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08.01.2003

08:20 Uhr

Basketballer von Alba Berlin unter Druck

Das Gesetz der Serie

VonErnst Podeswa (Handelsblatt)

Ob bei den Handballern des THW Kiel oder den Fußballern des FC Bayern München - irgendwann riss die Erfolgsserie dieser Übermannschaften und ein Konkurrent wurde Deutscher Meister. Beim Basketball scheint dieses Jahr die Ära von Alba Berlin zu Ende zu gehen.

BERLIN. Die Gefahr kommt von oben. Unter der Hallendecke, in etwa 15 Metern Höhe, hängen zwei Banner. "Deutscher Meister Alba Berlin" steht drauf. Und die Jahreszahlen: 1995, 1997 - 2002. Siebenmal holten die Alba-Basketballer den Titel, sechsmal in Folge. Und wie man aus genügend Beispielen weiß - einmal reißt jede Siegesserie. Die Handballer des THW Kiel mussten 2001 nach drei Titeln in Folge dem SC Magdeburg den Vortritt lassen; die Fußballer des FC Bayern München wurden nach drei Titeln en suite zuletzt Dritter hinter Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. Und beim Basketball-Rekordchampion Bayer Leverkusen riss der Erfolgsfaden nach sieben Triumphen am Stück.

Stehen die Korbjäger von Alba vor einer ähnlichen Erfahrung? Einiges deutet daraufhin: Sechs Niederlagen in Folge in Bundes- und Europaliga mussten sie hinnehmen, ehe vor Weihnachten gegen den MBC aus Weißenfels die "schwarze Serie" erst einmal unterbrochen wurde. Von Krisen war in den Medien die Rede. Einer sportlichen und einer in der Wahrnehmung. Die Reaktion von Kapitän Henrik Rödl scheint dies zu bestätigen: "Das Gerede von der Krise kann ich nicht hören. Die Gefahr, den Titel zu verlieren, war immer da. Im Vorjahr waren wir Fünfter nach der Vorrunde und sind dennoch Meister geworden." Da konnten die Berliner in den Play-Offs die verkorkste Vorrunde noch umbiegen. Nur für die Öffentlichkeit hätten die Erfolge vielleicht wie Selbstgänger ausgesehen, "aber geschenkt wurde uns nie etwas", so Rödl. Er kann es beurteilen, schließlich gehörte er wie Jörg Lütcke, Teoman Öztürk und Marco Pesic bereits 1997 zur Meistergarde.

Konnten die Berliner die Saison 2001/02 noch retten, erscheinen die Voraussetzungen in der neuen Spielzeit ungünstiger: Denn die Bundesliga sei in dieser Saison durch Teams wie Bamberg, Oldenburg, Braunschweig "ausgeglichener geworden", so Rödl. Man dürfe zudem nicht vergessen, dass die eigene Mannschaft nicht komplett in die neue Saison starten konnte.

Trainer Emir Mutapcic dürfte solches gern hören. Die allgemeine Kritik, untermischt mit Zweifeln an seiner "zu weichen Führung", hat den Bosnier dünnhäutig gemacht. Das zeigt seine Analyse, weshalb der Druck diesmal besonders groß sei: "Die Zeitungen kritteln an uns rum, das Fernsehen mosert, es sei langweilig, wenn Alba immer gewinnt. Das hat selbst die Schiedsrichter gegen uns beeinflusst." Schon nach dem Abgang seines viel umjubelten Vorgängers Svetislav Pesic hätten viele über das Ende der Alba-Ära geunkt, "doch der Titelgewinn im Vorjahr hat gezeigt, dass das Modell Alba nicht abhängig von Personen ist. Ob diese nun Pesic, Mutapcic oder Alexis heißen", sagt der Trainer.

In zwölf Jahren sich so entwickelt zu haben wie Alba, das sei "einmalig in einer Profisportart", meint Marco Baldi. Der ehemalige Bundesligaspieler gilt als geistiger Vater des Projekts Alba. Er begann als Manager des Vereins, nun lenkt er als Vizepräsident gemeinsam mit dem Hotel-und Immobilienmillionär Dieter Hauert die Geschicke. Mit Erfolg: Denn nicht nur in Deutschland heimste sein Klub regelmäßig Titel ein. Zudem gelang Alba als erstem deutschen Klub 1995 der Sieg im Korac-Cup, einer Art Uefa-Cup des Basketballs.

Doch auch Baldi gibt zu: Ja, die Luft sei dünner geworden in der Liga, weil die Konkurrenz gegen Albas Vorherrschaft aufbegehre. "Doch es war nie unser Ziel, 20 Titel am Stück zu holen." Primäre Absicht sei vielmehr, "Basketball zu einer festen Größe in Deutschland, in Berlin werden zu lassen. Wir streben eine Identifikation der Leute mit dem Verein an, dass auch in 100 Jahren noch Top-Basketball durch Alba präsentiert wird." Wenn dabei noch möglichst oft Titel gewonnen würden, "um so besser".

Dass man mal auch anderen den Vortritt lassen müsse, sei im Sport doch normal. "Was wir verhindern wollen, ist ein Absturz wie die Sternschnuppen Steiner Bayreuth oder Saturn Köln oder der Abfall ins Mittelmaß wie bei Leverkusen."

Das Berliner Patentrezept: "Wir wollen weiterhin eine breite öffentlichen Akzeptanz schaffen, unser Know-how bewahren und erweitern, eine gute Jugendarbeit machen und nur so viel Geld ausgeben wie wir haben." So sei eine Verpflichtung eines superteuren NBA-Stars nie ein Thema gewesen. Wie gut Alba mittlerweile angenommen wird, zeige der Schnitt von mehr als 6 000 Zuschauern in der Bundesliga - was ein wenig höher liegt als in der Europaliga. Und dass Sonntagsspiele zu einem Familienereignis geworden sind, "wobei wir insgesamt ein sehr junges Publikum haben".

Die Verwurzelung mit den Fans garantiert allerdings keine Titel. Das weiß auch Präsident Hauert. "Die Gefahr, am Ende nicht ganz oben zu stehen, ist immer gegeben", sagt er. Am Saisonbeginn sei er sich noch im Unklaren über die Qualität des neuen Teams gewesen, "aber jetzt weiß ich trotz der Rückschläge, dass die Jungens es auch diesmal schaffen können. Ich bin Optimist."

Und wenn es dennoch nicht klappen würde, "werde ich den Spielern nicht den Kopf abreißen. Dann werden wir eben im Jahr darauf wieder Meister."

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