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07.06.2000

19:09 Uhr

Autozulieferer von der Kursentwicklung enttäuscht

Kiekert will aus der Börse aussteigen

VonKARLHEINZ VOSS

Die freien Aktionäre der Kiekert AG erhalten ein Übernahmeangebot zu 35 Euro je Aktie. Damit neigt sich die nur fünfjährige Börsenzeit des gut verdienenden Weltmarktführers für Autoschließsysteme dem Ende zu. Die bisherigen Großaktionäre bleiben bei der Stange.

DÜSSELDORF. Die Investorengruppe Schroder Ventures Fonds wird die Mehrheit des Autozulieferers Kiekert AG, Heiligenhaus, erwerben. Wie Kiekert am Mittwoch mitteilte, kauft eine Erwerbergesellschaft, die im Zuge der Transaktion in Kiekert Holding GmbH, Heiligenhaus, umbenannt wird, die Anteile der Hauptaktionäre Werner Sterzenbach (39,76 %) und Karl Rau (13,25 %). An der Erwerbergesellschaft sind neben Schroder als Mehrheitseigner auch Sterzenbach mit 28,5 % und Rau mit 9,5 % beteiligt. Ferner ist geplant, dem Kiekert-Management ebenfalls Anteile an der Holding zu geben.

Aktienkurs stieg um 19 Prozent

Den außenstehenden Aktionären - der Free Float beträgt 53 % - wird nach Abschluss des fusionskontrollrechtlichen Verfahrens, vermutlich im dritten Quartal 2000, ein Barangebot in Höhe von 35 Euro pro Aktie unterbreitet, heißt es weiter. Der Aktienkurs reagierte prompt und sprang um 19 % auf 34,30 Euro. Kiekert war im Juni 1995 zum Ausgabekurs von 57 DM an die Börse gekommen.

Der vorgesehene Angebotspreis enthält nach Angaben von Schroder Ventures eine Prämie von 22,1 % gegenüber dem Durchschnittskurs der vergangenen 21 Handelstage sowie von 28,8 % gegenüber den vergangenen zwölf Monaten. Dabei sei die noch zufließende Dividende von 3 DM je Stückaktie nicht berücksichtigt. Nach den Worten von Erik Burgold von BHF Bank Aktienresearch hat der vorgesehene Deal aus Sicht der Aktionäre positive Aspekte, da nach seiner Einschätzung der Kiekert-Kurs in den nächsten zwölf Monaten die 35-Euro-Marke kaum erreicht hätte.

Auch Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler seel. Sohn & Co. sieht das Angebot "prinzipiell positiv". Er hätte sich allerdings einen Preis von mindestens 40 Euro vorstellen können. So viel sei Kiekert sicherlich wert. Eenen gewissen "schalen Beigeschmack" verspürt der Analyst angesichts der Tatsache, dass Sterzenbach und Rau erst Anteile verkaufen und dann bei der Holding wieder einsteigen. Es bleibe der Eindruck, die beiden versuchten, den eigenen Vorteil zu optimieren.

Wie Rau gegenüber dem Handelsblatt auf Anfrage erklärte, ist das Kiekert-Management von der Kursentwicklung tief enttäuscht. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 7 sei die im MDax gehandelte Aktie total vernachlässigt. Rau: "Wenn wir expandieren wollen und eine Kapitalerhöhung brauchen, dann können wir sie vom Markt wegen des niedrigen Kurses nicht bekommen." Nach den Worten Raus ist es das erklärte Ziel, Kiekert von der Börse wegzuholen, um die Expansion zu sichern. Deshalb habe sich Kiekert nach einem starken Partner umgesehen.

Operativ bleibe im Grunde alles beim Alten, sagte Rau. Schroder Ventures greife nicht ins tägliche Geschäft ein, sondern beschränke sich auf seine Finanzbeteiligung. Sterzenbach, der als Vorstandsvorsitzender das Unternehmen zur Börse gebracht hatte und 1999 Aufsichtsratsvorsitzender wurde, bleibe auf seiner Position. Vorgesehen sei indessen, Kiekert in einen Kommanditgesellkschaft umzuwandeln, deren Beiratsvorsitzender Sterzenbach werden solle. Auch er, Rau, behalte seine Vorstandsposition ebenso wie der Vorsitzende Wolfgang Theis, der in einer schriftlichen Stellungnahme ergänzte: "Mit Schroder Ventures haben wir einen perfekten Partner für die geplante weitere Expansion gefunden, der über profundes Vertrauen in unsere Strategie verfügt."

Durch das finanzielle Engagement wolle Schroder Ventures die langfristige Geschäftsstrategie von Kiekert unterstützen und absichern, so Theis. Das Engagement ermögliche der Gesellschaft, auf künftige Marktveränderungen noch flexibler reagieren zu können. Darüber hinaus werde die Investmentgruppe ihre Branchenkompetenz und internationale Erfahrung einbringen, um das Geschäft von Kiekert weiterzuentwickeln und auszubauen, insbesondere in den amerikanischen und asiatischen Märkten.

Schroder Ventures zählt nach eigener Darstellung international zu den größten Private-Equity-Beratungsorganisationen und berät Fonds, die über Eigenmittel in Höhe von mehr als 7 Mrd. Euro verfügen. Die Gruppe habe in Europa bereits über 200 Transaktionen mit Unterstützung des jeweiligen Managements betreut. Beabsichtigt sei, den bei Kiekert einzusetzenden Gesamtbetrag durch Eigenkapital und Fremdkapital zu finanzieren. Wie aus Bankenkreisen zu hören ist, die nicht zitiert werden wollen, hat es ein Bieterverfahren gegeben, bei dem Schroder Ventures durch das "nicht weit vom Marktpreis entfernte" Angebot zum Zuge gekommen sei.

Kiekert hat 1999 einen Umsatzsprung um fast 20 % auf 1,23 Mrd. DM geschafft. Das Geschäftsergebnis verminderte sich indessen auf 102 (113) Mill. DM. Für 2000 hat Theis eine Steigerung auf 125 Mill. DM und damit eine Bruttoumstzrendite von 10 (8,3) % angekündigt. Sterzenbach und Rau hatten das Unternehmen gemeinsam 1988 im Rahmen eines Management-Buyouts von der WAZ-Gruppe gekauft und auf die Autozulieferung fokussiert.

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