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03.02.2002

20:28 Uhr

Beim 1. FC Köln ist egal, ob Ewald Lienen, Christoph John oder Hans Wurst Cheftrainer ist

Auf den Spuren von Tasmania Berlin

VonGREGOR DERICHS

Köln hat in 20 Liga-Partien ganze elf Tore geschossen - in den vergangenen 599 Bundesliga-Minuten traf man gar nicht mehr. Am Dienstag steht in Gladbach das Abstiegsduell an.

KÖLN. Das Dreigestirn des Kölner Karnevals hielt stolz die Stellung. Fünf Tage vor Weiberfastnacht standen Prinz, Bauer und Jungfrau auf der Ehrentribüne prunkvoll herausgeputzt und machten gute Miene zum traurigen Spiel. Ein Scherzbold in der Begleitung der Karnevalsregenten meinte beim Abgang hämisch, der Fußball des 1. FC Köln besäße wunderbare "Sado-Maso"-Qualitäten. Die Fans würden allein durch das Betrachten der Mannschaft heftig gefoltert, und auf dem Spielfeld quälten sich die Spieler in konsequenter Aufopferung. Der Auftritt des Kölner Teams beim 0:1 gegen Kaiserslautern war so grausam, das er zur schweren Belastung für die allgemeine Alaaf-Stimmung wurde

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Fünf Tage nach der Entlassung von Trainer Ewald Lienen und dem überraschenden Pokalsieg bei Hertha BSC Berlin setzten die Domstädter ihre Serie trauriger Vorstellungen im Müngersdorfer Stadion fort. Auch mit Christoph John, dem bisherigen Amateurtrainer, treiben die Kölner neuen Negativmarken entgegen. Von den letzten acht Heimspielen konnte die FC-Elf keins gewinnen. "Wir brauchen einen Trainer, der gleichzeitig auch Tore schießen kann", sagte Dirk Lottner, womit der Teamkapitän nicht für einen "Spielertrainer" werben, sondern die eklatante Offensivschwäche hervorheben wollte. Seit gut zehn Stunden - exakt sind es 599 Minuten, also mehr als sechs Spiele - wartet Köln in der Bundesliga auf einen Torerfolg. Der frühere deutsche Meister hat die Peinlichkeitsgrenze erreicht. Elf Treffer in 20 Spielen - nur Tasmania Berlin, die schwächste Bundesliga-Mannschaft in 38 Jahren - kam auf eine noch schlechtere Quote.

"Die Mannschaft ist blockiert, sie ist in einem schwierigen Zustand. Die Spieler sind verkrampft", sagte John, "das ist eine tiefsitzende Problematik." Der 43-Jährige wird das Team auch morgen im Auswärtsspiel in Mönchengladbach und eventuell noch nächsten Sonntag beim Hamburger SV betreuen. "Es macht keinen Sinn, während des dichten Programms einen neuen Trainer zu holen", meinte Sportdirektor Hannes Linßen. Die Führung um Präsident Albert Caspers hofft, dass John die Wende einleiten kann. Die Partie gegen den Nachbarn Gladbach (zehn Spiele ohne Sieg), sei "ein Endspiel", so Linßen. Die Verantwortlichen wollen sich die Option offen halten, einen im Profigeschäft erfahrenen Trainer zu verpflichten, falls die Talfahrt Richtung zweite Liga anhält.

"Ich traue mir den Job zu. Der Vorstand stärkt mir den Rücken. Aber die Frage ist, wie viel Zeit ich bekomme", sagte John, "momentan kenne ich nur den Spielplan bis zur HSV-Partie." Gespräche mit anderen Kandidaten würden geführt, bestätigte Linßen zögernd. Verdächtigt werden Friedhelm Funkel, Frank Pagelsdorf, Wolfgang Sidka, aber nicht mehr Hannes Löhr. Der Berliner Jürgen Röber, eigentlich erst zum Saisonende frei, soll der Wunschkandidat für ein Langfristlösung sein. Auch den wegen seiner Kokain-Vergehen vor dem Landgericht Koblenz stehenden Christoph Daum halten einige Mitglieder der Vereinsgremien für einen idealen "Notretter". Das ist kein Karnevalsscherz. Zu allem antworten Caspers und Linßen ausweichend. "John ist jetzt unser Mann", erklärte der Sportdirektor.

"Wir, die Spieler, müssen auf dem Bökelberg Punkte holen. Da kann es uns egal sein, ob Christoph John oder Hans Wurst neben der Linie steht", sagte Lottner. Während der Woche hatte der Mittelfeldregisseur, der von Lienen aufs Abstellgleis geschoben worden war, noch davon gesprochen, der Trainerwechsel habe die Mannschaft befreit. Lottner selbst spielte wie Hans Wurst, nervös und mit hoher Fehlerquote wie fast alle Kölner, darunter auch der einst gefeierte Christian Timm.

Drei ausgezeichnete Torchancen vergab der zur Winterpause geholte Franzose Lilian Laslandes. Der Stürmer sei gehemmt wegen des hohen Erwartungsdruck, befand John. Seine Elf rackerte sich ab beim ständigen Ausbügeln der eigenen Fehler, kam zu 61:39 Prozent Ballbesitz und kassierte dennoch das Gegentor von Nationalspieler Miroslav Klose in der 57. Minute. "Das war ein schlechtes Spiel, nachdem beide Mannschaften am Mittwoch 120 Minuten im Pokal gespielt hatten", sagte Lauterns Teamchef Andreas Brehme. "Wenn die Kölner zuerst getroffen hätten, glaube ich nicht, dass wir uns nochmal aufgerafft hätten."

Da aber das FC-Team momentan keine Bundesliga-Reife besitzt, reichte den Pfälzern zum zweiten Auswärtssieg in acht Tagen nach dem 2:0 in Gladbach der Schongang.

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