter 3.500 Umdrehungen rollt der Wagen auf Fahrstufe N zunächst ganz gemütlich.

Dann ist die Strecke frei, es geht in den Sportmodus und per Schaltwippe 4 Gangstufen nach unten. Begleitet von infernalischem V8-Gebrüll presst uns der McLaren tief in die belederten Carbonschalen, nach weniger als drei Sekunden rauscht die 100-km/h-Marke vorbei. Wir schießen auf eine scharfe Rechtskurve zu. Ich kann vor lauter Anpressdruck keine Hand heben, um sprachlos darauf zu deuten.

Schade, denn den für normale PKW üblichen Bremspunkt haben wir schon lange verpasst. Bevor ich ein Stoßgebet murmeln kann, beißen die Keramikbremsen zu, das Hirn schwappt nach vorn und ich hänge im Gurt wie ein Fisch im Schleppnetz. Vielen Dank, so hilflos und mitgenommen kann man sich also als Beifahrer fühlen.

Das sieht nicht nach viel aus, und verändert doch das komplette Fahrzeug. das wichtigste: H steht für Handling, P für Powertrain. N heißt normal, S steht für Sport und T für Track, also Rennstrecke. Winter halte ich für überflüssig, da halten Supersportwagen Winterschlaf, Launch simuliert den Ritt auf einer gerade abgeschossenen Kanonenkugel. Sebastian Schaal

Das sieht nicht nach viel aus, und verändert doch das komplette Fahrzeug. das wichtigste: H steht für Handling, P für Powertrain. N heißt normal, S steht für Sport und T für Track, also Rennstrecke. Winter halte ich für überflüssig, da halten Supersportwagen Winterschlaf, Launch simuliert den Ritt auf einer gerade abgeschossenen Kanonenkugel.

Auch in Zahlen ausgedrückt ist die Performance des Spider geradezu atemberaubend. Nach neun Sekunden ist aus dem Stand Tempo 200 erreicht, das schaffen sonst nur Superbikes. Es vergehen 3,3 Sekunden bis Tempo 100 anliegt, eine Geschwindigkeit aus der Wagen schon nach knapp 31 Metern zum Stehen kommt. Kein Wunder, dass der Beifahrer blass oder grün wird. Den gleichen Effekt hat übrigens die Erwähnung des Basispreises von 231.000 Euro.

Es sind aber nicht die Superlative bei den brachialen Beschleunigungsorgien und die Höchstgeschwindigkeit von 329 km/h, die den Wagen so faszinierend machen. Den McLaren, und das ist wirklich ungewöhnlich, kann jedermann fahren. Wie kein anderer Supersportwagen unterstützt er den Fahrer, lässt gemütliches cruisen zu, ja zeigt sogar etwas Alltagstauglichkeit.

Das Chassis besteht, wie immer bei McLaren, ausschließlich aus Carbon. Der Renner wiegt trotz umfangreicher Sicherheitsausstattung mit ESP und Airbags deutlich unter 1.400 Kilo.   Sebastian Schaal

Das Chassis besteht, wie immer bei McLaren, ausschließlich aus Carbon. Der Renner wiegt trotz umfangreicher Sicherheitsausstattung mit ESP und Airbags deutlich unter 1.400 Kilo. 

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