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31.07.2014

08:39 Uhr

Mercedes S 500 L im Handelsblatt-Test

Auf dem Thron des deutschen Automobilbaus

VonSebastian Schaal

Viel luxuriöser als in der Langversion der neuen S-Klasse von Mercedes wird es nicht mehr. Doch der beste Platz im S 500 L befindet sich ausnahmsweise nicht hinter dem Lenkrad – sondern rechts hinten.

Bis auf drei Extras hat Mercedes diesem Testwagen nahezu Vollausstattung spendiert. So kommt das - bis auf die Ankunft des Maybach - größte Luxus-Flaggschiff der Stuttgarter auf 157.000 Euro. Sebastian Schaal

Bis auf drei Extras hat Mercedes diesem Testwagen nahezu Vollausstattung spendiert. So kommt das - bis auf die Ankunft des Maybach - größte Luxus-Flaggschiff der Stuttgarter auf 157.000 Euro.

Düsseldorf„Stau war das Schlimmste für ihn.“ Das sagte kürzlich sein langjähriger Fahrer über Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Statt zwei habe er teilweise bis zu vier Stunden für seinen Arbeitsweg von Bielefeld in die Essener Konzernzentrale gebraucht. Er stieg stattdessen auf Firmenkosten in den Privatflieger um – was ihm ein Gerichtsverfahren einbrachte.

Hätte es damals schon ein Auto wie die aktuelle S-Klasse von Mercedes in der Langversion gegeben, hätte der Manager problemlos über Stunden im Stau feststecken können. Im Fond des mit allerhand Paketen zum First-Class-Gleiter aufgemodelten S 500 L hätte er vollkommen entspannt arbeiten können, viel ruhiger als im Büro mit all den Meetings, Konferenzen und dem hereinplatzenden Besuch.

Wenn man so will, stellt der rundum belederte Platz hinten rechts in der gestreckten S-Klasse so etwas wie den Thron des deutschen Automobilbaus dar. Wer es noch luxuriöser will, der muss wohl auf die neuen Versionen von Audi A8 oder BMW 7er warten – oder bis Mercedes die S-Klasse in der XXL-Version als Maybach-Ersatz auf den Markt bringt.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Zum Alltag gehört (leider), dass man das Auto auch irgendwann wieder abstellen muss. Und da wird es für die lange S-Klasse mit 5,30 Metern und mehr als zwei Metern Breite im wahrsten Sinne des Wortes eng. 

Das schönste Detail?

Es wäre unfair, sich eines der Luxus-Gadgets im Innenraum herauszupicken und die anderen nicht zu würdigen. Deshalb nehmen wir den Mercedes-Stern, der immer seltener ganz klassisch auf der Motorhaube thront. Bei der S-Klasse hat er es aber verdient.

Enttäuschend?

Die manuellen Regler für die Luftdüsen sehen zwar schick aus, könnten aber von der Materialanmutung des Kunststoffes auch aus einer A-Klasse stammen.

Ist er`s wert?

157.000 Euro für den Testwagen mit Beinahe-Vollausstattung sind sehr viel Geld. Einen solchen Luxus-Gegenwert erhalten Sie aber derzeit bei keinem anderen der deutschen Premiumhersteller. Da müssen Sie schon zu Rolls-Royce oder Bentley gehen – und viel tiefer in die Tasche greifen.

Sound?

Im Stadtverkehr und beim eleganten Dahincruisen ist vom V8 so gut wie nichts zu hören. Bei Standgas könnte man zuweilen fast meinen, der Motor laufe gar nicht. Nur bei Vollgas meldet sich das Triebwerk zu Wort – aber keineswegs Turbo-pfeifend sondern eher V8-bollernd. So muss es sein.

Wie grün ist das Auto?

Mit Sonderausstattung reißt die Langversion locker die Zwei-Tonnen-Marke. Und da die 455 PS auch ab und zu zum Beschleunigen verleiten, kamen wir in unserem Test auf durchschnittlich 13,5 Liter. Wer seinen Chauffeur aber anweist, mit dem Gas behutsam umzugehen, der kann sicher noch den ein oder anderen Liter sparen.

Vorbildlich?

Wie perfekt viele der Assistenzsysteme einwandfrei zusammenarbeiten. Ein kleines Beispiel: Oft nerven die Spurhalteassistenten, wenn man auf einer verlassenen Autobahn ohne Blinken die Spur wechselt. Der Nervfaktor führt dazu, dass man das System früher oder später abschaltet – womit der gesamte Sinn eines Assistenten in Frage gestellt werden kann. Im S 500 erkennt der Spurhalter aber, ob es eine aktive Lenkbewegung ist und nichts tut (er warnt nur, wenn sich ein anderes Fahrzeug im toten Winkel befindet) oder ob ich ohne Lenkreaktion mich der Linie nähere. Nur dann meldet er sich. 

Was sagt der Nachbar?

„Zuerst dachte ich, dass ist die neue C-Klasse. Kam mir dann aber doch etwas lang vor.“

Wer guckt?

Angenehm wenige. Natürlich erkennt der ein oder andere, was da gerade an ihm vorbeigeglitten ist. Der Großteil nimmt den S500 aber gar nicht wahr. Wer seinen Reichtum zur Schau tragen äh fahren will, der muss zu einem anderen Auto greifen.

Wie fährt er sich?

Stellen Sie sich vor, sie „meditieren“ gerade auf einem richtig bequemen Sofa. So kommod ist es auch in der S-Klasse – egal ob im Stand oder bei Tempo 200.

Wo gehört er hin?

Auf den Vorstandsparkplatz vor der Konzernzentrale – solange der breit genug ist.

Sobald die Softclose-Automatik die Türen sanft ins Schloss gezogen hat, ist die Außenwelt wie vergessen. Per Fernbedienung faltet sich der Beifahrersitz platzsparend zusammen, um dem Fahrgast die maximale Beinfreiheit zu bieten. Dieser muss allerdings schon mindestens 1,85 Meter groß sein, um seine Füße auf dem ausklappenden Fußbänkchen ablegen zu können. 

Doch noch ist keine Entspannung angesagt, einige wichtige Mails müssen geschrieben werden. Flugs ist das Tischchen aus der Mittelkonsole zwischen den beiden Einzelsitzen – ja, ein 5,30 Meter langes Auto kann nur vier Sitze haben – aus- und das Notebook aufgeklappt.

Ob man sich in diesem Moment im Stop&Go durch den Berufsverkehr zwängt oder mit 150 Stundenkilometern über die Autobahn schwebt, macht für die Konzentration keinen großen Unterschied. Erst über 200 km/h dringen die Windgeräusche bis in die Ohren der Insassen vor, alles darunter ist vom Geräuschpegel mit einem Londoner Gentlemen’s Club vergleichbar.

Je nach der gewählten Ausstattung muss sich auch die Anmutung des Innenraums vor dem Interieur eines noblen Herrenclubs nicht verstecken. Wem der Charme von dunklem Leder und edlen Nusshölzer nicht zusagt, kann seiner S-Klasse auch einen Lounge-Stil verleihen. Das hellbeige Leder kombiniert mit Holz-Intarsien und Elementen aus gebürstetem Aluminium verleihen unserem Testwagen ein edles und freundliches Ambiente. 

Die Verarbeitung des Innenraums ist – wie könnte man es anders erwarten – sehr hochwertig. Wenn es noch Luft nach oben gibt, dann an der ein oder anderen Stelle bei der Materialauswahl. Ob in einer solchen Luxus-Limousine Teile der Mittelkonsole oder die Lüftungsdüsen aus Kunststoff sein müssen, kann jeder selbst entscheiden. Wir sagen nur soviel: Selbst der seit 2002 gebaute VW Phaeton hat eine aus dem vollen geschnitzte Mittelkonsole. Ein VW, kein Bentley.

Da Mercedes Luxus über einen herausragenden Komfort definiert und angesichts der bereits erwähnten 5,30 Metern Länge auf die sportlichen Ambitionen eines A8 bereits im Ansatz verzichtet,  bügelt die serienmäßige Luftfederung alle Unebenheiten gekonnt weg. Selbst im Sport-Modus (wozu auch immer man den im S 500 L braucht) federt der Luxus-Benz sanfter als so manches Konkurrenzmodell im „Comfort+“. 

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