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14.01.2014

10:52 Uhr

Oldtimer-Test: Mercedes 280 SL

Im Glanz der Sechziger

VonPatrick Broich
Quelle:Spotpress

Acht Jahre lang gehörte er zu den teuersten Modellen von Mercedes-Benz: Heute besticht der Mercedes SL der Baureihe W113 durch zeitlose Eleganz, robuster Technik und nicht zuletzt noch bezahlbare Preise.

Oldtimer im Test: Mercedes 280 SL - Im Glanz der Sechziger Patrick Broich/SP-X

Ein echter Hingucker war der Mercedes 280 SL schon immer.

Er war rund acht Jahre lang eine der teuersten Notierungen in der Preisliste von Mercedes-Benz - der SL der Baureihe W113. Zwischen 1963 und 1971 gebaut, war er ein Symbol der aufstrebenden Wirtschaftskraft in der noch jungen Bundesrepublik. Wenn ein solches Modell in der Hauseinfahrt stand, wussten vorbeikommende Passanten: Hier ist jemand, der den Aufstieg geschafft hat. Exakt 20.950 Mark waren im Frühjahr 1968 für einen 280 SL zu überweisen. Ein solider Opel Rekord, auch kein mickriges Auto zu dieser Zeit, war für weniger als 8.000 Mark zu haben.

Die für das Fahrzeug häufig verwendete Bezeichnung „Pagode“ geht auf die Tatsache zurück, dass der W113 auch ohne Verdeck bestellt werden konnte – und das nicht nur für den Export. 1968 wurden für den Wegfall des Stoffpakets 380 Euro Aufpreis fällig in Verbindung mit dem dann obligatorischen Hardtop, eben dem Pagodendach.

Dieses auf Wunsch mit installierter Rücksitzbank dann viersitzige Modell war wegen seines häufigen Verkaufs in die USA, und hier vor allem nach Kalifornien, auch als California-Variante bekannt. Unsere zwecks Probefahrt aufgetriebene Offerte aus Hürth ist tatsächlich ein solches US-Exemplar.

Armin Loo vom AAC Automobilhandel möchte gerne 40.000 Euro für seinen 280 SL mit Schaltgetriebe haben. Wer mit etwas weniger Leistung leben kann und einen 230er oder seltenen 250er in Betracht zieht, wird real auch für 30.000 Euro fündig – somit zählt der W113 durchaus zu den noch bezahlbaren automobilen Perlen am Markt.

Die Investition ist vor allem unter dem Gesichtspunkt steigender W113-Kurse interessant. Aber Achtung! Während die Technik um Fahrwerk und Motor meist problemlos ist, sollte beim Kauf unbedingt auf den Zustand der Karosserie geachtet werden.

In puncto Korrosion war der W113 keinen Deut besser als die günstigeren Mercedes-Familienmitglieder zu dieser Zeit. Da machen Kotflügel und Radläufe noch die geringeren Probleme; richtig teurer wird die Behebung von Schäden schlecht zugänglicher Bereiche, wozu beispielsweise die Verstärkung der Stirnwand zählt.

Oldtimer und ihre Bewertung

Kein Oldie ohne Bewertung

Bei der Oldtimerbewertung wird der Wert des Fahrzeugs ermittelt werden, der auch als Grundlage für die Versicherungseinstufung benötigt wird. Sie ist auch Voraussetzung, um ein gültiges Kennzeichen zu erhalten. Für den Kauf und Verkauf historischer Fahrzeuge bietet das Untersuchungsergebnis neben der aktuellen Ankaufsuntersuchung die gebräuchlichste und aussagekräftigste Grundlage.

Während bei einer “normalen” Gebrauchtwagenbewertung in erster Linie Baujahr und Laufleistung von Bedeutung sind, ist bei Oldtimern das entscheidende Kriterium der Pflege- und Erhaltungszustand des Fahrzeugs. Die Fahrzeugbewertung erfolgt in Form von Noten von 1 bis 5, die zuletzt 2007 von Classic Data überarbeitet wurden.

Note 1

Makelloser Zustand. Keinerlei Mängel an Technik, Optik und Historie. Ein (dokumentiert!) originales Fahrzeug der absoluten Spitzenklasse. Oder ein komplett und perfekt restauriertes Spitzenfahrzeug im Zustand wie neu (oder besser). Sehr selten!

Die Anmerkung "oder besser" ist ein Hinweis auf die Möglichkeiten modernster Restaurierungsmethoden. Duch die heutigen technischen Möglichkeiten (Schweißarbeiten, computergestützte Messtechniken) sowie den veränderten Materialien (Lack, Oberflächenveredelung) und einen umfangreichen Korrosionsschutz kann ein komplett restauriertes Fahrzeug den Zustand der Erstauslieferung übertreffen. Für Originalitätsliebhaber ist dies aber nicht erstrebenswert.

Note 2

Entweder seltener, unrestaurierter Original-Zustand oder fachgerecht restauriert. Technisch und optisch mängelfrei, aber mit leichten (!) Gebrauchsspuren. Keine fehlenden oder zusätzlich montierten Teile. Ausnahme: Wenn es die StVZO verlangt.

Leider kommt es gerade bei der Note 2, immer wieder zu Missverständnissen, weil viele Anbieter - teils aus Berechnung und teils aus Unwissenheit - ihrem Wagen eine viel zu gute Note geben, die vermeintlich der Schulnote "gut" entsprechen soll. Klar ist unter Experten aber, dass der "Zustand 2" ein nahezu optimal erhaltenes Fahrzeug charakterisiert.

Note 3

Gebrauchter Zustand. Normale Spuren der Jahre. Kleinere Mängel, aber voll fahrbereit und verkehrssicher. Keine Durchrostungen. Kein Reparaturstau und keine sofortigen Arbeiten notwendig. Nicht schön, aber gebrauchsfähig.

Note 4

Verbrauchter Zustand, eventuell teilrestauriert. Nur bedingt fahrbereit. Sofortige Arbeiten notwendig zur erfolgreichen Abnahme gem. § 29 StVZO. Leichtere bis mittlere Durchrostungen. Fahrzeug komplett in den Baugruppen aber nicht zwingend unbeschädigt. Einige kleinere Teile können aber fehlen oder defekt sein. Aber: immer noch relativ leicht zu reparieren (bzw. restaurieren).

Note 5

Nicht fahrbereit Schlecht restauriert bzw. teil- oder komplett zerlegt. Größere Investitionen nötig, da umfangreiche Arbeiten in allen Baugruppen erforderlich, aber grundsätzlich noch restaurierbar. Fehlende Teile, d.h. das Fahrzeug ist nicht zwingend komplett.

Ergänzungen

Wie auch bei Schulnoten sind "+" und "-" gestattet und üblich. Alle Noten müssen durch Sachverständigen-Gutachten belegt sein, und diese sollten möglichst aktuell sein. Im Zweifelsfall lieber ein neues Gutachten beauftragen bei den bekannten Prüf-Organisationen wie TÜV, Dekra, oder Classic Data.

Die Frage, ob ein Fahrzeug durch einen schweren Defekt (nicht fahrbereit) gleich um mehrere Noten fallen kann, ist umstritten. Im Zweifelsfall ist es besser, die notwendigen Reparaturkosten zu ermitteln, um sie dann vom Kaufpreis abzuziehen. Zugrunde gelegt wird dann der Marktwert ohne den wertmindernden Schaden.

Restauration

Auf den Wert eines Fahrzeuges hat auch die Art der Restauration einen entscheidenden Einfluß. Je originalgetreuer, desto höher die Chance einer Wertsteigerung. Umfangreiche Recherchen stehen am Anfang, um eine
fachgerechte Wiederherstellung zu garantieren. Eine saubere Dokumentation macht die Arbeiten transparent, die richtige Philosophie (ob in “Concours-Qualität, Wiederherstellung der technischen Funktion oder Modifikationen, um die Sicherheit etwa bei historischen Rennen zu verbessern) beeinflusst die Wertsteigerung.

Originalität

Entscheidend für die Originalität ist das richtige Fahrgestell. Matching Numbers (gleiche Nummern bei Motor und Chassis) sind bei Rennfahrzeugen weniger wichtig für den Wert als bei Strassen- und Sportwagen, weil bei Rennen und Grand Prix Veranstaltungen der Verschleiß höher war und während einer Saison auch leistungsgesteigerte Aggregate eingesetzt wurden. Wichtig: Dokumentierte Historie und Wartungsunterlagen des Fahrzeugs müssen langjährig und glaubhaft belegt sein.

Prominenz

Der Wert jedes Fahrzeuges wird durch seine Einzigartigkeit und Geschichte jedes einzelnen Automobils geprägt. Das gilt insbesondere für historische Rennwagen, bei denen Teilnahme, Erfolg an bedeutenden Rennen und bekannte Fahrer zählen, die sie bei solchen Veranstaltungen gesteuert haben. Entscheidend bei Vorbesitzern oder prominenten Fahrern für die Wertentwicklung ist die Beziehung zum Fahrzeug im Kontext mit der Geschichte von Markt, Marke und Fahrzeug.

Auch diverse Träger werden gerne von der braunen Pest befallen, also unbedingt auf die Hebebühne mit dem Wunschkandidaten, vor allem, wenn der Preis verdächtig günstig erscheint. Immerhin tummeln sich zahlreiche Blender in den einschlägigen Autobörsen. Obwohl der SL ja von Natur aus eher ein Cruiser ist, sind die Ausführungen mit mechanischem Schaltgetriebe besonders beliebt.

Der 280 SL von Armin Loo verfügt über eine Viergangbox. Gegen Aufpreis waren sogar Fünfgänger zu haben. Klar: Wer auf Automatik verzichtet, erhält das sportlichere Auto. Zumindest aber verströmt der so typisch nach Mercedes-Sechszylinder klingende Zwoachtziger eine dezent sportliche Note.

Das Fahrwerk mutet jedoch eher kommod als drahtig an, und die Schaltung arbeitet zwar präzise, aber nicht gerade knackig. Immerhin, der Hebel gleitet für ein Fahrzeug der Sechziger erstaunlich exakt durch die Gasse, solange man ihn gemächlich führt. Bei hektischem Umgang bleibt man garantiert hängen.

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