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08.01.2002

11:20 Uhr

Bereitschaft zum Outsourcing nimmt zu

Dienstleister in Stromnetzen stark gefragt

VonKlaus Jopp

Die durchgreifende Liberalisierung der Stromwirtschaft hat sowohl auf der betrieblichen als auch auf der technischen Ebene gravierende Veränderungen mit sich gebracht. Klar erkennbar ist der Trend, Leistungen immer häufiger an externe Generalunternehmer zu vergeben.

Die zukünftige Energielandschaft wird noch stärker als heute geprägt von den Auswirkungen der Privatisierung und Globalisierung", erklärt Jürgen Schloß, Bereichsvorstand Power Transmission and Distribution (PTD) der Siemens AG in Erlangen. Zur Erzeugung von Elektrizität werden zentrale, konventionelle Kraftwerke zwar auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, sie werden aber zunehmend ergänzt von dezentralen Einheiten unter Einschluss regenerativer Energien und insbesondere neuer Technologien wie der Brennstoffzelle.

Die Liberalisierung hat aber auch gravierende Auswirkungen auf die Stromnetze. Die Trennung von Erzeugung und Netz, das so genannte Unbundling, der kommerzielle Energiehandel, der zur physikalischen Energieverteilung hinzugekommen ist, neue Marktteilnehmer aus dem Ausland, der Trend zu "Multi Utility" - viele neue Elemente sind inzwischen in den Markt eingeführt worden. Obwohl die Strompreise zuletzt wieder etwas angezogen haben, der Kostendruck bleibt hoch. Vor diesem Hintergrund haben betriebliche "Komfortlösungen" bei den Stromnetzen keine Chance mehr. Die Zukunft gehört einfachen Netzstrukturen mit standardisierten Bau- teilen und Betriebsmitteln. "Ein solches unter strengen Kostengesichtspunkten saniertes Mittelspannungsnetz erfordert lediglich 68 % der Investitionen gegenüber dem Ist-Zustand", rechnet Rolf Windmöller, Vorstandsmitglied der RWE Net AG, vor. Erforderlich dafür sind nicht nur Standardlösungen für Stationen, Kabel- und Freileitungen, sondern auch intelligente Instandhaltungsstrategien und eine geeignete Unterstützung durch den gezielten Einsatz von Informationstechnologie.

So hat der Bereich SAG Energieversorgungslösungen der RWE Solutions AG das Expertensystem MABI (Modulares Anlagen-Bewertungs- und Instandhaltungspaket) entwickelt. Es unterstützt Energieversorger (EVU) bei der Planung von Instandhaltungsmaßnahmen. Werden sie zum richtigen Zeitpunkt - gemäß einer Abwägung von Kosten und Risiko - durchgeführt, ermöglichen sie erhebliche Einsparungen bei den Betriebskosten. Die Software analysiert und bewertet die zur Verfügung stehenden Mittel und ihren bedarfsgerechten Einsatz, erstellt im Zusammenwirken mit dem Netzexperten Empfehlungen sowie Verbesserungsvorschläge für Umfang und Inhalt von Instandhaltungsprogrammen und ist darüber hinaus, neben der SAP-Anbindung, in die Unternehmens-IT integrierbar.

"Es gibt einen großen Bedarf für diese Art Software, weil durch die Personalreduzierung, die bis zur Hälfte der Belegschaft reichen kann, gerade bei kleineren Unternehmen der Branche wertvolles Know-how verloren geht", bestätigt Ewald Werner, Leiter Marketing/Vertrieb der SAG. Die Einsparungen, die mit MABI zu erzielen sind, hängen stark vom aktuellen Zustand des Netzes und seiner Komponenten ab. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass bei deutschen Anwendern bis zu 30 % Kostensenkungen möglich sind. Mit MASIS (Modulares Anlagen-Steuerungs-Informations- und Servicesystem) haben die Frankfurter Spezialisten auch ein geeignetes Werkzeug für die Betriebsführung von Kundenanlagen entwickelt, das sich auf das eigene Netzleitsystem "HIGH LEIT", auf MABI und den Einsatz von Telematik stützt.

Bei Bedarf können zudem lagegenaue Geoinformationsdaten für die Betriebsmittel (automatische Betriebsmittelnavigation) eingebunden werden. MASIS ermöglicht gleich ein ganzes Bündel von Leistungen, darunter die zentrale Fernüberwachung und Steuerung von Anlagen, die Instandhaltungsplanung und das Materialmanagement, die Koordination von Bereitschaftsdiensten, Störungsbeseitigung, Wartung und Instandsetzung sowie zusätzliche Servicedienste.

Bereitschaft zum Outsourcing nimmt zu

Derartige Produkte werden zu einer neuen Aufgabenverteilung und zu Partnerschaften zwischen EVU, Stadtwerken, Industriekunden und Investoren einerseits sowie technischen Dienstleistern anderseits führen. Die könnten die Bereiche Errichtung, Modernisierung, Instandhaltung und Störungsbeseitigung übernehmen, wohingegen die Netzführung, Messung und Abrechnung weiter bei den Netzeigentümern verblieben. "Wir sind in dieser Aufgabenstellung sehr flexibel und stehen für derartige Partnerschaften gerade mit den Stadtwerken zur Verfügung", so Ewald Werner.

Die Bereitschaft zum Outsourcing von Dienstleistungen steigt stetig und folgt immer häufiger der Idee von Multi Utility. Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Frost & Sullivan wurden allein in Deutschland im vergangenen Jahr 325 Mio. Euro erwirtschaftet. Manfred Remmel, RWE-Vorstand, sieht noch ganz andere Dimensionen und erwartet, dass bis 2010 derartige Dienstleistungen in Westeuropa einen Wert von 500 Mrd. Euro erreichen. Bemerkenswert: In Deutschland gibt es noch rund 450 Wettbewerber in der Energiewirtschaft, wobei die Top 3 nur auf einen Marktanteil von 26 % kommen, in Großbritannien und Frankreich sind es dagegen schon 75 bis 80 %.

"Wir erwarten für die nächsten Jahre auch europaweit eine starke Konzentration auf leistungsfähige, kompetente und international ausgerichtete Unternehmen und rechnen uns gute Chancen aus, zu diesem Kreis zu gehören", prognostiziert Dr. Lutz Bücken, Vorstandsvorsitzender der RWE Solutions AG.

Die deutschen Stromnetze hat die Liberalisierung auf einem sehr hohen technischen Niveau getroffen, die zur Verfügung stehenden Leistungsreserven erlauben es, eine Zeit lang von der Substanz zu zehren. In Zukunft dürften einfachere Netzstrukturen mit modularen Konzepten für Schaltanlagen und Umspannwerken die Regel werden. Die modularen Systeme zeigen Vorteile vor allem in drei Punkten: die reduzierte Projektlaufzeit, die geringeren, notwendigen Investitionen und die niedrigeren Life-cycle-Kosten, die sich durch die technische Standardisierung und Prozessoptimierung ergeben. Ein zusätzlicher Gewinn ist der hohe Qualitätsstandard, der auf eine weit reichende Vorfertigung und Vorabprüfung zurückzuführen ist.

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