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13.01.2003

20:00 Uhr

Babcock-Pleite zieht Kreise

Neuber gerät ins Visier der Justiz

VonMarkus Hennes

Die Ermittlungen der Justiz im Zusammenhang mit der Babcock-Pleite gehen in eine neue Runde. Die Staatsanwaltschaft nimmt Tui-Chef Frenzel und den ehemaligen WestLB-Chef Neuber aufs Korn.

Babcock-Pleite zieht Kreise, Foto: dpa

Babcock-Pleite zieht Kreise, Foto: dpa

HB DÜSSELDORF. Die Babcock-Pleite zieht Kreise. Ein halbes Jahr nach dem finanziellen Zusammenbruch des Oberhausener Maschinen- und Anlagenbauers ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf nun auch gegen Ex-WestLB-Chef Friedel Neuber und den Vorstandsvorsitzenden der Tui AG, Michael Frenzel, sowie fünf weitere Personen. Bislang konzentrierten sich die Ermittlungen der Behörde auf den früheren Babcock-Chef Klaus Lederer.

Neuber wird als Vorsitzender des Babcock-Aufsichtsrats der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung sowie der Beihilfe zur Untreue zu Lasten der früheren Babcock-Tochter HDW verdächtigt, bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Gegen Frenzel ermitteln die Staatsanwälte wegen Beihilfe zur Untreue. Beide kommen nicht als Haupttäter in Betracht, weil sie zum fraglichen Zeitpunkt weder dem Babcock-Vorstand noch dem HDW-Aufsichtsrat angehörten; es bleibt aber der Verdacht der Beihilfe.

Neuber sagte dem "Handelsblatt", er habe entgegen anders lautenden Berichten nicht die Absicht, wegen der Ermittlungen den Aufsichtsratsvorsitz bei Babcock, Tui und RWE niederzulegen. Allerdings gebe es bei Babcock Überlegungen, das Gremium deutlich zu verkleinern. Wenn diese Pläne umgesetzt würden, behalte er sich vor, dort auszuscheiden.

Die Tui (früher Preussag) hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Touristikkonzern gewandelt. Im Zuge des Umbaus übertrug die damalige Preussag im Frühjahr 1999 ihre defizitäre Anlagenbausparte sowie die Anteilsmehrheit an der Kieler Marinewerft HDW an Babcock und wurde im Gegenzug Großaktionär in Oberhausen. Von diesem Zeitpunkt an wurde HDW in die zentrale Barmittel-Verwaltung des Babcock-Konzerns ("cash clearing") einbezogen. Babcock hatte damit volle Verfügungsgewalt über die HDW-Barmittel. Folge: Der HDW- Vorstand musste Anzahlungen für Schiffe in Höhe von 500 bis 600 Mill. Euro nach Oberhausen transferieren. Dort wurden sie für die Finanzierung von Anlagenbauprojekten Babcocks eingesetzt. Ohne diese Finanzspritze hätte sich Babcock schon damals kaum über Wasser halten können, sagte ein früherer Babcock-Manager dem Handelsblatt.

Die Anzahlungen aus dem Schiffbau stellen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft "einen beträchtlichen Vermögenswert" dar. Gleichwohl hätten Preussag-Chef Frenzel und sein Finanzvorstand Rainer Feuerhake "in voller Kenntnis der Risiken" einer Übertragung des HDW-Vermögens an den maroden Anlagenbauer zugestimmt. Feuerhake habe als HDW- Aufsichtsrat möglicherweise gegen seine Vermögensbetreuungsverpflichtung verstoßen. Damit wäre der Straftatbestand der Untreue erfüllt. Frenzel war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Tui-Sprecher sagte gestern, sein Unternehmen könne sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft äußern.

Neben Frenzel, Neuber und Feuerhake ermitteln die Fahnder nun auch gegen amtierende und frühere Babcock-Vorstände wegen Insolvenzverschleppung und Untreue. Dabei handelt es sich nach Informationen des Handelsblatts um Reinhard Kayser, Fritz Kall sowie Arbeitsdirektor Gerd Woriescheck. Babcock- Manager Ludger Kramer gehört nicht zum Kreis der Beschuldigten. Er war erst am 14. Juni in den Vorstand berufen worden. Doch nicht einmal drei Wochen später, in der Nacht zum 5. Juli, stellte Babcock Insolvenzantrag.

Bislang habe es noch keine Untersuchungen und Festnahmen gegeben. Auch die Frage, ob der Verdacht für eine Anklage der Beschuldigten ausreicht, sei derzeit nicht zu beantworten. Die Ermittlungen befänden sich noch in einem Anfangsstadium, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Den Beschuldigten drohen im Falle einer Anklage Freiheits- oder Geldstrafen. Untreue kann mit bis zu fünf Jahren, Insolvenzverschleppung mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

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