Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.01.2003

13:08 Uhr

Bedrohung für Arbeitsplätze

Experten: Streik würde Verbraucherstimmung drücken

Ein Streik im Öffentlichen Dienst hätte nach Einschätzung von Volkswirten keine dramatischen Konsequenzen für die deutsche Konjunktur, würde die Verbraucherstimmung aber zusätzlich belasten. "Ein Streik im Öffentlichen Dienst hätte sicher nicht die ökonomischen Auswirkungen wie ein Streik im verarbeitenden Gewerbe", sagte Deutsche-Bank-Volkswirtin Manuela Preuschl Reuters am Montag.

Reuters BERLIN. Der Arbeitsmarktexperte am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), Rainer Schmidt, sagte, ein Streik würde sich eher psychologisch als über Produktionsausfälle auf die Konjunktur auswirken. Übereinstimmend sagten die Experten voraus, ein hoher Tarifabschluss werde Arbeitsplätze kosten.

Die Schlichter hatten in der Nacht zum Montag einen Einigungsvorschlag gemacht, der eine zweistufige Lohnerhöhung von 2,4 % ab Anfang 2003 und von 0,6 % ab Anfang 2004 vorsieht. Außerdem sollen die Löhne in Ostdeutschland bis Ende 2007 auf Westniveau angehoben werden. Im Gegenzug sollen sich die Beschäftigten in Ostdeutschland an der zusätzlichen Altersvorsorge beteiligen. Die öffentlichen Arbeitgeber lehnten die vorgeschlagenen Einkommenserhöhungen im Gesamtvolumen von drei Prozent als zu hoch ab. Falls bei der für Mittwoch geplanten Wiederaufnahme der Tarifverhandlungen keine Einigung erzielt wird, will die Gewerkschaft einen Abschluss erstreiken.

Belastung des Konsumklimas

Preuschl sagte, sie halte eine Einigung bis Mittwoch nicht für ausgeschlossen. Ein Streik hätte nach ihren Worten keine verheerenden Folgen für die Konjunktur, würde das ohnehin negative Konsumentenklima aber belasten. Die Verbraucher würden dann die Erwartung entwickeln, dass sie durch weitere Steuererhöhungen die Zeche für den Abschluss zahlen müssten.

Vor einer zusätzlichen Belastung der Verbraucherstimmung durch einen Streik hatte am Freitag bereits die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) gewarnt. Auch Ralph Solveen von der Commerzbank sagte, ein Arbeitskampf würde die Stimmung drücken. Zugleich schränkte er aber ein: "Beim privaten Konsum kommt es mehr auf das verfügbare Einkommen als auf das Klima an." Entscheidend sei auch, wie lange ein Streik dauern würde. Klar sei aber, dass ein Streik im Öffentlichen Dienst "nicht eine so fürchterlich große Belastung für die Konjunktur wäre wie etwa ein Streik in der Metallindustrie".

Hoher Abschluss bedroht Arbetsplätze

Einhellig äußerten die Experten die Erwartung, dass ein relativ hoher Tarifabschluss Arbeitsplätze kosten würde. "Die Gewerkschaften würden mittelfristig Gefahr laufen, mit einem hohen Abschluss am Ende Arbeitsplätze zu verlieren", sagte Solveen. Mit dem Arbeitsplatz-Argument hatten die Arbeitgeber wiederholt die Gewerkschaft vor einer zu hohen Forderung gewarnt. IfW-Experte Schmidt zeigte sich gewiss: "Selbst bei einer Nullrunde wird weiter Beschäftigung abgebaut werden." Zugleich warnte er davor, die psychologischen Effekte eines Streiks zu gering zu bewerten. Ein Streik könne die jetzt schon pessimistische Stimmung der Verbraucher kippen lassen. Börsenhändler in Frankfurt sagten, der mögliche Streik im Öffentlichen Dienst belaste die Aktienkurse noch nicht. "Die Streiks hängen als Drohung in der Luft und sind sicherlich nicht gut für den Markt. Aber erstmal müssen wir abwarten, ob es auch wirklich zu Streiks kommt", sagte ein Händler. Selbst ein Streik werde sich im Rahmen halten und nur geringen Einfluss auf den Markt haben: "Die Gewerkschaft wird sich wegen der wirtschaftlichen Lage möglicherweise ohnehin zurückhalten."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×