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14.01.2003

07:47 Uhr

Babcock-Ermittlungen

Analyse: Das System WestLB wird besichtigt

VonDirk Hinrich Heilmann

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hat eine gewaltige Aufgabe vor sich: Sie muss in den kommenden Monaten das System WestLB auf kriminelle Machenschaften durchleuchten. Ein System, das jahrzehntelang weite Teile der nordrhein-westfälischen Industrie fest in der Hand hatte und in dem der langjährige WestLB-Chef Friedel Neuber in enger Abstimmung mit dem damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Bundespräsidenten Johannes Rau die Strippen zog.

Dirk Hinrich Heilmann

Dirk Hinrich Heilmann

Anlass für die Ermittlungen, die sich inzwischen auf acht ehemalige und noch amtierende Manager erstrecken, ist eine der haarsträubendsten Firmenskandale der deutschen Geschichte: der Zusammenbruch des traditionsreichen Ruhrkonzerns Babcock-Borsig AG im Sommer 2002. Das letzte Stündlein für den 1891 gegründeten Anlagenbauer hatte geschlagen, als sein damaliger Chef Klaus Lederer die Perle des Konzerns, die Kieler Werft HDW, verkaufte und sich gleich selber mit absetzte und HDW-Chef wurde. Ein ungeheurer Vorgang, der ohne das komplette Versagen der Aufsichtsgremien nicht möglich gewesen wäre.

Vorsitzender des Aufsichtsrates war kein Geringerer als Friedel Neuber, der Mann, der als Chef der WestLB jahrzehntelang die Spinne im Netz der nordrhein-westfälischen Industrie war. Er verhinderte nicht, dass Lederer einem Unternehmen mit mehr als 20 000 Beschäftigten den Todesstoß versetzte. Aus Sicht der Insolvenzverwalter war der Babcock-Konzern sogar schon Ende 2001 überschuldet, doch auch das ignorierten die Aufseher. Nun müssen die Staatsanwälte klären, ob sich der Verdacht der Insolvenzverschleppung bestätigt.

Auch Michael Frenzel, dem Vorstandschef des Reisekonzerns Tui AG, und Rainer Feuerhake, seinem Finanzvorstand, werden die Staatsanwälte unangenehme Fragen stellen. Haben sie mit dem Verkauf der HDW-Mehrheit an Babcock wissentlich dazu beigetragen, den Anlagenbaukonzern auf Kosten der Werft am Leben zu erhalten? Lässt sich das nachweisen, wird der Ruf des Neuber-Zöglings Frenzel als der Manager, der aus dem Industriekonzern Preussag den modernen Touristikriesen TUI formte, mehr als ein paar Kratzer abbekommen.

Doch noch stehen die Ermittlungen am Anfang, und jegliche Vorverurteilung wäre verfehlt. Klar ist nur: Die Zeiten einer "NRW AG" sind unwiderruflich vorbei - und das ist gut so. Es ist keine Industriepolitik im Sinne der Aktionäre, Arbeitnehmer und Bürger eines Landes, wenn eine mächtige Landesbank ehrgeizige, politisch gewollte Projekte finanziert und ganze Konzerne mit Tausenden von Beschäftigten wie Schachfiguren in einem großen Machtspiel nach Belieben hin und her schiebt.

Auch die zweitgrößte Landesbank, die BayernLB, hat mit dem Kollaps des Kirch-Imperiums ihre Grenzen kennen gelernt. Bis zuletzt hat sie Geld in das Medienreich gepumpt, als bei allen anderen Instituten schon die Warnlampen brannten. Retten konnte auch sie es schließlich nicht.

Hoffentlich lernen die Landesfürsten daraus: Die Landesbanken dürfen keine wirtschaftspolitischen Instrumente sein. Industriepolitik ist Sache der gewählten Regierungen, sie muss offen und transparent betrieben werden, und sie muss den Strukturwandel fördern, statt ihn zu unterdrücken.

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