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09.04.2013

10:54 Uhr

Motorrad-Airbag

Die Rettungsweste für Biker

VonSebastian Schaal

Der Anschnallgurt im Auto gilt als Lebensretter Nr. 1, gefolgt vom Airbag. Auf beides mussten Motorradfahrer bislang verzichten. In Sachen Bekleidung und Sicherheit rüsten hoch spezialisierte Anbieter aber nun auf.

Frankfurt/DüsseldorfEine Fahrt mit dem Motorrad ist gefährlicher als mit einem Auto. Diese Erkenntnis hält einen Großteil der Menschen davon ab, überhaupt auf ein schnelleres Zweirad als ihre alte Vespa zu steigen. Ein anderer Teil der Menschheit pfeift auf das Risiko und genießt in vollen Zügen die Freiheit auf ihrem Motorrad. Wieder ein anderer Teil versucht, das Motorradfahren so sicher wie möglich zu machen.

Bei einem Sturz können Motorrad-Fahrer bislang – von einigen Speziallösungen einmal abgesehen – nicht von einem Airbag an ihrer Maschine geschützt werden. 

Der integrierte Fahrer-Airbag an einer Honda Goldwing zum Beispiel schützt nur bei einem Frontaufprall. Wird der Fahrer beim Sturz aber von seiner Maschine getrennt oder seitlich von einem Auto getroffen, verpufft die Wirkung des schützenden Luftsacks im Nichts.

Airbagsysteme für Motorradfahrer: Funk schlägt Reißleine

Airbagsysteme für Motorradfahrer

Funk schlägt Reißleine

Wirkungsvolle Schutzsysteme für Motorradfahrer zu entwickeln, ist höchst kompliziert, weil die Bewegungen des Fahrers beim Crash nur schwer vorauszuberechnen sind. Der ADAC hat nun Airbag-Westen getestet.

Motorrad-Rennfahrer wie Stefan Bradl stürzen oft bei Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h, schütteln sich einmal und stehen wieder auf. Das gelingt den MotoGP-Stars nicht nur wegen der weiten Auslaufzonen der Rennstrecken, sondern auch dank der Airbag-Systeme, die in ihre maßangefertigten Lederkombis eingenäht sind. Hersteller wie Alpinestars, Dainese oder Spidi haben solche Systeme bereits im Angebot. Doch nicht jeder Biker will in einer Rennkombi unterwegs sein. Stellen Sie sich Valentino Rossi in seinem Rennleder auf einer Harley vor...

Deshalb hat der Bekleidungs-Spezialist Dainese ein neues System namens „D-Air Street“ entwickelt, bei dem der Airbag ebenfalls in die Bekleidung des Fahrers integriert ist. Wahlweise gibt es eine Textiljacke, in die der Luftsack eingenäht ist, oder eine separate Weste, die über der Schutzkleidung getragen wird. In beide Kleidungsstücke ist zwei je zwölf Liter große Luftsäcke eingenäht, die in 45 Millisekunden mit einem Kaltgas gefüllt werden können. Gegenüber einem herkömmlichen Rückenprotektor bietet „D-Air Street“ nach Herstellerangaben einen bis zu 72 Prozent besseren Schutz. Zudem verhindert der aufgeblasene Airbag das Überstrecken des Halses beim Wegrollen.

Von der Funktions- und Wirkungsweise des Systems hat sich der TÜV Süd überzeugen können. Sachverständige des TÜV haben die Entwicklung des Systems über Jahre begleitet - und inzwischen ausgiebig getestet. Nach über 800 Zündungen und Tests des Schutzniveaus, der Zuverlässigkeit und der Witterungsbeständigkeit bilanziert David Bordeaux vom TÜV Süd: „Das System ist sicher und hat alle Tests bestanden.“

Die Funktionsweise des neuen Systems ähnelt dem der Renn-Lederkombis, ist aber für den Einsatz auf der Straße optimiert. Bei den Lederkombis sitzt die nötige Elektronik samt GPS-Einheit im Schutzhöcker. Da Textiljacken nicht über einen solchen Höcker verfügen, musste eine andere Lösung her.

Bei „D-Air Street“ sitzt die Sensor-Einheit am Motorrad. Neben einigen Beschleunigungs-Sensoren am Rahmen baut der Dainese-Händler noch Fühler an der Federgabel an. Mit diesen Daten errechnet der Computer, wann gezündet wird und wann nicht.

Das funktioniert über eine per SIM-Karte gesicherte Funkverbindung. So wird sichergestellt, dass auch wirklich nur die zu dem Motorrad gehörende Kleidung gezündet wird. Befindet sich ein anderer Biker, der das System ebenfalls nutzt, innerhalb der Funkreichweite, wird sein Airbag nicht ausgelöst.

Wer mehrere Motorräder besitzt, der benötigt auch für jedes Bike eine eigene Sensor-Einheit. Vor der Fahrt muss dann nur die passende SIM-Karte eingesetzt werden.

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Noch ein Unterschied zu dem Renn-System: der Schutzbereich. Während der Airbag der Rennfahrer vor allem die Schultern, den Nacken und die obere Wirbelsäule abdeckt, schützen die beiden je zwölf Liter großen Luftsäcke des neuen Straßensystems den gesamten Rücken und die Brust - wie eine Rettungsweste.

Grundsätzlich neu ist die Idee nicht, Airbags in die Schutzkleidung der Motorradfahrer zu integrieren. Sämtliche Angebote, wie zum Beispiel ein Helm mit eingebauten Luftkissen, sind entweder an ihrer in der Praxis unzureichenden Funktionsweise oder ihrem exorbitant hohen Preis gescheitert. Der erste Punkt ist laut TÜV inzwischen ausgeräumt.

Ob die Kosten von 1.540 Euro für die Jacke oder 750 Euro für die Weste zu viel sind, muss jeder Biker selbst wissen. In beiden Fällen kommen noch 459 Euro für die Sensor-Einheit am Motorrad hinzu. Sicher ist: Im Falle des Falles kann der Airbag über Leben oder Tod entscheiden.

Kommentare (1)

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10.04.2013, 06:19 Uhr

Es ist besser als ein Tshirt, aber um Galaxien schlechter, als Motorräder mit Passivschutzelementen auszustatten. Das hören natürlich Rennsemmelfahrer nicht so gerne.

Ein Rennstreckensicherheit oder eine Laborsicherheit ist zudem völlig anders als der harte normale Straßenverkehr. Rennsemmelfahrer, die jenseits der 159 km/h dahinbruzzeln ... hilft ein aufblasbare Jacke wohl nur in kosmetischen Laborsituationen. Das Problem sind Hindernisse, die Gliedmassen abreißen, Schockzustände auslösen und schwerste innere Verletzungen bewirken. Ein Blasjäckchen hilft hier wohl weniger.

Eine dagegen sehr, sehr lobenswerte Entwicklung im Rollerbereich, ist die 3-Räder-Philosophie. Das hat einen wirklichen Sprung in der Verkehrssicherheit gebracht. Auch die damalige BMW C1 brachte mit der neuen Schwerpunktbildung der passiven Sicherheit einen Riesenfortschritt.

Blasjäckchen für Fahrer in Grenzbereichen jenseits der 150 km/h, die dann vor oder auf ein Hinderniss klatschen ... hilft es wohl bedingt. Bei manchen wird vielleicht sogar das Gegenteil bewirkt, da man sich vermeintlich in Sicherheit wiegt und meint noch engagierter in Grenzbereiche hineinfahren zu können.

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