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04.10.2012

14:47 Uhr

Tumminellis Designkritik

Der Rolls-Royce unter den Mobilitätshilfen

Seniorenmobile müssen nicht aussehen wie eine Kreuzung aus Paprika und Gurke. Das Modell President der Firma Trendmobil nimmt es locker mit Nobelkarossen auf. Zumindest in Sachen Licht.

Trendmobil President Scooter: "Mit diesem Fahrzeug steigen Sie in die Oberklasse der Elektro-Rollstühle auf!", verspricht die Werbung. Pressefoto

Trendmobil President Scooter: "Mit diesem Fahrzeug steigen Sie in die Oberklasse der Elektro-Rollstühle auf!", verspricht die Werbung.

DüsseldorfEine echte Designsuppe schmeckt wie Minestrone, nicht wie Erbsencreme - Kartoffeln, Zwiebeln und Wurzelgemüse gehören als alltägliches Allerlei einfach dazu. Trotzdem wird alles Design gerne auf feinste Erbsen reduziert. Namen wie Le Corbusier, Raymond Loewy und Philippe Starck, Marken wie Thonet, Braun und Apple: Erst diese Mythen unseres Zeitalters sind der Rede wert, obwohl sie bestenfalls fünf Prozent der globalen Warenwirtschaft ausmachen.

Gerade erreicht mich eine Meldung der BMW-Edelmarke Rolls-Royce über einen neuen Showroom in Monaco. Dort kann die Hautevolee der Côte d'Azur die neue Superluxus-Limousine Phantom Series II bewundern, laut Hersteller das erste Serienauto mit Voll-LED-Scheinwerfern. Fast würde man meinen, BMW sichere sich damit einen Platz auf dem Olymp.

Die Münchener scheinen zu übersehen, dass das bis zu 15 km/h schnelle Seniorenmobil President bereits über ein automatisches Front- und Rücklichtsystem in LED-Technik verfügt. Das elegante Topmodell des Paderborner Unternehmens Trendmobil ist Beispiel einer sich rasant vermehrenden Gattung. Wer nicht weiß, worum es geht, sollte mal morgens zum Bäcker gehen: Als wäre jeder Laden ein Drive-in, kreuzen mittlerweile überall kleine Elektromobile herum.

Oh ja, es gibt sie, die automobile Welt jenseits der Straße, für die ein paar Hersteller gut 50 verschiedene Modelle anbieten. Modelle zumeist, die leider auch auf den zweiten Blick gleich aussehen - schwulstige Designkreuzungen aus Gurke und Paprika. Lediglich unser President hebt sich positiv ab. Stattlich steht er auf geschliffenen Alufelgen, sein Fahrer thront auf einem Sitz, der ans Golf-Interieur erinnert. Und das vollgefederte Fahrwerk verbreitet einen Hauch von KTM-Quad - dazu kommen besagte LED-Scheinwerfer in Rolls-Royce-Technik.

Fast könnte man sich auf diesem Gerät sehen lassen und dann die Stadt mit neuen Augen sehen. Denn im Mikromobil können Senioren nicht nur entspannt einkaufen. Modelle, die nicht schneller als sechs km/h fahren, sind weder zulassungs- noch versicherungspflichtig. Die mobilen Senioren dürfen nicht nur sämtliche Rad-, Feld- und Gehwege nutzen, sondern sogar Bahnhöfe und Museen erobern.

Für die schnelleren Tempo-15-Modelle braucht man zwar ein Kennzeichen, aber keinen Führerschein. Und man kann sich mit ihnen auf offener Straße frei bewegen - im Durchschnitt gewiss nicht langsamer als ein Rolls-Royce in New York.

Warum sollte der Chef von Trendmobil also keinen Platz im Design-Olymp erhalten? Falls nötig, wären ein Ledersitz und die passenden Wurzelholz-Applikationen schließlich schnell nachgerüstet. Doch feine Designfirmen wie Rolls-Royce meiden den Markt der Mikromobile wie der Teufel das Weihwasser, und das hat mit dem Image zu tun. Kein Chefkonstrukteur würde ein Gerät weiterentwickeln, das er für eine Kreuzung von Kettcar und Rollstuhl hält. Keine Premium-Marke möchte sich öffentlich mit dem Begriff "Senioren" konfrontiert sehen.

Und das, obwohl sich doch alle längst damit beschäftigen. Denn genau genommen ist der Rolls-Royce Phantom auch nichts anderes als ein Seniorenmobil - er ist nur größer als unser President.

Der Autor, Paolo Tumminelli, ist Designprofessor an der FH Köln und Gründer von Goodbrands.


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