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02.01.2008

16:27 Uhr

Tumminellis Designkritik

Mit der Umweltplakette in die grüne Hölle

VonPaolo Tumminelli

In naher Zukunft werden Autos mit Solarenergie oder Strom aus Wasserkraft fahren – und zwar emissionsfrei. Doch anstatt in den Wandel zu investieren, wurde die unnötigste Maßnahme aller Zeiten verabschiedet: Viele deutsche Städte zwingen Autofahrer dazu, als Eintrittskarte ein ebenso tristes wie sinnloses Markenzeichen zu tragen – die Umweltplakette.

Die Umweltplakette ist nach Schadstoffklasse des Fahrzeugs grün, gelb oder rot. Foto: dpa dpa

Die Umweltplakette ist nach Schadstoffklasse des Fahrzeugs grün, gelb oder rot. Foto: dpa

Im späten 19. Jahrhundert sagten Forscher den Niedergang Londons voraus. Aufgrund des rasant wachsenden Kutschenverkehrs werde die Stadt in Pferdekot versinken. Was damals keiner ahnen konnte: Die Erfindung des Automobils sorgte dafür, dass alle Pferde aus dem Straßenbild verschwanden, bevor es so weit kommen konnte.

Inzwischen ist das Auto selbst in den Fokus der Propheten des Untergangs gerückt. Der zunehmende Verkehr werde die Metropolen unrettbar verschmutzen. Doch das Problem ist schon von gestern. Denn die nahe Zukunft wird Autos bringen, die mit Solarenergie oder Strom aus Wasserkraft emissionsfrei fahren.

Stadtplaner könnten also in Fördermaßnahmen investieren, die den Wandel beschleunigen. Stattdessen wurde die wohl unnötigste Maßnahme aller Zeiten verabschiedet: die Umweltplakette. Ziel soll die Reduzierung des C02- und Feinstaub-Ausstoßes sein. Doch ich wette, dass es keine spürbare Verbesserung geben wird.

Stadtzentren sind eben keine geschlossenen Klima-Räume – die Luft zirkuliert ja frei! Auch die Behauptung, dass die Plakette dabei helfen wird, den Fuhrpark der Deutschen zu modernisieren, hängt in der Luft. Zudem werden höchstens Verkehrsströme umgeleitet, was wenig an der gesamten Ökobilanz ändert. Zumal Umweltsünder länger unterwegs sind, um Sperrzonen zu umfahren – und so die Luft noch mehr verschmutzen.

Angesichts zahlloser Ausnahmeregeln riskiert man, dass das Verbot ohnehin nur wenige trifft. Dafür werden Millionen Autofahrer gezwungen, Geld und Zeit für die Beschaffung der Plaketten – Rot für die Hölle, Gelb für das Fegefeuer, Grün für das Paradies – zu verschwenden.

Dass die Plakette auch noch trostlos in der Gestaltung ist, passt ins Bild. Das Design sagt alles über die Qualität des Konzeptes: Es ist so, als ob man den Londoner Pferden Windeln verordnet hätte.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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