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20.04.2017

06:58 Uhr

Mercedes E-Klasse T-Modell 220d im Handelsblatt-Test

Ein Lastenträger für die Tiefenentspannung

VonFrank G. Heide, Alexander Möthe

Die Mercedes E-Klasse nimmt ihrem Fahrer einen Großteil lästiger Alltagsaufgaben ab. Sogar Überholen kann man delegieren. Ist das nun ein Traum oder ein Albtraum, sein eigener Co-Pilot zu sein?

Dabei macht dieser Benz gar nicht auf dicke Hose, sondern kommt in der richtigen Mischung aus elegant und sportlich daher. Dezent genug, um die Nachbarn nicht neidisch zu machen, auffällig genug, um den Kollegen zu zeigen, dass man höher als der Durchschnitt in der Firmenhierarchie positioniert ist. Frank G. Heide

Ganz schön groß sieht der Kombi aus, kein Wunder bei einer Länge von 4,93 Metern

Dabei macht dieser Benz gar nicht auf dicke Hose, sondern kommt in der richtigen Mischung aus elegant und sportlich daher. Dezent genug, um die Nachbarn nicht neidisch zu machen, auffällig genug, um den Kollegen zu zeigen, dass man höher als der Durchschnitt in der Firmenhierarchie positioniert ist.

DüsseldorfWas bleibt nach zwei Wochen Alltagsfahrtest der stärkste Eindruck von Mercedes' neuem E-Klasse-Kombi? Entspannung pur. Obwohl man ein fast fünf Meter langes und rund 1800 Kilo schweres Schiff durch die City navigiert, bleibt alles easy, alles cool. Eine ganze Armada sensibel eingreifender Assistenten wacht über die obere Mittelklasse samt Passagieren und bis zu 1.820 Liter Zuladung im Heck.

Und diese himmlische Ruhe an Bord. Hier ist wirklich alles so, wie man sich die erste Klasse vorstellt: Ein großzügig bemessener Innenraum, hell und hochwertig, mit guter Kopf- und Kniefreiheit auf wirklich allen Plätzen. Klimazonen, Hot-Stone-Sitzmassage und ein sehr gutes Soundsystem verwöhnen uns, während modernste Elektronik das Verkehrsgeschehen überwacht.

Die nahezu perfekt vernetzte Maschine nimmt ihrem Fahrer einen Großteil lästiger Alltagsaufgaben ab. Navigation, Vollbremsungen, Mindestabstände, Spur halten, intelligent um die Kurve leuchten, der Benz hat das locker und unaufdringlich im Griff. Fast entkoppelt vom direkten Fahrgefühl gleitet das Raumschiff auf Langstrecke mit traumwandlerischer Sicherheit über meist linke Fahrstreifen, und schluckt dank Luftfederung Bodenwellen wie Kinobesucher warmes Popcorn. Von der klammen Kommune vernachlässigter Schlaglochasphalt ist plötzlich kein Thema mehr. Das T-Modell bügelt einfach sanft drüber weg.

Das gibt dem Fahrer die Chance, sich vor allem in den ersten Testtagen auf die zunächst schwer zu bedienende Unterhaltungselektronik, die ungewohnten Touchpads und die komplexen Einstellungsmöglichkeiten von tausend und einem Extra zu konzentrieren. Mittlerweile machen gleich zwei riesige Displays das Cockpit zum Widescreen-Kino, eine Touch-Funktion gibt es aber immer noch nicht.

In einer Hand das Lenkrad, in der anderen die Betriebsanleitung, so brettern wir an Kleinwagen vorbei, ohne ihnen auch nur ein Härchen zu krümmen. Die Elektronik hält die Spur von alleine, ja sie führt sogar Überholvorgänge auf Wunsch alleine aus, greift immer wieder unmerklich in die Lenkung ein. Im Stau macht der Wagen ohnehin die ganze Arbeit allein. Wir tragen ja schon die Verantwortung, das muss reichen.

Wichtige Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Gegenfrage: Wer, wenn nicht er? Der Kombi bietet gute Übersicht bei gewaltiger Länge, bis zu 1.820 Liter Gepäck nimmt er mit.

Das schönste Detail?

Diese Ruhe an Bord, die jedermann sofort entspannt.

Enttäuschend?

Der Blick auf die Preisliste. Zwei große Bildschirme im Cockpit, aber immer noch keine Touch-Funktion. Zu viele komplexe Bedienoptionen, beispielsweise per Touchpad.

Ist er`s wert?

Natürlich ist eine obere Mittelklasse von Daimler kein billiges Vergnügen. Dafür fährt der Status aber auch stets mit.

Sound?

Die nahezu perfekte Geräuschdämmung macht das T-Modell zum idealen Reisefahrzeug. Bei Richtgeschwindigkeit nimmt man nur Reifen und Gegenwind als dezentes Rauschen wahr. Wenn überhaupt.

Wie grün ist das Auto?

Natürlich erfüllt der Vierzylinder-Diesel die Schadstoffnorm Euro 6. Den Normverbrauch von 4,6 Liter im Durchschnitt zu erreichen habe ich im Alltag nicht geschafft. Aber nur etwas mehr als fünf Liter sind auch nicht schlecht.

Vorbildlich?

Dass dieser dunkelblaue Mercedes seine ganze Souveränität stets unaufgeregt und zurückhaltend ausspielt. So wünscht man sich eine ideale Führungskraft.

Was sagt der Nachbar?

Leider gar nichts, denn der tolle Benz ist ihm gar nicht als neu aufgefallen.

Wer guckt?

Niemand. Außer den Fahrern anderer, älterer Mercedes T-Modelle.

Wie fährt er sich?

Sehr präzise, kraftvoll und vor allem ruhig. Die verschiedenen Fahrmodi und die Neungang-Automatik funktionieren perfekt. Abgesehen vom Sport-Plus-Modus, der hier fehl am Platz ist. Für Sport ist er einfach zu lang und zu schwer.

Wo gehört er hin?

Auf den gehobenen Dienstwagen-Parkplatz. Und auf die Langstrecke. In beiden Fällen gibt er eine ideale Figur ab.

Neun Gangstufen sortiert das Getriebe selber, es erledigt die Arbeit im Alltag stets so perfekt, dass der Fahrer sich mit einem Lächeln den Impuls verkneift, von Hand einzugreifen. Wer mehr spüren möchte als pure Entschleunigung, der wählt aus den fünf Fahrmodi einfach Sport, und lässt sich von einer immerhin 400 Newtonmeter starken Drehmomentwoge davontragen.

Meistens verkneifen wir uns aber sogar das und stellen alles auf Komfort. Und manchmal ist man dann auf dem Weg von Düsseldorf über Köln nach Siegen schon hinter Olpe, bevor man merkt, dass man kurz eingenickt ist.

Die Bedienung einer Vielzahl von Fahrzeugfunktionen über das Touchpad in der Mittelkonsole will erst mal erlernt sein. Zum Glück werden viele Bedienoptionen aber gleich mehrfach angeboten, über zwei weitere Touchpads im Lenkrad und Drucktasten etwa. Was wiederum auch etwas verwirrend ist. Florian Hückelheim

Die Optik ist toll, die Bedienung hat es aber in sich

Die Bedienung einer Vielzahl von Fahrzeugfunktionen über das Touchpad in der Mittelkonsole will erst mal erlernt sein. Zum Glück werden viele Bedienoptionen aber gleich mehrfach angeboten, über zwei weitere Touchpads im Lenkrad und Drucktasten etwa. Was wiederum auch etwas verwirrend ist.

Dieser unendlich bequeme, unendlich unaufgeregte Touren-Schwabe, er stellt Komfort über Leidenschaft. Weil das Gaspedal nicht nach Sport+-Modus ruft, schippert man den Lademeister gemächlich in den heimischen Hafen.

Ein Nebeneffekt: Der tiefenentspannte Pilot hat auch keinen verkrampften Bleifuß, was zu Verbrauchswerten um die fünf Liter führt und die einen nicht murren lassen, denn sie sind für eine Karosse dieser Größe ungewöhnlich gut.

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