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03.01.2003

09:30 Uhr

Bergbau

Land unter für die Kohle

VonKlaus Stratmann , Handelsblatt

Die Menschen an Rhein und Ruhr stehen zum Bergbau, das galt bisher als klar. Jetzt aber protestieren sie gegen die Kohle - zumindest gegen ein umstrittenes Projekt in Duisburg.

Eigentlich ist Klaus Friedrichs, 56, noch gut dran. Grünblau zeigt die Karte an, Überschwemmungshöhe bei Deichbruch: 2,50 Meter. Aber seine Anwaltskanzlei im niederrheinischen Voerde liegt im ersten Stock, da würde das Wasser gerade vor die Schwelle der Bürotür schwappen. Andere träfe es übler. "Hier sieht man, was bei einer Überflutung der Rheindeiche passiert", erklärt Friedrichs und breitet eine Karte aus: Blau bedeutet drei, vier oder fünf Meter Wasserstand, Rot gar bis zu 15 Meter - und das alles in teilweise dicht bewohnten Gebieten. Friedrichs zeigt aus dem Bürofenster: "Da, der Supermarkt gegenüber; der wäre komplett überschwemmt."

Das alles ist ein Katastrophenszenario. Noch halten die Deiche, und noch käme Voerde bei einem Deichbruch relativ glimpflich davon. Aber die Deutsche Steinkohle AG will vom Bergwerk Duisburg-Walsum aus 800 bis 1 000 Meter unter dem Rhein Kohle abbauen - und das würde einiges ändern am Niederrhein.

Wenn unter Tage Kohle weggenommen wird, sackt die Erdoberfläche ab. Mit der Landschaft fallen auch die Rheindeiche und das Flussbett ab, teilweise mehrere Meter. Der Wasserspiegel jedoch behält seine Höhe. Die Deiche müssen deshalb erhöht werden, teilweise auf bis zu 15 Meter - ein Novum in Deutschland. Das gesamte Projekt ist kein Vorbild: "Die Zechen haben zwar immer schon unter Bächen oder Kanälen abgebaut - bislang aber nie unter einem großen Strom", sagt Jürgen Köngeter, Inhaber des Lehrstuhls für Wasserbau an der Universität Aachen.

Klaus Friedrichs kämpft als Vorsitzender der "Bürgerinitiative Bergbaubetroffener am Niederrhein" (BIB) gegen den Plan. Die Initiative hat ausgerechnet, dass 100 000 Menschen von dem Projekt betroffen wären. 40 000 davon wohnen in Gegenden, die bislang überhaupt nicht hochwassergefährdet sind. Die Folge: In einer Region, in der früher Tausende für die Bergleute auf die Straße gingen, protestieren die Bürger jetzt gegen den Kohleabbau.

Wirtschaftlich ist das Projekt umstritten: "Die Milliardensubventionen für den Bergbau sind Investitionen in die Vergangenheit", sagt Wolfram Richter, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Dortmund. "Und nachdem in der Vergangenheit beim Bergbau alle volkswirtschaftlichen Kostenerwägungen sträflich vernachlässigt wurden, habe ich wenig Vertrauen, dass es in diesem Fall seriöser zugeht." Ein deutscher Bergmann holt im Durchschnitt 553 Tonnen pro Jahr aus der Erde. Zum Vergleich: Ein britischer kommt wegen der besseren Bedingungen auf 2 700 Tonnen, ein australischer gar auf 13 600 Tonnen. Ohne Subventionen wäre auch die Zeche Walsum längst nicht mehr wettbewerbsfähig.

Aber die Deutsche Steinkohle AG steht zu dem Projekt: Die Risiken seien beherrschbar, die Kosten überschaubar, sagt Firmensprecher Ulrich Aghte: "Für Walsum müssen die Deiche auf einer Länge von neun Kilometern saniert oder erhöht werden. Das schlägt mit 0,50 Euro je verwertbare Tonne Steinkohle zu Buche. Bei einer angestrebten Fördermenge von 40 Millionen Tonnen macht das 20 Millionen Euro."

Klaus Friedrichs aber kämpft weiter. Rund 2 000 Mitglieder hat die Bürgerinitiative inzwischen. "Seit Monaten opfere ich jeden Tag mindestens fünf Stunden", sagt er. "Alles ehrenamtlich." Er steht vor einer Regalwand mit rund 50 Aktenordnern, alle zum Thema Walsum, alle mit der Aufschrift "BIB". Friedrichs ist nicht gerade der typische Umweltaktivist: Rechtsanwalt, gepflegter Vollbart, weißes Hemd und Krawatte, im Regal neben juristischen Standardwerken auch das Buch "Die Jagd". 25 Jahre lang saß er für die SPD im Voerder Stadtrat.

Mit den Genossen in Düsseldorf liegt er jetzt über Kreuz. Die bekennen sich dazu, dass unterm Rhein Kohle gefördert werden soll. So wie Wolfgang Clement, da noch nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, an einem Augustabend in der Walsumer Stadthalle. Die Belegschaft der Zeche hat sich versammelt, es gibt Bravo-Rufe, noch ehe der Landesvater zum Mikrofon gegriffen hat. Heimische Steinkohle sei unverzichtbar, sagt Clement: "Wir brauchen die Kohle." Lautstarker Applaus. In der Lokalzeitung wird später stehen, Clement und die Bergleute, "sie waren einander Balsam für die Seele".

Aber solche Sympathiebekundungen für den Bergbau sind selten geworden in Walsum und Umgebung. Bei der Genehmigungsbehörde, der Bezirksregierung Arnsberg, gingen mehr als 13 000 Einsprüche gegen das Projekt ein. Alle wurden abgewiesen.

Jetzt wird geklagt. Mehrere BIB-Mitglieder sind vors Verwaltungsgericht gezogen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) klagt ebenfalls, auch der Kreis Wesel, die Städte Dinslaken, Rheinberg und Voerde. Auch auf der anderen Rheinseite, in Kamp-Lintfort, wo die Deutsche Steinkohle AG im Bergwerk West Ähnliches wie in Walsum vorhat, wächst der Widerstand. Hier ist das Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen.

Unterstützt werden die Kritiker von Landesumweltministerin Bärbel Höhn (Grüne). "40 000 Menschen, die bislang ohne Hochwassergefahr lebten, werden einem zusätzlichen Risiko ausgesetzt", sagt sie. "Unter dem Gesichtspunkt des Hochwasserschutzes sehe ich das Vorhaben daher sehr kritisch." Auch in der Bezirksregierung Düsseldorf, zuständig für den Hochwasserschutz, sind längst nicht alle begeistert. Ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: "Wenn ich da hinterm Deich wohnen würde, würde ich mir auch meine Gedanken machen."

Helmut Lang wohnt hinterm Deich - und er macht sich seine Gedanken: "Man kann die Gefährdung durch Überflutung oder Deichbruch nicht einfach ignorieren. Irgendwann tritt auch das Unwahrscheinliche ein." Langs Haus steht im Rheindorf Götterswickerhamm, direkt am Fluss. Vom Balkon aus hat er freie Sicht auf den Rhein - noch. Vor seinem Haus soll eine 2,50 Meter hohe Spundwand aufgestellt werden. Dann wird er von den Schiffen, die "Angelika" heißen oder "Birgit" und die Öl, Schrott oder eben Steinkohle transportieren, nur noch ein sonores Motorengeräusch hören.

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