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22.01.2015

08:16 Uhr

Porsche 911 Targa 4S im Test

Das klappt ja prima

VonDana Heide

Lammfromm im Alltag, aber wehe, wenn man ihn loslässt: Der Porsche 911 Targa 4S überzeugt durch seine Vielseitigkeit. Besonders die beeindruckende Dachmechanik zieht die Blicke auf sich.

Mit Allradantrieb, Klappdach und dem charakteristischen Bügel: Die Vielseitigkeit des Porsche 911 Targa 4S überrascht. Julia Steinbrecht

Mit Allradantrieb, Klappdach und dem charakteristischen Bügel: Die Vielseitigkeit des Porsche 911 Targa 4S überrascht.

DüsseldorfEin Porsche - niemals. So habe ich immer gedacht. Zu teuer, zu protzig, zu viel Klischee. Ich gehöre wohl zu den Autobesitzern, vor denen sich vor allem Sportwagenbauer fürchten: Durch und durch eine Pragmatikerin, was den fahrbaren Untersatz angeht - eigentlich.

Nach ein paar Tagen mit dem 400 PS starken Targa habe ich meine Meinung geändert. Der Wagen macht einfach Spaß und ist nicht so übertrieben alltagsfern und ausgeschlossen spaßorientiert, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Was für einen eingefleischten Sportwagen-Fan wohl einen Minuspunkt darstellt, hat mich überzeugt: Die zwei Gesichter des Modells. Auf der einen Seite im Alltag lammfromm. Aber wenn einem danach ist, ein PS-Protz, der Beifahrern den Magen umdrehen kann und zu Adrenalin-Orgien verführt.

Wenn man im Sport-Plus-Modus den zweiten oder dritten Gang bis an den roten Drehzahlbereich bei fast 8.000 Umdrehungen zieht und dann das DSG die nächste Gangstufe reinwuchtet, dann ist sofort die nächste Drehmomentwoge da und spült einen einfach davon. Gewaltig, laut. Aber kontrolliert. Und süchtig machend.

Was für Anfänger auf den ersten Kilometern wie für ältere Markenfans auch nach zig-sten Fahrt in einem 911er faszinierend bleibt, ist das Gefühl ganz nah an Antrieb und Technik zu sitzen, den gewaltigen Schub sehr direkt unterm Gesäß zu spüren. Sämtliche Lenk-, Gas- und Bremseingriffe werden außerordentlich direkt und präzise vermittelt.

Elektronische Sicherheitssysteme und hilfreich eingreifende Elektronik sorgen auch in diesem Porsche dafür, dass der Fahrer leicht glauben mag, er könne vieles besser, schneller, kontrollierter als andere.

Gas geben, beschleunigen, den Motor brüllend hoch drehen lassen, dass es einen in den Sitz drückt - um ein paar Minuten später völlig entspannt über die Landstraße zu schweben - man möchte meinen, man fährt mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Dana Heide, kommissarische Leiterin des Unternehmensressorts bei Handelsblatt Online, hat den Porsche 911 Targa 4S getestet. Julia Steinbrecht

Dana Heide, kommissarische Leiterin des Unternehmensressorts bei Handelsblatt Online, hat den Porsche 911 Targa 4S getestet.

So zeigt der Wagen seine enorme Alltagstauglichkeit etwa durch hohen Komfort auf schlechten Straßenbelägen und im Kurvenverhalten. Mit Winterreifen bei Regen im Stadtgebiet Düsseldorf unterwegs zu sein ist nicht der ideale Spielplatz für den 911er. Doch immer wenn wir es per Gasfuß wünschen, wackelt er ein ganz klein bisschen mit dem Hinterteil, wird für einen Sekundenbruchteil hecklastig, bevor die Allradtechnik zielführend übernimmt.

An genau den richtigen Stellen spart sich Porsche jedoch wiederum zu viel Komfort - das Lenkrad ist von allen Knöpfchen und Schaltern befreit und die Schaltpaddles drehen sich mit. Genau so sollte es in einem Sportwagen sein.

Die wichtigsten Fragen

Wer guckt?

Vor allem Männer - egal welche Alters oder welcher Gehaltsklasse. Wobei die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfallen.

Wie fährt er sich?

Ausgezeichnet - und zwar in jeder Hinsicht, im Stadtverkehr genauso wie auf der Landstraße oder auf der Autobahn. Generell lässt sich der Porsche vor allem mit einem Charakteristikum beschreiben: Präzision.

Wie klingt er?

Ja, auch dieser Boxer-Motor ist nicht mehr luftgekühlt. Aber das macht gar nichts. Wenn der Sportauspuff per Knopfdruck nicht abgewürgt worden ist, beherrscht das 400-PS-Aggregat noch die gesamte Boxer-Tonleiter: Der Motor brabbelt, brüllt, stampft und tobt so laut unter Volllast, dass sich blitzschnell auf dem Gehweg alle Köpfe umdrehen.

Wo gehört er hin?

Nicht in den Ballungsraum. Auch wenn die sehr gute Halbautomatik lange Staus erträglich macht: Ein 911er muss gefahren werden. Zum Stehen ist das Auto einfach zu schade und kann seine Stärken kaum ausspielen.

Alltagstauglich?

Absolut. Klar: Ein Sportwagen bleibt ein Sportwagen, Raumwunder kann man von einem 911er nicht erwarten. Aber für die kleinen Aufgaben des Alltags reicht es allemal - auch für die Fahrt zum Getränkehändler.

Ist er’s wert?

Keine Frage, 124.000 Euro Basispreis sind eine Menge Geld. Aber dieser Porsche ist das bestimmt auch Vielen wert. Technik, Verarbeitung, Design - alles passt.

Was sagt der Nachbar?

Ist begeistert - erst recht wenn man mal mitfahren darf.

Und wie grün ist das Auto?

Ehrlich gesagt: Ein Porsche ist nicht grün und wird es ohne Elektroantrieb wohl auch kaum werden. Mit gutem Willen und Start-Stop-Automatik reduzierte sich der Spritverbrauch auf unserer Testfahrt auf 12,4 Liter Super Plus je 100 Kilometer. Mehr geht natürlich immer.

Die schönsten Details?

Außer dem Dach, natürlich. Der Schriftzug am Heck, die Analog-Uhr im Cockpit oder der Zündschlüssel links vom Lenkrad.

Vorbildlich?

Die Kurzanleitung. Neben dem dicken Bordbuch finden sich im Handschuhfach ein paar Karten, die mit Bild und wenig Text schnell und übersichtlich die wichtigsten Funktionen erklären. Absolut vorbildlich, sollte jedes Auto haben.

Nervig?

Die Sitze hinten muss man eigentlich gar nicht erst anbieten. Und warum sieht man nichts vom tollen Motor?

Zu den perfekten zwei Gesichtern gehören auch die "Segel"-Funktion des Targa und seine Start-Stopp-Automatik, die für Entspannung im Berufsverkehr sorgt. Das "Segeln" ist vor allem auf der Autobahn nett, wenn man es mal nicht so eilig hat. Dann schaltet der Targa bei Bedarf auf zahm um.

Nimmt man etwa bei Richtgeschwindigkeit das Gas weg, werden Motor und Antrieb elektronisch getrennt, das Drehzahlniveau sackt auf ca. 1.000 Touren und man rollt fast lautlos mit minimalen Verbrauch weiter. Ein leichtes Tupfen auf Gas oder Bremse und sofort ist der Anschluss wieder da.

Auch der charakteristisch breite Targa-Bügel anstelle der B-Säulen sorgt beim Porsche 911 Targa 4S wieder für Aufsehen. Frank G. Heide

Auch der charakteristisch breite Targa-Bügel anstelle der B-Säulen sorgt beim Porsche 911 Targa 4S wieder für Aufsehen.

Zugegebenermaßen, jedermanns Geschmack ist das vielleicht nicht, aber wer einen Allrounder sucht, für den ist der Targa 911 genau das richtige. Die schnelle Wandelbarkeit zeigt sich jedoch nicht nur im Fahrbetrieb. Spektakulär ist auch der Mechanismus des Faltdachs des Targa.

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