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29.03.2003

15:45 Uhr

Bagdad unter schwerem Beschuss

Vier Tote bei Selbstmordanschlag auf US-Soldaten

Bei dem ersten Selbstmordanschlag auf US-Truppen seit Beginn des Irak-Krieges sind am Samstag vier amerikanische Soldaten getötet worden. Auch am zehnten Tag der britisch-amerikanischen Militäroffensive flogen die Alliierten wieder massive Luftangriffe auf Ziele in Bagdad und anderen Teilen des Landes. Tomahawk-Marschflugkörper trafen das Informationsministerium in der irakischen Hauptstadt.

HB/dpa BAGDAD/DOHA/LONDON. Das US-Zentralkommando hatte zunächst von fünf Toten gesprochen und berichtigte sich am Samstag. Über das Schicksal der angeblich zwei Attentäter war zunächst nichts bekannt. Nach Medienberichten war ein mit Sprengstoff beladenes Taxi zu einem Kontrollpunkt nördlich der Stadt Nadschaf gefahren. Als alliierte Soldaten sich dem Fahrzeug näherten, sei das Fahrzeug Das US-Zentralkommando in Doha (Katar) bestätigte den Anschlag. Nach Medienberichten fuhr ein Taxifahrer zu einem Kontrollpunkt nördlich der zentralirakischen Stadt Nadschaf und rief um Hilfe. Als alliierte Soldaten sich dem Fahrzeug näherten, habe sich der Mann in die Luft gesprengt.

Das US-Zentralkommando dementierte Berichte, es sei eine vier- bis sechstägige Kampfpause angeordnet worden. General Victor Renuart sagte: "Es gibt keine Pause auf dem Schlachtfeld." Lufteinsätze, Artillerieangriffe und Patrouillen gingen weiter. Als Beispiel nannte er den Angriff von "Apache"-Kampfhubschraubern in der Nacht zum Samstag rund 160 Kilometer südlich von Bagdad auf Verbände der Medina-Division der Republikanischen Garde. Dabei seien Panzer, Artilleriegeschütze und mobile Raketenstellungen zerstört worden. Die Medina-Division gilt als Elite innerhalb der Elitetruppen der Republikanischen Garde.

In ihren Aufmarschgebieten etwa 100 Kilometer südlich von Bagdad bilden Teile der US-Truppen neue Frontabschnitte. Das berichtete ein dpa-Fotograf, der das 3. leicht gepanzerte Aufklärungsbataillon der US-Marineinfanterie begleitet, aus der Gegend von Ad Diwanija. Bis Samstagmittag habe es keine Kampfhandlungen gegeben.

Ein Teil der in dieser Region operierenden US-Truppen habe sich geringfügig zurückgezogen, um eine Frontbegradigung vorzunehmen, erläuterte der dpa-Bildreporter. Mangels Nachschub gebe es weiterhin lediglich eine Essensration pro Tag. Ein US-Offizier bemerkte mit Blick auf die reduzierten Rationen, so etwas habe er noch nie erlebt.

Die britische BBC hatte zuvor berichtet, die Verbände legten eine Pause ein, um sich neu gruppieren zu können. Es gebe Probleme mit dem Nachschub. Die Versorgungslinien vom Süden des Landes Richtung Bagdad sind bis zu 300 Kilometer lang.

Der britische Militärsprecher Al Lockwood betonte, die Verbände an der Front würden lediglich "neu versorgt". "Unsere Versorgungslinien sind offen." Die Alliierten behielten es sich allerdings vor, den Zeitpunkt für ihre Offensiven selbst zu wählen.

In Bagdad war am frühen Morgen bei Luftangriffen das Informationsministerium getroffen worden. Das Dach und Antennenanlagen wurden laut Augenzeugen beschädigt. In dem Gebäude haben internationale Medien ihre Büros. Tagsüber arbeiten dort ausländische Korrespondenten. Auch die alltäglichen Pressekonferenzen des irakischen Regimes finden dort statt.

In der südirakischen Stadt Basra dauerten die Kämpfe an. Britische Soldaten berichteten, dass Flüchtlinge, die sich aus der belagerten Stadt retten wollten, von irakischen Milizen beschossen worden seien. In der Nähe von Basra wurde ein britischer Soldat durch irrtümlichen Beschuss aus den eigenen Reihen der Alliierten getötet.

Kampfflugzeuge zerstörten in Basra ein zweistöckiges Gebäude, in dem sich 200 irreguläre irakische Kämpfer aufgehalten hätten, teilte das Zentralkommando mit. Eine knapp 300 Meter entfernte Kirche sei nicht beschädigt worden, weil Munition verwandt worden sei, die erst nach dem Eindringen in das Gebäude explodiert.

US-Truppen gingen am Samstag in der südlichen Stadt Nasirija erneut zur Offensive über, berichtete ein Reporter des US- Nachrichtensenders CNN. Paramilitärische Kämpfer in der Stadt bedrohten die Nachschublinien. Die Gegner hätten sich Artillerieduelle geliefert. Amerikanische Soldaten setzten Kampfhubschrauber und Panzer ein. Auch sei es zu Häuserkämpfen gekommen.

Bei Nasarija wurden nach Angaben des US-Kommandos Leichenteile amerikanischer Soldaten gefunden. Es werde untersucht, ob es sich um die Überreste vermisster oder sogar zunächst gefangen genommener Soldaten handele, sagte General Gene Renuart. Dabei werde auch genau geprüft, ob Kriegsverbrechen begangen wurden.

Erstmals seit Beginn des Krieges schlug eine Rakete in Kuwait- Stadt ein. Bei der Explosion gegen 2.00 Uhr Ortszeit in der Nähe eines Einkaufszentrums an der Strandpromenade wurden zwei Menschen leicht verletzt.

Zu den Ursachen der Explosion auf einem Marktplatz in Bagdad, bei dem am Vortag mehr als 50 Zivilisten getötet worden waren, machte der Sprecher im US-Hauptquartier keine Angaben. Der Zwischenfall werde untersucht. Die irakischen Behörden sprechen von einer amerikanischen Rakete. Nach Angaben des irakischen Informationsministers Mohammed Sajjid el Sahhaf sind seit Freitagabend in der Hauptstadt 68 Zivilisten ums Leben gekommen und 107 verletzt worden.

Auch am Samstag protestierten wieder zehntausende Menschen gegen den Irak-Krieg. Zwischen Osnabrück und Münster bildeten Demonstranten eine 50 Kilometer lange Menschenkette für den Frieden.

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