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18.01.2001

19:30 Uhr

Bankvolkswirte sehen in Euro-Aufwertung keinen Anlass für rasche Zinssenkung

EZB hält Leitzinsen konstant

Die Europäische Zentralbank ist der US-Notenbank Fed gestern nicht gefolgt und hat die Leitzinsen nicht gesenkt. Ökonomen empfehlen der Euro-Bank, diese Geldpolitik der ruhigen Hand vorerst fortzusetzen. Weder die Wirtschaftslage im Euro-Raum noch in den USA rechtfertigten eine geldpolitische Reaktion.

pw FRANKFURT/M. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen für die Euro-Zone gestern unverändert gelassen. Bankvolkswirte hatten diese Entscheidung des Europäischen Zentralbankrats erwartet. Der Wechselkurs des Euros zum Dollar reagierte auf den Zinsentscheid nicht. Die EZB nahm mit ihrem Stillhalten Spekulationen den Wind aus den Segeln, sie werde in der Geldpolitik der US-Notenbank Fed auf dem Fuße folgen. Die Fed hatte den Leitzins am 3. Januar überraschend und kräftig um 0,5 Prozentpunkte auf 6 % gesenkt.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, gab sich gegenüber dem Handelsblatt leicht amüsiert über diese "schnellen Marktspekulationen". Sie beruhten allein auf dem Eindruck, dass die EZB seit ihrem Start den Fed-Zinsentscheidungen gefolgt sei. "Das ist aber ein bischen zu kurz gedacht", sagte Mayer. Seriöser ist nach seiner Einschätzung allein die Überlegung, dass ein "sehr schlechter Zustand" der US-Wirtschaft die Welt- und auch die Euro-Wirtschaft beeinträchtigen könne. In einer solchen Situation werde auch die EZB mit Zinssenkungen reagieren.

Mayer warnte jedoch, dieses Szenario schon als gegeben zu nehmen. Derzeit wisse niemand genau, wie der Zustand der US-Wirtschaft tatsächlich sei und ob diese - wie spekuliert - in eine Rezession abrutsche. Die jüngsten US-Daten böten Anlass für Spekulationen, sagte Mayer, nicht aber für eine geldpolitische Reaktion auch seitens der Fed. Auch Michael Hüther, Chefvolkswirt der DGZ-Deka-Bank, wertete die derzeit "für die USA gespielte Rezessionsmelodie" gegenüber dem Handelsblatt als voreilig.

Aktuelle Wirtschaftsdaten aus den USA zeichnen ein gemischtes Bild. Der Konjunkturindex der Federal Reserve Bank von Philadelphia für Januar fiel gestern mit minus 36,8 nach minus 4,2 Punkten im Dezember überraschend tief aus. Hingegen deuteten die überraschend gefallenen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung wie auch neue Daten über den Wohnungsbau nicht auf einen dramatischen Abschwung hin.

Auch in Euro- Land sei die wirtschaftliche Datenlage noch zu unklar, sagte Mayer, als dass die EZB mit einer Zinssenkung reagieren müsse. Er rechnet mit einer Zinssenkung durch die EZB um 0,25 Prozentpunkte erst für den Sommer. Bis dahin werde das Wachstum sich auf niedrigerem Niveau stabilisieren, der Euro sich zum Dollar festigen und die Inflationsrate zurückgehen, meint Mayer.

In Italien bestätigte die endgültige Verbraucherpreisteuerung Dezember eine Beruhigung an der europäischen Preisfront. Die Inflationsrate stieg zum November um 0,1 %; in der Jahresrate ergaben sich unveränderte 2,7 %. Bankvolkswirte erwarten allgemein, dass sich die Teuerungsrate in der Euro-Zone in den kommenden Monaten abschwächen wird. Im November hatte sie bei 2,9 % gelegen. Die DGZ-Deka-Bank rechnet mit einem Fall auf 2,5 % im Dezember.

Hüther empfiehlt der EZB, die gestern gezeigte Geldpolitik der ruhigen Hand fortzusetzen. Er könne keinen Handlungsbedarf für eine Zinssenkung erkennen, sagte der Volkswirt. Die EZB sei gut beraten, nicht in eine "hektischere Geldpolitik zurückzufallen." Er erwartet, dass die EZB im zweiten Quartal mit einer Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte "fine tuning" betreiben werde.

Die sich abzeichnende Aufwertung des Euros zum US-Dollar müsse die EZB nicht zu Zinssenkungen bewegen, meint Hüther zu Sorgen, eine Erholung des Euro-Kurses könne die monetäre Lage verengen. Wenn sich die Lage der US-Wirtschaft im zweiten Halbjahr stabilisiere, sei im Jahresverlauf kein Überschießen des Euro- Kurses zu erwarten. Hüther erinnerte, dass der Euro - gemessen an der Kaufkraftparität -, immer noch unterbewertet sei. Die EZB berechnete den Referenzkurs gestern mit 94,04 US-Cent. Hüther hält einen Kurs von 1,20 US-$ für fundamental begründet.

Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagte dem Handelsblatt, die Erholung des Euros sei noch nicht nachhaltig genug, als dass die EZB mit einer Zinssenkung reagieren müsse.

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