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14.03.2003

08:42 Uhr

Balkan

Die serbische Gefahr

VonJosef Abaffy (Handelsblatt)

Der Mord von Belgrad habe Serbien auf dem Weg nach Europa zurückgeworfen, heißt es. Er berge die Gefahr eines Machtvakuums, es drohe die Rückkehr serbischer radikaler Nationalisten an die Macht, orakeln Auguren und Kommentatoren.

Doch Emotionen im politischen Tagesgeschäft sind nicht immer die besten Ratgeber, auch in Belgrad nicht. Auch ein Heilungsprozess, so schrecklich die Ursache auch ist, kann eine positive Eigendynamik entwickeln.

Es spricht kurz nach den Schüssen auf Zoran Djindjic einiges dafür, dass die Täter im kriminellen Milieu zu suchen sind. Also handelt es sich nicht um einen klassischen politischen Mord etwa im Auftrag von Milosevic-Getreuen, wenn auch einer der Hauptverdächtigten militanter Anhänger des gestürzten Staatschefs ist. Djindjic hatte dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität in letzter Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt - wohlwissend, dass er damit zum Kern aller balkanischen Probleme vorstoßen würde: zur mafiosen Verquickung von Politik und Geschäft. In fast allen Ländern Ex-Jugoslawiens gilt auch heute noch, dass die besten Geschäfte über die politische Schiene zu machen sind. Nicht nur der Milosevic-Clan gelangte so zu einem Milliardenvermögen, Ähnliches dürfte auch für Machthaber in Montenegro, in Albanien, in Bosnien gelten.

In Belgrad überwiegt zweifellos die Unsicherheit - so kurz nach der Milosevic-Diktatur, dem Umsturz und den Machtkämpfen zwischen den Reformern und den alten Garden ist das kein Wunder. Die ungenügende Beteiligung an den letzten Wahlen zeugte bereits von einem erheblichen Mangel an politischem Interesse der Bevölkerung, nun verfügt der Staat weder über einen gewählten Präsidenten noch über einen gewählten Regierungschef. Kurz nach der Gründung des neuen "Serbien und Montenegro" steht so mit dem Mord an Djindjic sogar die Föderation wieder auf der Kippe.

Das ist im Grunde das Besorgniserregende: Nicht nur die eigenen Bürger eines Landes, sondern auch die Nachbarn und Wirtschaftspartner sind auf Stabilität, auf Kalkulierbarkeit angewiesen. Sollte die amtierende Belgrader Regierung, getragen von einer Koalition aus immerhin achtzehn Parteien, scheitern, können zukunftsfähige Reformen auf absehbare Zeit abgeschrieben werden. Unter Milosevic haben Serbien und Montenegro zehn Jahre Reformentwicklung verloren, sind auf ein Niveau wie vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgefallen. Eine weitere Periode der politischen Instabilität käme nicht nur Belgrad, sondern auch Westeuropa teuer zu stehen. Es ist aber kein Zynismus zu meinen, dass sich die Entwicklung in Serbien nach dem Mord an Djindjic auch anders darstellen könnte. So ist nicht auszuschließen, dass die EU künftig eine gewichtigere Rolle in Belgrad übernehmen könnte, insbesondere bei wirtschaftlichen Reformen. Nicht nur wegen der Konzentration auf den Irak war der Balkan längst aus dem Zentrum eher an den Rand Brüsseler Aktivitäten gerückt. In Brüssel war man offenbar zu der Überzeugung gelangt, dass sich mit Djindjic vieles von alleine regeln würde. Möglicherweise ein Fehler. Dass nach dem Mord gleich zwei Kommissionsmitglieder nach Belgrad reisten, scheint auf ein Brüsseler Umdenken zu deuten. Die EU kann nach den Erfahrungen mit Milosevic an einem instabilen Balkan oder einem nationalistischen Serbien kein Interesse haben.

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