Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.07.2012

11:18 Uhr

Wie neue Sicherheitstechnik getestet wird

Siegeszug des Sensors

Quelle:dpa

Skeptiker warnen vor Entmündigung des Fahrers, die Industrie schwärmt vom selbstdenkenden Fahrzeug: Immer mehr Mini-Computer sorgen im Auto für Sicherheit, Komfort und Unterhaltung. Ein Besuch bei deren Prüfern.

Ein Continental-Mitarbeiter zeigt auf einer Teststrecke ein vereinfachtes Tachometer. dpa

Ein Continental-Mitarbeiter zeigt auf einer Teststrecke ein vereinfachtes Tachometer.

HannoverAm Südrand der Lüneburger Heide soll das Auto der Zukunft Gestalt annehmen. Zwischen stillen Nadelwäldern und grünen Wiesen testet die weltweite Nummer zwei der Zulieferer neue Systeme bis zur Serienreife. Das 42 Hektar große «Contidrom» ist heute aber mehr als nur eine private Rennstrecke. Mal quietschen Reifen und heulen Motoren - dann schnurrt fast geräuschlos ein E-Mobil vorbei. Zur «Techshow» zeigen die Continental-Entwickler alles, was aus ihrer Sicht die Mobilität von morgen ausmacht.

«Fahren Sie ruhig geradeaus weiter», ermuntert Bernd Hartmann den Fahrer, während der dunkle BMW mit Tempo 80 bedrohlich auf das immer näher kommende Hindernis zuhält. Nur noch wenige Meter trennen den Wagen auf dem Werksparcours bei Wietze im Landkreis Celle von der Kollision, man möchte beinahe die Tür aufreißen und hinausspringen. Als das Lenkrad im letzten Moment herumgerissen wird, weicht das Auto wie von Geisterhand gesteuert aus.

Ein lautes Piepsignal, auch das Elektronische Stabilitätsprogramm ESP bremst automatisch an. Eng, aber sicher umkurvt der Wagen die Barriere auf der Fahrbahn. Der Notlenkassistent - er funktioniert über einen Radarsensor und eine 3-D-Stereokamera - ist nur eines von vielen Projekten, das die Hannoveraner für eine spätere Serienfertigung fit machen.

Der Siegeszug der Mini-Computer, die dem Fahrer Entscheidungen abnehmen, sei jedoch kein Selbstzweck, erklärt Hartmann, als das Auto mit den durchgeschüttelten Passagieren zum Stehen kommt: «Den Anfang muss nach wie vor der Mann oder die Frau hinterm Steuer machen. Erst wenn es wirklich brenzlig wird, greift die Elektronik zusätzlich ein.» Unfälle verhindern helfen, ohne den Menschen völlig zu entmündigen - in diesem Spannungsfeld bewegen sich alle Autobauer und Zulieferer, die auf neuartige Assistenzsysteme setzen.

Auf dem Contidrom-Gelände: Ein Auto mit einer Kamera zum Erkennen von Hindernissen weicht automatisch einer Figur aus. dpa

Auf dem Contidrom-Gelände: Ein Auto mit einer Kamera zum Erkennen von Hindernissen weicht automatisch einer Figur aus.

Beim größten europäischen Hersteller Volkswagen will Forschungsleiter Jürgen Leohold Systeme, die bisher nur in Oberklasse-Limousinen à la VW Phaeton oder Audi A8 zum Einsatz kamen, auch bei sogenannten Volumenmodellen voranbringen. Was die Wolfsburger etwas pathetisch als «Demokratisierung von Innovationen» beschreiben, treibt auch die Conti-Entwickler auf dem Testgelände um.

Falsches Fahrverhalten und Unachtsamkeit seien für mehr als 90 Prozent aller Verkehrsunfälle in der EU verantwortlich, sagt Ralf Lenninger, Forschungschef für Innenausstattungen: «Wir haben 40 Quellen der Fahrerablenkung identifiziert. Mit der heutigen Technik können wir helfen, dass es weniger Blindflug im Auto gibt.»

Polemik: Das größte Risiko ist der Fahrer

Polemik

Das größte Risiko ist der Fahrer

Wollen uns die Premium-Hersteller mit immer mehr Elektronik-Gimmicks in den Wahn treiben? Ein Plädoyer gegen die Auswüchse der Informationsflut, die jetzt schon die meisten Fahrer überfordert.

Inzwischen verfügen moderne Pkw über rund 20.000 Schnittstellen, die «miteinander kommunizieren», wie es Lenninger ausdrückt. Bald könnten es doppelt so viele sein.

Kein Wunder, dass auch andere Anbieter und Branchen ein Riesengeschäft mit der Sensorik wittern. «Vernetzung im Auto ist nicht nur eine technische Frage, sondern eine Frage der Kooperation verschiedener Industrien», betont der Conti-Mann. Die Management-Beratung Oliver Wyman resümierte kürzlich in einer Studie: «In ihrer Tragweite sind diese Herausforderungen mit denen von Elektromobilität und Leichtbau vergleichbar.» Hauptziele sind mehr Sicherheit im Verkehr und ein energieeffizienteres Fahren.

Thomas Stadlbauer demonstriert die Rolle der elektronischen Helfer am Beispiel einer Entwicklung, die teils schon marktreif ist. Wie im Kamikaze-Flug steuert sein Golf auf die Schaumstoffwand zu. «Der Fahrer muss aber nichts tun, das Auto geht aus 30 bis 40 km/h selbst in die Eisen», verspricht der Leiter der Conti-Fahrwerkssensorik.

Gesagt, getan: Ein flaues Gefühl im Magen, die Insassen werden heftig in die Gurte gedrückt - der Notbremsassistent spricht an. In einfacher Ausführung ist das System mit dem Windschutzscheiben-Laser zur Erkennung von Hindernissen bereits bei VW, Volvo und Ford im Programm. Ein Kombigerät mit Stereokamera kommt 2014 auf den Markt.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

willi

16.07.2012, 12:02 Uhr

Nehmen wir einmal an, der Industrie gelingt es die Assistenzsystem zu perfektionieren: Dann passiert mit Sicherheit folgendes: Die Politik denkt sich Gesetze aus, die uns die Fahrtrouten vorschreiben und auch die Geschwindigkeitslimits penibel einhalten lassen müssen. Wir steuern dann nämlich nicht mehr, sondern werden gesteuert. Das wünscht sich die Politik doch schon lange, oder ?

Lexi

16.07.2012, 12:21 Uhr

Zu dem, was willi sagt, kommt noch hinzu: Die Fahrer werden schlechter werden. Es wird einerseits an der Ausbildung gespart werden, andererseits werden sich viele auf die "Assistenten" verlassen und noch weiter am Limit fahren. Das wird den Vorteil der Sensorik zum Teil wieder vernichten. Aber das ist halt gewünscht. Früher war Fahrer mal ein Ausbildungsberuf. Heute ist es nur noch was für Deppen. Oder haben Sie schon mal Auto-Fahrer gesehen, die Verkehrsschilder lesen können, seit es Navis gibt? Von Straßenkarten fange ich gar nicht erst an. So geht es los. In ein paar Jahren wird kein Fahranfänger mehr ein Gespür für Gefahrensituationen haben, weil er die nie erfahren hat.

Die Industrie ist auf dem Holzweg. Das selbstfahrende Fahrzeug ohne Fahrer ist sicherlich ein vernünftiges Ziel - für einen kleinen Teil der Kunden. Nur werden dann viele wieder Bahn fahren. Ein Auto macht deshalb Spaß, weil man es selbst steuert. Andernfalls könnte man auch Taxi fahren. Und das ist äääähhh.

was

16.07.2012, 12:39 Uhr

Klar Lexi, autofahren im Stau macht Mega Spass, besonders jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Und Taxis sind ja auch total billig. Und dann noch die Sache mit dem Alkohol. Ich bin Fahrer und kann deswegen nichts trinken. Dieses Problem wird dann auch der Vergangenheit angehören.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×