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21.03.2003

09:36 Uhr

Banken wappnen sich gegen Terror

Schwächen in den Notfallplänen für die Wall Street

Um die Stabilität des internationalen Finanzsystems zu sichern, haben Banken und Börsen ihre Notfallkapazitäten ausgebaut. Doch ausgerechnet im Weltfinanzzentrum New York gibt es noch Schwachpunkte.

FRANKFURT/ LONDON/ NEW YORK. Bis zum vergangenen Montag fühlten sich die Händler der International Petroleum Exchange (IPE) sicher. Doch dann stürmten mehr als ein Dutzend Jugendliche das Parkett der Londoner Öl-Terminbörse, warfen mit Flugblättern um sich und wirbelten den Handel durcheinander. "Seitdem wurden die Wachen deutlich verstärkt", sagt ein Händler. Auf einmal ist sie da, die Angst vor Terroranschlägen.

Der Krieg gegen den Irak hat eben erst begonnen, und das lässt in der britischen Hauptstadt die Furcht vor möglichen Racheakten steigen. Das Engagement des britischen Premierministers Tony Blair am Golf, so wird befürchtet, könnte Terroristen auf den Plan rufen. In der City versuchen die Offiziellen zu beruhigen: Die Londoner Börse (LSE) werde bei jeder denkbaren Form eines Terrorangriffs den Handel aufrecht erhalten, versichert LSE-Chairman Don Cruickshank (siehe Interview). Auch die Finanzaufsicht FSA ist sich sicher, dass der Handel eine mögliche Attacke übersteht: "Die Pläne für Systemabstürze, Naturkatastrophen und Terroranschläge sind nun schon einige Zeit vorhanden. Gerade im vergangenen Jahr haben die Firmen noch einmal deutlich investiert", sagt ein FSA-Sprecher.

Diese Investitionen sind auch notwendig, denn der Zusammenbruch von Abwicklungssystemen und Börsen kann fatale Folgen für die Stabilität des internationalen Finanzsystems haben. Das hat der verheerende Anschlag auf New York am 11. September gezeigt. Die Schäden und der Schock der Anschläge hatten das Finanzsystem schwer belastet. Weil die Abrechnungskapazitäten der Bank of New York ausgefallen waren, musste beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren Ersatzsystemen in New Jersey einen großen Teil des Clearingverkehrs übernehmen.

Wegen solcher Ausfälle in den USA mussten sich die Banken häufig auf mündliche Zusagen verlassen und sich auf dieser Basis Kreditlinien einräumen, die zum Teil über Tage hinweg offen standen. Viele Institute standen plötzlich vor großen offenen Positionen, für die sie Sicherheiten, oft in Milliardenhöhe, hinterlegen mussten.

Ein solches Szenario soll sich nicht noch einmal wiederholen. Deshalb fordern die US-Aufsichtsbehörden, dass jedes Finanzhaus über Ausweichstandorte in mindestens 300 Meilen Entfernung von der New Yorker Innenstadt verfügen soll.

Die Börse New York Stock Exchange (Nyse) etwa hat einen Ausweichhandelsraum eingerichtet und ein Ersatz-Computersystem aufgebaut, um den Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Brokerhäusern und Börse zu verhindern. Ein solcher Ausfall war teilweise dafür verantwortlich, dass die Nyse nach dem 11. September für vier Tage schließen musste.

Trotz dieser Maßnahmen sieht das Washingtoner General Accounting Office noch immer Schwachpunkte. Davi d?Agostino, Autorin einer Studie, die unter anderem die New Yorker Börsen und Abwicklungshäuser überprüft, verweist auf ernsthafte Mängel. Dazu zählt sie auch das Versäumnis, dafür Sorge zu tragen, dass ausreichend qualifiziertes Ersatzpersonal zur Verfügung steht, falls eine größere Anzahl von Mitarbeitern einem Anschlag zum Opfer fallen sollte.

Die Deutsche Börse in Frankfurt am Main dagegen fühlt sich für den Ernstfall auf jeden Fall gerüstet. Alle wichtigen Systeme sind doppelt vorhanden, und zwar an verschiedenen Standorten in ausreichender Entfernung vom Finanzzentrum. Auch die deutschen Banken sind verpflichtet, solche Notfallrechenzentren bereit zu halten. "Wir verfügen über mehrere spiegelbildlich zueinander aufgebaute Systeme weltweit", heißt es beispielsweise bei der Dresdner Bank.

Keine akute Terrorgefahr in Deutschland

Eine akute Terrorgefahr sehen die Veranwortlichen in Deutschland derzeit nicht. Besondere Sicherheitsanweisungen an die Banken gebe es im Moment keine, heißt es aus dem hessischen Innenministerium. Ähnlich beurteilen die Institute selbst die Lage. Nach den Terroranschlägen am 11. September in New York seien die Sicherheitskonzepte überprüft worden. Für eine weitere Verschärfung gebe es keinen Anlass, heißt es unisono bei Deutscher Bank, Commerzbank, Hypo-Vereinsbank und Credit Suisse.

Angespannter ist die Sicherheitslage in New York. Auf der Wall Street, ebenso wie an an anderen zentralen Plätzen, patroullieren jetzt schwer bewaffnete Polizisten. An Brücken und anderen Verkehrsknotenpunkten haben die Sicherheitskräfte Straßenkontrollen errichtet.

Einige New Yorker wollen sich nach den traumatischen Erfahrungen des Anschlags vom 11. September aber nicht mehr auf die offiziellen Sicherheitsvorkehrung verlassen. Ein Händler an der Nyse brachte am Donnerstag daher sein persönliches Überlebenspaket im Rucksack mit zur Arbeit. "Ich habe Augentropfen und eine Gasmaske jetzt immer dabei".

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