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19.03.2003

07:32 Uhr

B2B-Marktplätze

Alles, was der Kunde will

VonLars Reppesgaard (Handelsblatt)

Übersetzungsbüro, Aufräumkommando, Fundgrube - B2B-Marktplätze entwickeln sich zu Alleskönnern. Die Kunden können sich das zu Nutze machen.

In seinem Job muss Jörn Broihan zwischen zwei Welten vermitteln. "Wir leben in der Heiztechnik - die kommen aus der Chemie", sagt der Einkaufsleiter der 9 000 Mitarbeiter starken Heiztechnikgruppe Vaillant Hepworth aus Remscheid.

"Die", das sind die Betreiber der B2B-Plattform CC Chemplorer. 300 Vaillant-Mitarbeiter an über zwanzig Standorten greifen über ihren Internet-Browser auf den elektronischen Marktplatz zu, wenn sie Büromaterial oder Werkzeuge bestellen.

Die elektronische Beschaffung von Gebrauchsgütern gehört im Hause Vaillant heute zum Alltagsgeschäft. Doch dass die Remscheider ihren Online-Einkauf über CC Chemplorer abwickeln, ist ungewöhnlich. Der Marktplatz-Organisator aus Bonn war eigentlich gegründet worden, um nur der Chemieindustrie zu dienen, viele der rund eine Million Artikel, die dort gehandelt werden, kann Vaillant nicht brauchen: Reagenzgläser und Glaskolben etwa.

Doch CC Chemplorer verfügt eben über ein Katalogsystem, das besser als die Lösungen vieler Mitbewerber funktioniert. Und ohnehin versorgen sich Bayer, BASF und Co. über die Plattform mit Dingen des Alltagsbedarfs: Computer, Werkzeuge, Büromaterial oder Nachschub für den Kaffeeautomaten. Rund 200 000 Artikel aus diesen digitalen Katalogen sind auch für Vaillant interessant.

Die Heizungstechniker auf dem Chemiemarktplatz sind Ausdruck eines tiefen Wandels, den die Anbieter von B2B-Plattformen vollziehen mussten. Lange galten Spezialisierung und Branchenkenntnis als K.o.-Kriterien für die Auswahl einer solchen Plattform.

Doch die Branche hat einige Erdbeben hinter sich. Von den rund 2 000 Angeboten weltweit sind nur noch rund 200 übrig. Für einige Branchen wie die Automatisierungsindustrie oder den Stahlhandel gibt es gar keine spezialisierten Online-Märkte mehr, nachdem Unternehmen wie Vertacross und Metal Trade Net das Geld ausging.

Profiteure dieser Entwicklung sind die überlebenden B2B-Anbieter. "Viele Unternehmen aus Branchen mit gestrandeten Marktplätzen suchen jetzt Einkaufslösungen. Und die kommen dann zu uns", bemerkt Christian Rast, Geschäftsführer von CC Chemplorer.

Die Überlebenden dienen nicht nur als Fundgrube für branchenfremde Einkäufer. Sie konnten sich im Laufe der Zeit Beratungs-Know-how erarbeiten und nun als Aufräumkommando Geschäfte machen. Vor allem die Erfahrung, welche Probleme beim Anschluss eines Kunden an den Marktplatz auftreten, ist Gold wert.

Die Frage, wie chemielastig die Plattform sei, stelle dagegen kaum noch jemand, sagt Rast. "Kunden interessiert eher, wie viele Lieferanten angeschlossen sind und wie stabil die Technik ist." Für Vaillant war zudem wichtig, dass Unternehmen wie Bayer als Nutzer wie als Investoren hinter CC Chemplorer stehen: "Wir wollen nicht alle paar Monate neue Partner suchen müssen", sagt Broihan.

Auch Glomap aus Hamburg gehört zu den B2B-Anbietern, die sich weiter entwickelt haben: Aus dem Online- Marktplatz für Frachtkapazitäten ist ein auf Logistikgeschäfte spezialisierter Software- und Beratungsdienstleister geworden. Für den Otto-Versand programmierten die Hanseaten eine eigene Frachtbörse unter www.otto-fracht.de. Auch dem Haarkosmetik-Hersteller Wella genügten nicht die Standardfunktionen des Reeder-Treffpunkts im Internet: Er ließ sich ein Ausschreibungswerkzeug programmieren.

Am weitesten ist bei Glomap aber die Kooperation mit Nivea-Hersteller Beiersdorf fortgeschritten. Klaus-Peter Mikulla ist Projektleiter beim Beiersdorf-Exportteam. Er nutzte zunächst auch nur die Ausschreibungsplattform der Reederei-Spezialisten, um Transporteure für einzelne Containerladungen von Nivea, Tesa und Co. zu finden.

Heute ist Glomap auch IT-Dienstleister für den Konsumkonzern: Mit Hilfe von Computerexperten aus dem Hause Beiersdorf entwickelten die Frachtexperten die eigene Software derart weiter, dass Beiersdorf nun über eine eigene B2B-Plattform verfügt. "Jetzt kann ich vordefinieren, wer an welchen Ausschreibungen teilnehmen darf und wer bei welchen Aufträgen automatisch benachrichtigt wird", erklärt Mikulla die Vorteile der eigenen Plattform.

Hier zeigt sich, dass gerade der Mix aus Branchenspezialisten und Softwarezauberern die B2B ler als Partner attraktiv macht. "Ich rede bei Glomap mit den Fachleuten aus der Schifffahrt. Die verstehen meine Sprache und übersetzen das ihren und unseren Computerexperten", erklärt Mikulla.

Viele B2B-Pioniere haben sich auch als Übersetzer bewährt. Datenformate so umzuwandeln, dass die Informationen zwischen unterschiedlichen Systemen ausgetauscht werden können, ist im digitalen Zeitalter ein gutes Geschäft geworden.

Beispiel Inubit: Die Rieck Logistik- Gruppe fährt für die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, für den Lampenhersteller Osram und für Panasonic in Hamburg. Ebenso unterschiedlich wie die Kunden sind die Softwarelösungen, die bei der Auftragsübermittlung zum Einsatz kommen. Seit einem Jahr setzen die Berliner deshalb eine Integrationssoftware des B2B-Softwareentwicklers Inubit ein: "So konnten wir unsere Administrations- und Wartungskosten deutlich senken und die Auftragsabwicklung beschleunigen", freut sich Geschäftsführer Hartmut Rieck.

Inubit entwickelte zunächst nur Software, um Kunden die Gründung eigener Marktplätze zu ermöglichen. Der zweite Schritt war das Mapping von Informationen zwischen Unternehmen als Dienstleistung, wie sie Rieck nutzt. Zur Cebit hat sich Inubit nun auch als Übersetzer positioniert: Über Enterprise Application Integration verbinden die Berliner alte und neue Programme von Unternehmen.

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