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24.05.2017

14:06 Uhr

Technischer Hintergrund

Was es mit dem „Thermofenster“ auf sich hat

Bauherren schätzen Thermofenster, weil sie die Wohnung warm und die Kälte draußen halten. Autofahrer kennen den Begriff mittlerweile auch. Als Reizwort für weitere Abgastricksereien – und zum Schutz der Dieseltechnik.

Moderne Diesel können unter der Abgasreinigung leiden, daher arbeiten die Systeme nur innerhalb bestimmter Temperaturfenster. Ist das schon Betrug? Der Gesetzgeber sagt nein, fordert aber auch Nachbesserungen von vielen Herstellern. dpa

Teilweise aufgeschnittener Diesel-Motor von Daimler

Moderne Diesel können unter der Abgasreinigung leiden, daher arbeiten die Systeme nur innerhalb bestimmter Temperaturfenster. Ist das schon Betrug? Der Gesetzgeber sagt nein, fordert aber auch Nachbesserungen von vielen Herstellern.

DüsseldorfDie Frage, ob Daimler bei seinen Dieselfahrzeugen die Abgasreinigung in gesetzlich verbotenem Rahmen manipuliert hat, steht nicht erst seit heute im Raum. Neu ist allerdings, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit einem Großaufgebot ausrückt, um dem Verdacht nachzugehen, ob der Premium-Autobauer vielleicht über den gesetzlich erlaubten Rahmen hinaus gegangen ist und damit um Kunden geworben hat.

Bereits im März 2017 waren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bekanntgeworden, die sich gegen „bekannte und unbekannte Mitarbeiter der Daimler AG wegen des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit möglicher Manipulation der Abgasnachbehandlung bei Diesel Pkw“ richteten. Bisher betont Daimler aber, sich bei der Abgasnachbereitung in Dieselfahrzeugen an geltendes Recht zu halten.

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Streitpunkt ist das sogenannte „Thermofenster“, so nennen Sachverständige und Techniker den Temperaturbereich, in dem schädliche Stickoxide (NOX) am besten aus Abgasen herausgefiltert werden. Technisch steckt folgende Herausforderung dahinter: Je höher die Außentemperatur der angesaugten Luft vom Idealwert abweicht, desto schwerer erreichen die Systeme die perfekte Temperatur – im schlimmsten Fall könne der Motor sogar Schaden nehmen, argumentieren die Hersteller.

Denn moderne Dieselmotoren leiden unter einer Versottung, ein Begriff den manche Altbaubesitzer schon von ihrem Schornsteinfeger gehört haben: Beim chemischen Prozess, wenn Dieselabgase durch Harnstoff (wie Adblue) von Stickoxiden befreit werden, entsteht ein Schleim. Und diese Mischung aus Kohlenwasserstoff, Kondenswasser und Ruß schädigt Motorleitungen und Teile der Abgasreinigung.

Um das zu vermeiden, fährt die Motorelektronik die Abgasreinigung bei niedrigen Temperaturen herunter oder setzt sie sogar ganz aus. So bleiben zwar die sensiblen Bauteile unbeschädigt, aber andererseits bleiben eben auch die Stickoxide in den Abgasen.

Beim Opel Zafira soll beispielsweise die Abgasreinigung schlechter funktionieren, wenn die Außentemperatur unter 17 und über 33 Grad liegt. Bei Daimler soll die Abgasreinigung bei Temperaturen unter 10 Grad weniger Stickoxide aus den Abgasen filtern. In Deutschland, wo die Durchschnittstemperatur bei 8,5 Grad liegt, dürften die meisten Diesel damit deutlich schmutziger sein als auf dem Papier angegeben.

Und doch handelt es sich damit nicht automatisch um einen klaren Betrug, wie man ihn Volkswagen seit Herbst 2015 bei der Softwaremanipulation zur Erzielung besserer Prüfstandswerte nachgewiesen hat. Denn eine Verordnung der Europäischen Kommission erlaubt es ausdrücklich, die Abgasreinigung vorübergehend abzuschalten. Tatsächlich funktioniert die Abgasreinigung der meisten Dieselmodelle bislang offenbar nur bei perfekten (Temperatur-)Bedingungen.

Kommentare (1)

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Frau Lana Ebsel

24.05.2017, 16:29 Uhr

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