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26.01.2001

07:42 Uhr

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Banker-Gehälter: Nix mehr fix

VonCHRISTOPH STEHR

Später als Industrie und Handel haben Banken begonnen, den variablen Anteil an der Führungskräftevergütung auszuweiten. Inzwischen ist der Rückstand aber fast aufgeholt.

HB DÜSSELDORF. An das Jahr 1999 denken die Vorstände der großen Investmentbanken in den USA gern zurück. Das Geld floss wie der Champagner - in Strömen. Henry M. Paulson, John Thain und John Thornton, allesamt in Diensten von Goldman Sachs, haben nach Presseberichten jeweils über 20 Millionen Dollar Gehalt und Gewinnbeteiligung kassiert. Philip Purcell, Chef von Morgan Stanley Dean Witter, ebenso. David Komansky, Merrill Lynch, lag angeblich nur knapp darunter, wobei "knapp" die Kleinigkeit von 400 000 Dollar beschreibt.

Von solchen Summen können Investmentbanker in Deutschland nur träumen, doch auch sie lassen sich Berufserfahrung in den Geschäftsfeldern Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A), Börseneinführungen (Initial Public Offering, IPO), Eigenkapitalbeteiligungen (Private Equity/Venture Capital) oder Vermögensverwaltung (Asset Management) üppig vergolden. "Top-Leute sind rar und bleiben rar. Sie bestimmen ihr Gehalt praktisch selbst", erklärt Arne Michael Eickhoff, Bankenexperte und Projektleiter der jährlich erscheinenden Vergütungsstudien der Kienbaum Vergütungsberatung in Gummersbach. Ein Ende des Personalengpasses sei nicht absehbar, bestätigen Headhunter von Egon Zehnder und Russell Reynolds.

Traumgehälter bei Investmenkbanken resultieren aus hohen variablen Anteilen

Die Traumgehälter im Investmentbanking resultieren aus dem hohen variablen, ertragsabhängigen Vergütungsanteil. Der Jahresbonus kann bis zum Fünffachen des Grundgehalts betragen - im Privatkundengeschäft sind maximal 100 Prozent "drin". Wenn die Branche weiter so prächtig an Firmenübernahmen und Börseneinführungen mitverdient, dürfen die M&A- und IPO- Profis folglich bei Champagner bleiben. Doch danach sieht es nicht aus. Schon das Jahr 2000 glänzte nicht so wie 1999. Morgan Stanley Dean Witter meldete für das vierte Quartal einen Gewinneinbruch, was Finanzvorstand Robert G. Scott unter anderem auf die hohen Personalkosten zurückführte. Goldman Sachs legte zwar bessere Zahlen vor, konnte aber auch nicht verhindern, dass der Gewinn je Aktie sank.

Von den deutschen im Investmentbereich engagierten Großbanken hat es die Frankfurter DG Bank böse erwischt. Sie, die im Emissionsgeschäft am Neuen Markt führend ist, sieht nun, da die Börse schwächelt, eine wichtige Ertragsquelle austrocknen. Und mit den Erträgen schmelzen die Gehälter der Investmentbanker, natürlich nicht nur bei der DG Bank. "Außerdem ist das Gehaltsniveau bereits sehr hoch", gibt Eickhoff zu bedenken. "Die Spirale kann sich nicht endlos drehen."

Die Kollegen in anderen Bankingsparten verfolgen sicher nicht frei von Schadenfreude, wie die Bonus-Ritter entzaubert werden. Allerdings betrifft die Variabilisierung der Vergütung auch sie. Viele Häuser gingen dazu über, das 14. Monatsgehalt in einen Topf für leistungsorientierte Zahlungen umzuleiten, hat die Beratungsfirma Hewitt Associates, Wiesbaden, herausgefunden.

Nach Kienbaum-Untersuchungen ist der Anteil der Bonusberechtigten im gesamten Kreditgewerbe seit Beginn der 90er-Jahre fast genauso stark wie in Industrie und Handel gestiegen. Ebenso hat sich die Höhe der variablen Vergütung angeglichen, während Industrie und Handel im Jahr 1992 mit ihren Bonuszahlungen noch 48 Prozent über dem Niveau im Kreditgewerbe lagen.

Der Empfängerkreis schließt bereits 70 Prozent der Bankführungskräfte unmittelbar unter dem Vorstand ein, wobei die variable Komponente 15 Prozent der Gesamtbezüge ausmacht. Auf der zweiten Führungsebene werden 78 Prozent bedacht und auf der dritten Ebene 72 Prozent; der Anteil an den Gesamtbezügen beträgt dort 13 und neun Prozent. Wichtigste Bezugsgröße für die variable Vergütung ist das Betriebsergebnis.

Vor allem die Geschäftsbanken sind aufgeschlossen für neue Vergütungssysteme

Dass bald "nix mehr fix" ist, hängt auch mit der Internationalisierung auf den Führungsetagen zusammen. "Top- Banker aus der Schweiz oder dem angelsächsischen Raum bringen Bewegung in die hiesige Vorstandsvergütung", sagt Dr. Christine Abel von Hay Management Consultants in Frankfurt. Die Banken müssten ihr Gehaltsgefüge europaweit abstimmen. Dabei sind vor allem die privaten Geschäftsbanken aufgeschlossen für neue Vergütungssysteme. In ihrem Management finden sich deutlich mehr Bonusberechtigte als bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen, und der Anteil der variablen Komponente an den Gesamtbezügen ist höher.

Überhaupt zahlen private Geschäftsbanken besser als andere Banken. In erster Linie hängt das mit der Größe der Institute zusammen: In einem Business, in dem das Produkt, nämlich Geld, überall gleich ausschaut, stehen neben der Komplexität der Aufgabe Bilanzsumme und Mitarbeiterzahl als Gehaltsdeterminanten im Vordergrund. Und die Großen sind eben allgemein spendabler als die Kleinen. Laut Kienbaum kassieren in privaten Geschäftsbanken die Führungskräfte der ersten Ebene mit jährlich 264 000 Mark mehr als doppelt so viel wie ihre Kollegen bei Genossenschaftsbanken (siehe Grafik). Auf der zweiten Ebene beträgt die Differenz 53 Prozent (173 000 zu 113 000 Mark), auf der dritten Ebene acht Prozent (110 000 zu 102 000 Mark). Diese Schere könnte ertragsabhängig noch weiter auseinandergehen, glaubt Eickhoff.

Um die Kienbaum-Zahlen einzuordnen, ist ein Blick in eine andere Publikation hilfreich. Der Verband der Führungskräfte, Essen, erhebt regelmäßig Gehaltsdaten. Die letzte Umfrage - Berichtsjahr 1999 - weist für Bankmanager der ersten Führungsebene unter dem Vorstand ein durchschnittliches Jahressalär von 260 000 Mark aus. Für die zweite Ebene werden 207 000 Mark angegeben, für die dritte 169 000 Mark.

Allgemeine Spreizung der Gehälter in der Branche

Vergütungsberater Eickhoff spricht von einer allgemeinen "Spreizung" der Gehälter in der Branche. Die einst so festgefügte Vergütungsstruktur weicht auf; man wird nicht mehr so sehr nach formalen Positionsmerkmalen bezahlt, sondern zunehmend nach dem persönlichen Beitrag zum Geschäftsergebnis und natürlich nach der Verfügbarkeit der geforderten Qualifikationen: "Es wird künftig auf der einen Seite den Filialleiter mit Personalverantwortung geben, der aber nur 90 000 Mark verdient, weil er ausschließlich ,einfaches? Massengeschäft verantwortet, und auf der anderen Seite den Kreditspezialisten ohne Personalverantwortung, der trotzdem 200 000 Mark bekommt, weil er anspruchsvolle Firmenkunden betreut."

Die Ausdünnung der Filialnetze dürfte sich kurzfristig in einem Überangebot an Führungskräften niederschlagen, die ihre Wurzeln im Otto-Normal-Banking haben. Für diese Leute, zumal wenn sie die 40 überschritten haben, sieht Eickhoff schwere Zeiten kommen: "Die müssen sich etwas anderes suchen. Entweder sie spezialisieren sich, zum Beispiel im Wertpapierbereich, oder sie geben sich mit einer weniger anspruchsvollen und - von Besitzstandswahrungen abgesehen - weniger gut dotierten Stelle in einer der Filialen zufrieden, die übrig bleiben."

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