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01.04.2003

15:45 Uhr

Berichterstatter mehrfach ausgewiesen

Freiraum für Journalisten wird enger

Vor dem Journalisten-Hotel "Palestine" in Bagdad sind die Satellitenanlagen an nur einem Tag wie Pilze aus dem Boden geschossen. Im Garten und auf einem Vordach haben Fernsehsender und Agenturen ihre Anlagen aufgebaut, um aus der irakischen Hauptstadt fast pausenlos das Neueste über den Krieg und die seit zwei Wochen andauernden Luftangriffe zu berichten.

HB/dpa BAGDAD. Während vor Kameras jüngste Entwicklungen beschrieben werden, werkeln Techniker im Hintergrund noch an Zelten und Holzverschlägen, die als Schutz vor Sandstürmen und der täglich intensiver werdenden Sonne nötig sind.

Das Pressezentrum der irakischen Regierung war am Sonntag nach Luftangriffen auf das Informationsministerium umgezogen. Ein Raketentreffer hatte das Dach und den mehrstöckigen Regierungsbau beschädigt. Auch in Büros ausländischer Medien in dem Gebäude waren Glasscherben und kleine Trümmer geflogen. Das Hotel scheint deutlich sicherer, allerdings ist auch die Bewegungsfreiheit der etwa 200 Reporter, Kameraleute und Fotografen eingeschränkt worden.

Angeblich Sicherheitsgründe für verschärfte Bedingungen

Das Informationsministerium, das von Seite der Regierung für die ausländischen Journalisten zuständig ist, führt Sicherheitsgründe für ein verschärftes Medienregime an. So dürfen sich Berichterstatter nur in registrierten Autos und mit einem Begleiter des Ministeriums bewegen. Eigenständige Reisen außerhalb von Bagdad sind ganz verboten. Auch das Filmen von Treffern aus Hotelzimmern heraus wurde untersagt, um den Angreifern keine Erfolgskontrolle per TV-Bildschirm zu erlauben, wie das Ministerium sagte. In Bussen werden Journalisten täglich zu bombardierten Häusern oder in Krankenhäuser gebracht, wo Opfer der Angriffe gezeigt werden.

Trotz der verschärften Regeln sind Journalisten überzeugt, weiter ein realistisches Bild von den Entwicklungen in Bagdad zeichnen zu können. "Es geht nicht immer darum, was wir nicht wissen. Wir müssen berichten, was wir wissen", sagt Ulrich Tilgner vom ZDF. "Ich mache weder irakische Jubel-Propaganda, noch bin ich den Amerikanern auf den Leim gegangen", sagt er. Viele Journalisten ärgern sich, wenn ihre Berichte oder Einschätzung in Redaktionen mit Spitzen Fingern angefasst werden, so als wären diese zensiert.

Echte Zensur gibt es nicht

Denn eine echte Zensur gibt es nicht. Satelliten-Telefone können frei benutzt werden. Mehrfach wurden Journalisten wegen Verstoßes gegen die Regeln ausgewiesen. Und schreibende Journalisten haben größere Freiheiten als Fernsehsender, die oft von gleich von mehreren Mitarbeitern des Ministeriums begleitet werden. "Die irakischen Behörden haben ein starkes Kontrollsystem, um Berichte zur verhindern. Sie können die Berichterstattung aber nur begrenzt aktiv steuern. Deshalb können wir Journalisten Freiräume nutzen", sagt ein Reporter.

"Man soll sich nicht mit dem Land gemein machen, aus dem man berichtet. Das gilt aber hoffentlich auch für die, die in die amerikanischen Truppen begleiten", sagt der Österreicher Thomas Seifert, der für das Magazin "News" aus Bagdad berichtet. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit sei unbefriedigend. Journalisten sollten nicht in einem goldenen Käfig sitzen und nur noch organisierte Touren zu sehen bekommen.

Und es gibt eine große Frage, die alle Journalisten immer wieder beschäftigt, während die Front auf die Stadt zurückt. Gehen oder bleiben? Wie steht es um die Sicherheit, wenn es zum Straßenkampf in der Stadt kommt. Darauf hat auch der Grieche Ioannis Diakogiannis von der Tageszeitung "Ta Nea" noch keine Antwortet gefunden. Ihn empört aber, dass seine Regierung nun schon die Familien der sechs griechischen Journalisten aufgefordert hat, diese zur Rückkehr zu überreden. Diakogiannis sagt: "Journalisten müssen in Bagdad bleiben, Die Welt braucht Berichte nicht nur aus dem Westen, sondern auch aus dem Irak selbst.

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