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28.01.2003

07:48 Uhr

Bei der Weltmeisterschaft in Portugal geht es organisatorisch drunter und drüber – Weltverband kündigt Konsequenzen an

Handball in der Tropfsteinhöhle

VonANDREAS HALLER (Viseu)

Lautsprecher dröhnten, Anzeigetafeln versagten ihren Dienst, auch der Kartenvorverkauf stockte. Ein Bericht über Pleiten, Pech und Pannen made in Portugal.

Als sie Anfang vergangener Woche das erste Mal die Halle im mittelportugiesischen Viseu betraten, staunten sie über das unerwartete Klima einer Tropfsteinhöhle. Auf den Gängen fanden sich Pfützen, und in der Dusche lagen die letzten Malerarbeiten offenbar erst Stunden zurück. Die deutschen Spieler machten sich jedenfalls einen Spaß daraus, sich gegenseitig mit weißer Farbe zu beschmieren. Dass die Anzeigetafel nicht funktionierte, dass es aus den gerade eben aufgehängten Lautsprechern derart dröhnte und pfiff, dass einem die Trommelfelle zu platzen drohten, und dass schließlich im Spiel Island gegen Australien für 20 Minuten das Licht ausfiel, all dem begegneten die meisten Handball-Nationalspieler mit erstaunlicher Gelassenheit.

Allen aber ist klar: Einiges bei dieser Weltmeisterschaft bewegt sich auf dem Niveau einer Kreismeisterschaft. Das begann bereits bei dem Vorverkauf der Tickets, der diesen Namen indes bei näherem Hinsehen nicht verdiente, sondern eher als Verkaufsverhinderung bezeichnet werden müsste. Es gab kaum eine deutsche Reisegruppe, die sich deswegen nicht bei der Internationalen Handball-Föderation (IHF) in Basel beschwerte, weil sie nämlich, und zwar völlig unabhängig von der Zahl der Anfragen per Telefon, Fax oder E-Mail, von den diversen portugiesischen Organisationskomitees nie eine Antwort erhielten. Letztlich blieb es also an der IHF hängen, per Telefon den Kartenvorkauf für die Fans zu organisieren.

"Das war", räumt IHF-Geschäftsführer Frank Birkefeld ein, "in der Tat eine mittlere Katastrophe." Es sei dann auch zu größeren Auseinandersetzungen mit den Organisatoren gekommen, weil diese keinen einheimischen Sender für die TV-Übertragungen zur Verfügung stellen konnten. Nach Worten Birkefelds wurden deswegen kurzfristig noch die spanische Medienangentur Media Loco engagiert, um überhaupt senden zu können. "Erst zwei Tage vor WM-Beginn ist es uns gelungen, die Portugiesen zu verpflichten, selbst die Bilder zu liefern", so Birkefeld, und seinem Gesicht sieht man an, was er von diesen chaotischen Verhandlungen kurz vor dem ersten Anpfiff hielt.

Es klingt nicht wenig Resignation durch, wenn Birkefeld in den vergangenen Tagen Sätze sagte wie diese: "Wir mussten in der Vorbereitung dieser WM feststellen, dass die Portugiesen vieles glaubten in Eigenregie erledigen zu können." Immer wieder nachgehakt hätten die IHF-Leute, betont Birkefeld, aber am Ende mussten sie doch einsehen, dass sie vor Ort die Dinge regeln mussten, er nennt es euphemistisch "improvisieren". Die IHF jedenfalls will Konsequenzen aus den Wirrungen vor und während der WM ziehen, sagt der Funktionär bestimmt. Doch erst einmal sind sie gezwungen, die aktuellen Probleme zu lösen. Irgendwie.

Das ist bei den deutschen Handballern ganz anders. Probleme haben sie keine, sie traten bislang cool und lässig auf, gewannen alle fünf Vorrundenspiele und gehören mehr denn je zum engsten Favoritenkreis. Platz sieben und damit das Minimalziel Olympiaqualifikation ist schon in Reichweite, weil man mit zwei Pluspunkten in die morgen beginnende Hauptrunde startet und dort mit Tunesien und Jugoslawien schlagbare Gegner warten.

Die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft indes ist auch deswegen so gelöst, weil die beiden Spiele gegen die bisher stärksten Gegner mit unerwarteter Souveränität gemeistert wurden. Bei den Siegen gegen Gastgeber Portugal (37:29) und auch beim knapperen 34:29 gegen die als Geheimtipp gehandelten Isländer legte das deutsche Team ein enormes Selbstbewusstsein an den Tag, getragen von großer mannschaftlichen Geschlossenheit.

Zudem hat die Mannschaft, die auch ohne den verletzten Daniel Stephan überzeugt, auch ihr "großes spielerisches Potenzial unter Beweis gestellt", wie Außenspieler Florian Kehrmann dieser Tage treffend formulierte. Sie waren bisher in der Lage, in kritischen Momenten eine hohe Spielkultur an den Tag zu legen, sie haben demonstriert, wie Tempohandball moderner Prägung funktioniert.

Andere Favoriten wie Schweden, Dänemark und Russland werden genau dies registriert haben. Jene Gier nach Erfolg, die diese deutsche Mannschaft momentan auszeichnet. Eines aber ist allen teilnehmenden Teams gemein: Sie ignorieren Tropfsteinhöhlen-Klima und andere WM-Merkwürdigkeiten.

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