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08.04.2014

09:53 Uhr

VW Golf BlueTDI im Fahrtest

Der kann sogar Helikopter

VonHanne Lübbehüsen
Quelle:Spotpress

Der Golf ist einfach ein Klassenprimus, das beweist nicht zuletzt die neueste Generation. Seine Detailschärfe ist allerdings so, dass man es ihm fast schon wieder als bemuttern auslegen könnte.

Der Golf VII, der seit 2012 auf dem Markt ist, hat natürlich weiterhin die bewährte Schrägheck-Silhouette, gibt sich aber etwas markanter als sein Vorgänger VW

Der Golf VII, der seit 2012 auf dem Markt ist, hat die bewährte Schrägheck-Silhouette, gibt sich aber etwas markanter als sein Vorgänger

Mit dem Titel „Lieblingsauto der Deutschen“ lockt man derzeit keinen Käufer in die Ausstellungsräume eines Autohändlers. Zu präsent ist noch der Skandal, bei dem der Gewinn dieses Titels jahrelang manipuliert wurde. Dabei genügt ein Blick in die Zulassungsstatistik, um festzustellen, wer seit vielen Jahren Lieblingsauto der Deutschen ist – und das ganz unaufgeregt: Für den VW Golf sind jährlich zehntausende Autokäufer bereit, viel Geld auf den Tisch zu legen, das wohl stärkste Argument für eine Präferenz. Aber was finden die bloß alle an ihm? Annäherung an einen Testwagen.

Von außen: Es ist keine dankbare Aufgabe, wenn man die Kleidung der älteren Geschwister auftragen muss, das weiß auch der Golf. Sein Blechkleid darf sich von Generation zu Generation nicht zu sehr verändern, muss aber trotzdem erkennbar anders sein.

Der Golf VII, der seit 2012 auf dem Markt ist, hat natürlich weiterhin die bewährte Schrägheck-Silhouette, gibt sich aber etwas markanter als sein Vorgänger, mit schmaleren Scheinwerfern und Rückleuchten und an verschiedenen Stellen akzentuierter Karosserie. Wem es noch nicht aufgefallen ist: Auch der Tankdeckel ist neu. Modern, aber zeitlos – auf diesen Stil können sich wohl die meisten Menschen einigen.

VW Golf Variant im Handelsblatt-Test: Der Nette von nebenan

VW Golf Variant im Handelsblatt-Test

Der Nette von nebenan

Mit dem Golf Variant verhält es sich wie mit einer gutbürgerlichen Nachbarschaft. Man kennt sich, man schätzt sich. Man weiß, was man aneinander hat. Und natürlich wird gelästert. Aber nur ein bisschen und ganz leise.

Von innen: Hier ist die aktuelle Generation auf einem Top-Niveau. Unser Testwagen kam in der höchsten Ausstattung Highline plus Extras – Dekoreinlagen in Klavierlack-Optik, Ambientebeleuchtung (160 Euro Aufpreis), Leder an Lenkrad- und Schaltknauf. Die Perfektionstiefe ist beeindruckend: So gibt es in der Mittelkonsole ein Kläppchen, hinter dem sich USB-Anschluss und ein Ablagefach verbergen. Tippt man es an, erhebt es sich würdevoll und verschwindet in der Mittelkonsole.

Das können manche Fahrzeuge höherer Klassen nicht so elegant. Aber auch ohne aufpreispflichtiges Chichi sind exakte Verarbeitung und einsichtig positionierte Knöpfe erwähnenswert gut gelungen. Die Deutschen mögen es ordentlich und genau – kein Wunder, dass ihnen das Interieur gefällt.

Eines, da sind wir uns sicher, stört aber auch die Golf-Käufer, zumindest die, die eine Rückfahrkamera in der Optionsliste angekreuzt haben: Wenn diese nämlich ausfährt – sie sitzt unter dem VW-Logo auf dem Kofferraum – macht sie dabei ein Geräusch, das weniger nach Qualität als nach quälen klingt.

Bei schneller Fahrt: Der in unserem Testwagen montierte 110 kW/150 PS starke Vierzylinder-Diesel passt gut zu dem Kompakten. Er kommt schnell und vergleichsweise leise auf Touren, ist zackig genug für den Stadtverkehr, hat aber auch Langstreckenqualitäten. Schnell gefahrene Kurven nimmt der Golf souverän und außerordentlich neutral. Symptomatisch für den Wolfsburger, sorgt er doch auch in anderen Fällen dafür, dass sein Fahrer möglichst unkompliziert und angenehm ans Ziel kommt.

Hier ist die aktuelle Generation auf einem Top-Niveau VW

Was Bedienung und Übersichtlichkeit des Fahrer-Arbeitsplatzes anbelangt ist die aktuelle Generation auf Top-Niveau

Besonders hervorzuheben sei hier der gut arbeitende Spurhalte-Assistent (510 Euro Aufpreis), der per Lenkeingriff korrigiert, wenn das Auto ohne zu blinken die Spur verlässt. Individuell einstellen kann man den Golf entweder über das Fahrprofil (Sport, Normal, Eco, Individuell, plus 121 Euro), das dann zum Beispiel Motor oder Lenkung anpasst.

Noch individueller setzt das adaptive Fahrwerk die Fahrerwünsche um (plus 1.000 Euro). Ob Hausfrau oder Kurvenräuber - mit dem Golf können ganz verschiedene Fahrertypen glücklich werden.

Bei langsamer Fahrt: Was während der Fahrt angenehm ist, stört allerdings bei langsamerem Tempo, beziehungsweise im Stillstand. In seiner Perfektion schießt der Wolfsburger in bestimmten Situationen über sein Ziel hinaus. Dann zum Beispiel, wenn im Stop-and-Go-Verkehr ein anderer Verkehrsteilnehmer dem Kompakten nahe kommt: Radio und Navibildschirm aus, Piepston und Rundum-Näherungsansicht an.

Wäre der Park-Pilot eine Frau, würde man ihn wohl als Helikopter-Mutti bezeichnen. Versöhnt ist man aber dann wieder, wenn beim Aussteigen keiner schreit: „Pass auf mit der Tür!“, sondern der Golf sie stufenlos an exakt der Stelle hält, bis wohin sie geöffnet wurde.

Modern, aber zeitlos – auf diesen Stil können sich wohl die meisten Menschen einigen VW

Modern, aber zeitlos – auf diesen Stil können sich wohl die meisten Menschen einigen

An der Tankstelle: Testobjekt ist ein so genannter „BlueTDI“, das Kürzel steht für das VW-Konzept, Dieselmotoren per Abgasnachbehandlung sauberer zu machen. Der Blue-TDI ist die einzige Dieselmotorisierung unter den Golf-Aggregaten, die heute schon die EU-Abgasnorm Euro 6 erfüllt.

Die Regelung senkt die Grenze für Stickoxid-Ausstoß und Partikelemissionen und gilt ab September, aber nur für alle neuen Typenzulassungen. Gleichzeitig hat er die in Wolfsburg „Blue Motion Technology“ genannten Spritspar-Maßnahmen an Bord, wie Start-Stopp-System, Bremsenergie-Rückgewinnung oder abgesenkte Leerlauf-Drehzahl.

Zu viele Wunder sollte man von den Maßnahmen allerdings nicht erwarten, auch wenn VW 4,1 Liter als Normverbrauch angibt. Im Schnitt lag der Testverbrauch bei fast sechseinhalb Litern. Hat man die Fahrprofil-Auswahl mitbestellt, den Eco-Modus ausgewählt und fährt vorsichtig, kann man den Durst auf unter sechs Liter drücken. Ein richtiger Sparfuchs ist zumindest dieser Motor nicht – dafür macht er aber auch Spaß.

Der in unserem Testwagen montierte 110 kW/150 PS starke Vierzylinder-Diesel passt gut zu dem Kompakten VW

Der 150 PS starke Vierzylinder-Diesel passt gut zu dem Kompakten

Auf dem Stimmzettel: Durchaus verständlich, warum sich jedes Jahr so viele Neuwagenkäufer für den Kompakten aus Wolfsburg entscheiden. Kein anderes Fahrzeug dieser Klasse ist so zeitlos, klassenlos und wandelbar.

Er taugt als kleinster gemeinsamer Nenner in der Familie, mit bis zu 1.270 Litern Kofferraum als Auto sowohl für den Urlaub als auch den Alltag, kann je nach Motorisierung sowohl sparsam als auch schnell, mit dem Design fällt man nicht negativ auf und ein bisschen kann man sich wie ein Oberklasse-Fahrer fühlen, eben wenn man aufs Kläppchen drückt.

Das setzt allerdings ein wohlgefülltes Bankkonto voraus, denn die Optionsliste ist lang und die Basismodelle sind ziemlich nackt. Aber für Perfektion greifen die Deutschen ja gerne mal etwas tiefer in die Tasche.

Technische Daten

Fünftürige, fünfsitzige Schrägheck-Limousine der Kompaktklasse, Länge 4,26 Meter, Breite 2,03 Meter (inkl. Außenspiegel), Höhe 1,45 Meter, Radstand 2,64 Meter, Kofferraumvolumen 380 bis 1.270 Liter. Motor: 2,0-Liter-Diesel, 110 kW/150 PS, manuelles Sechsgang-Getriebe, maximales Drehmoment 340 Nm bei 1.750 - 3.000 U/min, 0-100 km/h: 8,6 s, Vmax 216 km/h, Verbrauch: 4,1 l/100 km, CO2-Ausstoß: 106 g/km, Effizienzklasse: A, Emissionsklasse: Euro 6, Testverbrauch: 6,4 Liter. Preis: ab 27.100 Euro (Comfortline)

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