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23.11.2017

08:21 Uhr

Volvo XC60 im Handelsblatt-Test

Kann alles, außer hochdeutsch

VonMarc Renner, Frank G. Heide

SUV-und Volvo-Fans haben lange auf ihn gewartet. Und der neue XC60 beeindruckt als Herausforderer von X3, Q5 und GLC mit Design, Bedienkonzept und Autopilot-Funktion. Doch es gibt auch ein paar ärgerliche Kleinigkeiten.

Seine Funktionen bleiben zwar etwas im Verborgenen, aber egal. Er ist edel und schwer. So wie der XC60. Auch mit dem zeigt Volvo klare Kante. Florian Hückelheim

Dieser Schlüssel

Seine Funktionen bleiben zwar etwas im Verborgenen, aber egal. Er ist edel und schwer. So wie der XC60. Auch mit dem zeigt Volvo klare Kante.

DüsseldorfSchon der Schlüssel ist ein Hingucker: Streichholzschachtel-groß, umlaufender Alu-Rahmen, helles Leder, erhabenes Volvo-Logo. Drei kleine Knöpfe auf der einen Längsseite, einer auf der anderen Seite. Welche Funktion haben die? Man erkennt es kaum. Egal, das Teil sieht so edel aus und liegt schwer in der Hand. Oben sitzt ein Schiebeknopf, der den Notschlüssel freigeben sollte. Tut er aber nicht. Na gut, kann ja mal passieren. Außerdem hat man den in den vergangenen zehn Jahren ja auch nie gebraucht.

Und so wie beim Zündschlüssel geht es weiter bei unserem Testwagen, dem XC60 T6 AWD mit sündteurer Inscription-Ausstattung: Alles ist edel, vieles ist ungewöhnlich. Aber oft auch nur gewollt anders als bei anderen, nicht unbedingt besser. In der beiliegenden Pressemappe nutzen sie dafür Ausdrücke wie „selbstbewusst, kraftvoll und elegant“, „markante Designmerkmale“, die diesem SUV eine „dynamische Aura“  und einen „individuellen Charakter“ verleihen. Und wer über den Zündschlüssel hinaus auf die Silhouette des kleinen XC90-Bruders blickt, der bestätigt gerne: Sie haben Recht. 

Der optische Eindruck vom 2018er Jahrgang des XC60 pulverisiert die Mini-Schlüsselpanne: Die zweite Generation des Erfolgsmodells aus Schweden steht in direkter Verbindung zur auf der IAA 2013 präsentierten Designstudie des Volvo Concept Coupés. Vor allem die Frontpartie ist ein echter Hammer. „Thors Hammer“ genauer gesagt. So nennen sie jedenfalls bei Volvo die einem auf der Seite liegenden T gleichenden LED-Tagfahrleuchten, deren Design einen schon für das Auto einnehmen, bevor man überhaupt eingestiegen ist. Das nicht als einzelne LEDs erkennbare Leuchtband dient zugleich als Blinker: Dann wandelt sich die Leuchtfarbe von Weiß in Blinker-Orange.

Das macht Lust auf mehr. Kaum eingestiegen, steigt auch die Laune. Das edle Ambiente ist gut ausgeleuchtet, das Cockpit nordisch-modern aufgeräumt, das Raumangebot scheint riesig. Die Sitze bequem und in jeglicher Form verstellbar, serienmäßig mit elektrisch einstellbarer 4-Wege-Lendenwirbelunterstützung. Und gegen Aufpreis mit Massage- und Belüftungsfunktion. Die Materialien – ein Fest für alle Sinne. Man hält kurz inne: Das soll ein chinesisches Auto sein? Vor wenigen Jahren noch hätte hierzulande wohl niemand Volvos Mutterkonzern Geely diese Verarbeitungsqualität zugetraut.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Ja, definitiv. Viel Platz für mindestens vier Erwachsene und bis zu 1.432 Liter Gepäck. Tolles Ambiente, sehr gute Assistenten und Top-Noten beim Crashtest.

Das schönste Detail?

Die Autopilot-Funktion überzeugt mit schlichter Funktionalität. Super einfach zu bedienen und keinerlei Ausfälle oder Schreckensmomente. Da lässt man gerne mal los.

Enttäuschend?

320 PS Leistung stehen auf dem Papier, aber man spürt sie selten. Und wenn dann ist der Spritdurst des hochgezüchteten Vierzylinders ganz enorm. Und das schlechte Deutsch im Bediensystem dürfen die Entwickler auch gerne noch verbessern.

Ist er`s wert?

Das Basismodell startet bei rund 48.000 Euro, aber der gut ausgerüstete Inscription-Testwagen kostete schon weit über 80.000 Euro. Schluck!

Sound?

Wie alle aktuellen Volvo-Motoren schöpft er seine Leistung aus vier Zylindern und zwei Liter Hubraum. Im Alltag sind die 320 PS allen Situationen gewachsenen, aber sie wirken nicht immer souverän. Soll die schwere Fuhre einen ordentlich Sprint hinlegen so klingt das schon laut und angestrengt.

Wie grün ist das Auto?

Nicht besonders. Der Schadstoff-Ausstoß bei Normverbrauch beinhaltet 176 Gramm CO2, das entspricht zwar der Abgasnorm Euro6 aber nur der Effizienzklasse C. Und im Alltag haben wir oft ein Drittel mehr verbraucht als angegeben.

Vorbildlich?

Die vornehme und sachlich-kühle Unaufdringlichkeit des Innenraums. Alles wirkt supermodern, man genießt das Raumangebot. Und freut sich über gelungene Details wie die Lautsprecherabdeckungen und den Fahrmodus-Wahlschalter.

Was sagt der Nachbar?

„Wie, und die bauen jetzt echt keine Diesel und keine Sechszylinder mehr?“ Und: „Sieht man gar, dass das eigentlich ein chinesisches Auto ist.“

Wer guckt?

Viele. Wirklich viele. Die nach einem neuen Dienstwagen Ausschau halten. Was kein Wunder ist, denn der Vorgänger verkaufte sich über eine Million mal.

Wie fährt er sich?

Am liebsten im Comfort-Modus oder Eco-Modus, die passen am besten zur Größe der Karosse und den versprochenen Verbrauchswerten. Und er beruhigt, dieser erste Autopilot, dem wir uns wirklich gerne anvertraut haben.

Wo gehört er hin?

Eher nicht in flotte Kurven oder ins Gelände, aber gerne auf die Autobahn und in den Alltag. Auch einige der (Fuhrpark-)Stellplätze, die A5 und GLC jetzt besetzen, kann er mit Sicherheit erobern.

Innen gibt es kaum noch Schalter und Knöpfe. Gerade einmal sechs Stück zählen wir – darunter Warnblinkanlage, Front- und Heckscheibenheizung – unterhalb des großen, an ein Tablet im Hochformat erinnernden 9,2-Zoll-Bildschirms mit einer Diagonalen von 22,9 cm in der Mitte. Und vier in der sich nach unten anschließenden Tunnelkonsole: Fahrmodusschalter, elektronische Handbremse, Anfahrassistent und der Start-Stop-Knopf. Oder besser: Start-Stop-Dreher. Denn hier wird gedreht. Nicht gedrückt. 

Überhaupt, dieses Bedienkonzept. Es nimmt einen sofort in seinen Bann. Gemacht für die Generation Smartphone. Fast alles geht über Touch. Und vieles auch über das Multifunktionslenkrad: Immerhin bis zu 14 Infotainment, Komfort- und Fahrzeugfunktionen lassen sich ansteuern, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen.

Und anders als hier in der Mitte angegeben würde ein Dreh am Startknopf des Fahrzeugs auch in puncto Smartphone-Verbindung keine Besserung bringen. Marc Renner

Gutes Deutsch klingt anders als „Drehen Startknopf zu verbinden“

Und anders als hier in der Mitte angegeben würde ein Dreh am Startknopf des Fahrzeugs auch in puncto Smartphone-Verbindung keine Besserung bringen.

Zündung an, Bildschirm an, stutzen: „Kein Telefon angeschlossen. Drehen Startknopf zu verbinden.“, liest man auf dem Display. Aha. Schon ein bisschen peinlich, das falsche Deutsch. Zumal die Software ja auch beim großen Bruder XC90 und seinen Geschwistern V90 und S90 im Einsatz ist. Und weil ähnliche Fehler auch im Navigationsbetrieb auftauchen („Stauung wegen 2.1 km“, weitere Fehler in Groß- und Kleinschreibung). Obwohl also Layout und Menüstruktur des Infotainment-Systems extra für den XC60 nochmals überarbeitet wurden, sind diese Details (in denen der sprichwörtliche Teufel steckt) übersehen worden. Immerhin: Das Verbinden des Smartphones geht dafür umso einfacher. 

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