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11.03.2013

08:24 Uhr

Wenn das Schnauferl streikt

Oldtimer-Fans auf Ersatzteiljagd

Quelle:dpa

Wirtschaftsexperten spekulieren gern, Oldtimer seien eine Geldanlage. Damit sie es bleiben, sind gelegentlich Zusatzinvestitionen in Ersatzteile fällig. Deren Beschaffung artet manchmal zu einer Odyssee aus.

Oldtimer zu fahren ist die eine Seite - sie in Schuss zu halten die andere. ADAC

Oldtimer zu fahren ist die eine Seite - sie in Schuss zu halten die andere.

München/KölnDer Motor läuft nicht rund, und die Lichtmaschine ist defekt. Ganz zu schweigen von dem durchgerosteten Kotflügel. Am besten weg mit dem alten Teil, ein neues muss her. So stellen sich häufig die Alltagsprobleme eines Young- oder Oldtimerbesitzers dar. Karosseriebleche und Ausstattungsteile für die Generation Ü30 von Autos und Motorrädern zu besorgen, ist eine große Herausforderung. Im Internet finden sich neben zahlreichen Fan-Foren oft auf den gängigen Autoteile-Portalen auch für Oldtimer passende Ersatzteile. Die Anbieter sind zumeist Zwischenhändler für spezialisierte Lieferanten.

Aber sie sind nicht immer die beste Quelle, wie Hobby-Restaurator und Sachbuchautor Heinrich Niemeier berichtet: "Im letzten Jahr habe ich dreimal einen Bremssattel über Online-Portale bestellt, und er konnte nie geliefert werden." Ist ein Teil einmal im System erfasst, wird es zwar auf dem entsprechenden Portal angezeigt, aber nicht zwingend als Lagerware geführt, erfuhr er auf Nachfrage.

Bei Teilen für Fahrzeuge nicht mehr existenter Marken verspricht die Offline-Suche oft mehr Erfolg: Zeitschriften wie "Oldtimer Markt" und "Oldtimer Praxis", "Auto Bild Klassik" oder "Motor Klassik" geben Aufschluss über Reparaturmöglichkeiten exotischer wie gängiger Modelle und bieten Teilebörsen für Ersatzteil-Selbstversorger.

Wer selbst schraubt, muss sich auch um Ersatzteile kümmern - und das ist bei Oldtimern wie diesem Mercedes Benz Ponton (Baujahr 1956) oft gar nicht so leicht. Foto: Monique Wüstenhagen dpa

Wer selbst schraubt, muss sich auch um Ersatzteile kümmern - und das ist bei Oldtimern wie diesem Mercedes Benz Ponton (Baujahr 1956) oft gar nicht so leicht.
Foto: Monique Wüstenhagen

Viele Teile sind auch über die Automobilhersteller zu bekommen. Volkswagen Classic Parts lagert nach eigenen Angaben bis zu 60.000 Originalteile, Porsche Classic rund 35.000 und Opel Classic Parts über 19.000. Ebenso verlässliche Anlaufstelle für Ratsuchende sind Marken-Clubs, von denen manche eigene Ersatzteillager betreiben.

Mehr als 300 Oldtimer-, Youngtimer- und Marken-Clubs verzeichnet allein der ADAC und verweist auf deren Experten. "Die Liebhaber einer bestimmten Baureihe wissen oft ganz genau, wo was am günstigsten zu bekommen ist," empfiehlt Johann König von der ADAC Oldtimer-Sektion. "Die jeweiligen Typreferenten klären die wichtigen Fragen vorab: Gibt es noch Originalteile bei Hobbybastlern, gibt es das gesuchte als Neuteil oder baut es jemand nach?"

Oldtimer und ihre Bewertung

Kein Oldie ohne Bewertung

Bei der Oldtimerbewertung wird der Wert des Fahrzeugs ermittelt werden, der auch als Grundlage für die Versicherungseinstufung benötigt wird. Sie ist auch Voraussetzung, um ein gültiges Kennzeichen zu erhalten. Für den Kauf und Verkauf historischer Fahrzeuge bietet das Untersuchungsergebnis neben der aktuellen Ankaufsuntersuchung die gebräuchlichste und aussagekräftigste Grundlage.

Während bei einer “normalen” Gebrauchtwagenbewertung in erster Linie Baujahr und Laufleistung von Bedeutung sind, ist bei Oldtimern das entscheidende Kriterium der Pflege- und Erhaltungszustand des Fahrzeugs. Die Fahrzeugbewertung erfolgt in Form von Noten von 1 bis 5, die zuletzt 2007 von Classic Data überarbeitet wurden.

Note 1

Makelloser Zustand. Keinerlei Mängel an Technik, Optik und Historie. Ein (dokumentiert!) originales Fahrzeug der absoluten Spitzenklasse. Oder ein komplett und perfekt restauriertes Spitzenfahrzeug im Zustand wie neu (oder besser). Sehr selten!

Die Anmerkung "oder besser" ist ein Hinweis auf die Möglichkeiten modernster Restaurierungsmethoden. Duch die heutigen technischen Möglichkeiten (Schweißarbeiten, computergestützte Messtechniken) sowie den veränderten Materialien (Lack, Oberflächenveredelung) und einen umfangreichen Korrosionsschutz kann ein komplett restauriertes Fahrzeug den Zustand der Erstauslieferung übertreffen. Für Originalitätsliebhaber ist dies aber nicht erstrebenswert.

Note 2

Entweder seltener, unrestaurierter Original-Zustand oder fachgerecht restauriert. Technisch und optisch mängelfrei, aber mit leichten (!) Gebrauchsspuren. Keine fehlenden oder zusätzlich montierten Teile. Ausnahme: Wenn es die StVZO verlangt.

Leider kommt es gerade bei der Note 2, immer wieder zu Missverständnissen, weil viele Anbieter - teils aus Berechnung und teils aus Unwissenheit - ihrem Wagen eine viel zu gute Note geben, die vermeintlich der Schulnote "gut" entsprechen soll. Klar ist unter Experten aber, dass der "Zustand 2" ein nahezu optimal erhaltenes Fahrzeug charakterisiert.

Note 3

Gebrauchter Zustand. Normale Spuren der Jahre. Kleinere Mängel, aber voll fahrbereit und verkehrssicher. Keine Durchrostungen. Kein Reparaturstau und keine sofortigen Arbeiten notwendig. Nicht schön, aber gebrauchsfähig.

Note 4

Verbrauchter Zustand, eventuell teilrestauriert. Nur bedingt fahrbereit. Sofortige Arbeiten notwendig zur erfolgreichen Abnahme gem. § 29 StVZO. Leichtere bis mittlere Durchrostungen. Fahrzeug komplett in den Baugruppen aber nicht zwingend unbeschädigt. Einige kleinere Teile können aber fehlen oder defekt sein. Aber: immer noch relativ leicht zu reparieren (bzw. restaurieren).

Note 5

Nicht fahrbereit Schlecht restauriert bzw. teil- oder komplett zerlegt. Größere Investitionen nötig, da umfangreiche Arbeiten in allen Baugruppen erforderlich, aber grundsätzlich noch restaurierbar. Fehlende Teile, d.h. das Fahrzeug ist nicht zwingend komplett.

Ergänzungen

Wie auch bei Schulnoten sind "+" und "-" gestattet und üblich. Alle Noten müssen durch Sachverständigen-Gutachten belegt sein, und diese sollten möglichst aktuell sein. Im Zweifelsfall lieber ein neues Gutachten beauftragen bei den bekannten Prüf-Organisationen wie TÜV, Dekra, oder Classic Data.

Die Frage, ob ein Fahrzeug durch einen schweren Defekt (nicht fahrbereit) gleich um mehrere Noten fallen kann, ist umstritten. Im Zweifelsfall ist es besser, die notwendigen Reparaturkosten zu ermitteln, um sie dann vom Kaufpreis abzuziehen. Zugrunde gelegt wird dann der Marktwert ohne den wertmindernden Schaden.

Restauration

Auf den Wert eines Fahrzeuges hat auch die Art der Restauration einen entscheidenden Einfluß. Je originalgetreuer, desto höher die Chance einer Wertsteigerung. Umfangreiche Recherchen stehen am Anfang, um eine
fachgerechte Wiederherstellung zu garantieren. Eine saubere Dokumentation macht die Arbeiten transparent, die richtige Philosophie (ob in “Concours-Qualität, Wiederherstellung der technischen Funktion oder Modifikationen, um die Sicherheit etwa bei historischen Rennen zu verbessern) beeinflusst die Wertsteigerung.

Originalität

Entscheidend für die Originalität ist das richtige Fahrgestell. Matching Numbers (gleiche Nummern bei Motor und Chassis) sind bei Rennfahrzeugen weniger wichtig für den Wert als bei Strassen- und Sportwagen, weil bei Rennen und Grand Prix Veranstaltungen der Verschleiß höher war und während einer Saison auch leistungsgesteigerte Aggregate eingesetzt wurden. Wichtig: Dokumentierte Historie und Wartungsunterlagen des Fahrzeugs müssen langjährig und glaubhaft belegt sein.

Prominenz

Der Wert jedes Fahrzeuges wird durch seine Einzigartigkeit und Geschichte jedes einzelnen Automobils geprägt. Das gilt insbesondere für historische Rennwagen, bei denen Teilnahme, Erfolg an bedeutenden Rennen und bekannte Fahrer zählen, die sie bei solchen Veranstaltungen gesteuert haben. Entscheidend bei Vorbesitzern oder prominenten Fahrern für die Wertentwicklung ist die Beziehung zum Fahrzeug im Kontext mit der Geschichte von Markt, Marke und Fahrzeug.

Günter Lehmann ist Ersatzteilspezialist beim Verein Mercedes-Benz Interessen-Gemeinschaft (MBIG). "Über die 50 000 lieferbaren Originalersatzteile von Mercedes-Benz Classic hinaus können wir noch auf rund 3.000 weitere verweisen, die in den offiziellen Mercedes-Preislisten nicht mehr geführt werden", berichtet er. "Unsere Messlatte ist die Qualität der Originalbaujahre." Bei heutigen Nachfertigungen werde die leider häufig nicht erreicht. Die Qualitätsunterschiede zwischen originalen und nachgefertigten Teilen machen sich in Materialbeschaffenheit, Oberflächengüte und vor allem bei der Passgenauigkeit bemerkbar.

Sachverständige des Gutachter-Netzwerks Classic Data oder von Prüfstellen wie Dekra oder TÜV wissen um die Problematik. "Repro-Teile aus asiatischen Ländern sind zwar günstiger, haben aber oft eine geringere Haltbarkeit oder Belastbarkeit", erläutert Norbert Schroeder vom TÜV Rheinland.

Ist ein Stück überhaupt nicht mehr aufzutreiben, wissen sich Experten trotzdem zu helfen und produzieren im Notfall selbst. "Einen Differentialbolzen für die Hinterachsüberholung des Mercedes W 112 gibt's nicht - den muss ich eben anfertigen", sagt Günter Lehmann.

Ob Werkzeug oder Fahrzeugteile: Auf Märkten wie der Messe Veterama können Oldtimerbesitzer so gut wie alles finden, was sie benötigen. PR

Ob Werkzeug oder Fahrzeugteile: Auf Märkten wie der Messe Veterama können Oldtimerbesitzer so gut wie alles finden, was sie benötigen.

Manuell hergestellte Teile sind meist viel teurer als Industrieware. Finden sich gleich mehrere Anbieter eines Teils, können die Preisunterschiede immens sein. Auf Märkten und Messen Angebote zu vergleichen, ist daher für jeden Hobbyschrauber eine sportliche Herausforderung. Knatternde Motoren, ölgetränkte Kisten mit Altmetall und Benzingespräche am Imbissstand machen die Recherche zum Erlebnis.

Etwa auf der Messe Veterama (16./17. März): "Was Sie auf der Veterama nicht finden, brauchen Sie nicht", sagt Winfried A. Seidel, einer der Gründerväter, über Europas größten Oldtimer-Teilemarkt in Mannheim und in diesem Jahr erstmals auf dem Hockenheimring.

Mittlerweile müssen Besucher 26 Kilometer Wegstrecke in Kauf nehmen, wenn sie die Stände aller 4.000 Aussteller ablaufen wollen. Die gezielte Suche ist auch dort sicher nicht einfach. Aber was wäre das rostigste Hobby der Welt ohne diese unterhaltsame und kommunikative Beschäftigung?

Oldie-Konservierung

Was ist Fahrzeugkonservierung?

Mit einer Fahrzeugkonservierung soll das Fahrzeug in dem Zustand gehalten werden, in dem es ist oder kurz vor der Konservierung gebracht wurde.

Wie wird konserviert?

Meist dienen unterschiedlich kriechfähige Fette zur Konservierung. Sie unterkriechen Schmutz, Dreck und Unterbodenschutz und verhindern, dass sich an kleinen vorhandenen Roststellen weiterer Rost bildet, indem sie die Sauerstoffzufuhr stoppen. Größere Roststellen sollten durch entsprechende Karosseriebauarbeiten vor der Konservierung fachmännisch behandelt werden.

Wo kann man konservieren lassen?

Die Anbieter von Konservierungsmitteln haben zum teil Partnerwerkstätten. Vieles kann man aber auch selbst machen.

Auf was muss ich beim Konservieren achten?

Es muss genau gearbeitet werden. Ist aber ein Blech einmal so professionell behandelt, wird es kaum mehr rosten.

Was kostet eine Konservierung?

Das kann man ohne direkte Inaugenscheinnahme und Prüfung des Oldtimers nicht sagen. Generell gilt: Eine gute, saubere Bodenwäsche kostet zwischen 100 und 300 Euro. Trockeneisstrahlen wird pro Stunde berechnet, da können schon mal schnell 800 bis 1.300 Euro weg sein. Das Auftragen der Fette kann man mancherorts durchaus im Alleingang machen, es gibt dazu ausführliche Beschreibungen.

Wie lange hält eine Konservierung?

Wenn sie gut gemacht ist, hält sie theoretisch extrem lange. Es kommt aber auch darauf an, welchen Temperatur- und Witterungsbedingungen der Oldtimer ausgesetzt ist, damit die Fette ihre Wirksamkeit behalten.

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