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07.01.2003

08:21 Uhr

Bei Staatsanleihen der EU-Beitrittskandidaten gibt es noch Spielraum für positive Überraschungen

Osteuropa lockt mit Anlagechancen

VonDoris Heimann (Reinhold Vetter)

Erfolgreiche Wirtschaftsreformen in Mittel- und Osteuropa haben den Investoren an den Börsen in Budapest, Prag und Warschau in den vergangenen Jahren hohe Gewinne beschert. Nachdem für viele Länder aus der Region der Weg zum EU-Beitritt geebnet wurde, bieten diese Märkte noch Kurspotenzial.

BUDAPEST/WARSCHAU. Nach dem Kopenhagener EU-Gipfel steht der Erweiterung der Gemeinschaft um zehn neue Mitglieder zum 1.April 2004 prinzipiell nichts mehr im Wege - sieht man einmal von den geplanten Volksabstimmungen ab. Damit ergeben sich für die Anleger auf den Kapitalmärkten in Mittel- und Osteuropa neue Chancen, aber auch Risiken.

Klar ist, dass sich die Währungsrisiken für Anleger aus dem Euroraum verringern werden. Dafür wird sich das Wettbewerbsumfeld für die großen börsennotierten Gesellschaften in Ungarn, Polen und Co. verändern. Sie werden verstärkt unter den Konkurrenz- und Übernahmedruck westlicher Konzerne geraten, was den Zwang zur Innovation erhöht. Im Gegenzug wird es jedoch einfacher für sie, über die Grenzen ihrer Länder hinaus nach Investitions- und Übernahmechancen Ausschau zu halten. Einzelne Gesellschaften dürften sich sogar in den Westen vorwagen, wie der polnische Energiekonzern PKN Orlen durch die Übernahme des norddeutschen Aral-Tankstellennetzes jüngst demonstriert hat.

Einige dieser Kandidaten sind auf dem Kurszettel der Budapester Börse zu finden. So dürfte der Energiekonzern Mol seine Ertragssituation aufgrund der Liberalisierung des ungarische Gasmarktes verbessern. Aquisitionen wie die Übernahme der slowakischen Slovnaft werden dann erste Ergebnisse bringen. Mol profitiert zudem vom starken Forint, da der Konzern seine Ölimporte auf US-Dollarbasis abrechnet, seine Einnahmen aber in Forint realisiert. Auch Ungarns größte und profitabelste Bank OTP ist auf Einkaufstour. Für die Telekom-Tochter Matav verringern sich die Zinskosten, da sie sich hauptsächlich in Euro und Dollar verschuldet. Die auf großen Märkten wie Russland präsenten Pharmahersteller Richter und Egis hoffen ebenfalls auf bessere Geschäfte.

Der Analyst Andor Daroci von der ungarischen Concorde Securities erwartet denn auch einen "guten Frühling" der Budapester Börse. Mit dem Anstieg von 7 200 auf 8 000 Punkte habe der Börsenindex BUX im vergangenen Jahr um 30 % (in Dollar) und um 13 % (in Forint) zugelegt. Angesichts eines durchschnittlichen Anlageerfolges von 30 % in 2002 geht Daroci davon aus, dass 2003 verstärkt Kapital nach Budapest fließt.

Dagegen sind die Experten für Polen nur verhalten optimistisch. "Das Land ist auf dem Weg zu einer bescheidenen Erholung", sagt Krzysztof Rybinski, Chefökonom der Bank BPH, "aber die wird zu gering sein, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen." Zu denen gehören hohe Arbeitslosigkeit, ein riesiges Haushaltsdefizit und eine ungünstige Exportsituation wegen der Krise in Euroland. Das Wirtschaftswachstum wird für 2002 laut Prognose der DB Research nur 1% betragen, 2003 sollen es immerhin 2,5% sein, wobei das Konjunkturtempo im zweiten Halbjahr deutlich steigt. Für den Aktienmarkt sieht es daher gar nicht so schlecht aus. Besonders das Baugewerbe und die Automobilindustrie werden davon profitieren, dass sich Kredite in Polen drastisch verbilligt haben: Lag die Rate für einen Hypothekenkredit im Januar 2001 noch bei 22 %, so ist der inzwischen für 7 % zu bekommen. "Die Werte von Baufirmen wie Budimex, Warszawa und Elektrobudowa werden anziehen", sagt Tomasz Mazurczak von BRE Bank Securities. Gut sieht es nach seiner Meinung auch aus für diejenigen Firmen, die durch modernes Management auf den EU-Beitritt gut vorbereitet sind. Dazu zählt Mazurczak den Medien-Konzern Agora, den Software-Hersteller Prokom und die Bank Zachodni WBK.

Auf der Rentenseite rechnet Marco Annunziata vom DB Research in London damit, dass auch der Run der Anleger aufgrund des weiterhin hohe Zinsniveaus anhalten wird. In Polen liegen die Renditen durchschnittlich bei 7 % und in Ungarn sogar bei 8 bis 9 %. Auch wenn sich der Abstand gegenüber Bundesanleihen langsam verringern wird, dürfte es nach Meinung der Analysten von West LB Research noch Spielraum für Gewinne geben. "Selbst wenn wir davon ausgehen, dass sich die Spread-Konvergenz dynamischer als in den 90er Jahren - damals im Falle Irlands, Italiens und Spaniens - entwickeln wird, dürfte es noch Überraschungen geben, besonders weil Polen und Ungarn versuchen, ihre Haushaltsdefizite unter Kontrolle zu bringen."

Dennoch haben die großen Defizite in den Haushalten einiger EU-Beitrittskandidaten auch eine Diskussion darüber ausgelöst, ob diese Ländern tatsächlich den bisher für 2007 angepeilten Beitritt zur Eurozone schaffen können. So steuert Ungarn in diesem Jahr auf eine Defizit von etwa 9 % des Bruttoinlandsprodukts zu, während das entsprechende Maastrichtkriterium 3 % beträgt. Um die Inflationsgefahren so gering wie möglich zu halten, werden die Zentralbanken in Warschau, Prag und Budapest daher eher vorsichtig mit Zinssenkungen umgehen. Das wiederum wird das Kurspotenzial von Anleihen begrenzen. Nach dem ersten Halbjahr 2003 werden die Effekte des Konvergenz-Prozesses auslaufen, glaubt BPH-Experte Rybinski. Danach könnten steigende Lebensmittel- und Mineralölpreise die Inflationsrate wieder ansteigen lassen.

Durch den Zufluss von Anlagekapital wird der Aufwertungsdruck auf die Währungen der mitteleuropäischen Länder anhalten. Das erleichtert Zinsschritte. Möglicherweise wird etwa der Ungarischen Nationalbank bald nichts anderes übrig bleiben, als den mittleren Kurs, um den der Forint schwankt, zu verändern oder die Währung ganz freizugeben.

Beim polnischen Zloty rechnen viele Fachleute jedoch damit, dass die Währung durch die EU-Beitrittsperspektive des Landes eher stabilisiert wird.

Quelle: Handelsblatt

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