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12.05.2000

12:55 Uhr

Berliner Startup will Krankenstände und Motivationsblocker am Arbeitsplatz abbauen

"Wir sind Keine Sozialstation"

Krummer Rücken, klapprige Bürostühle, flimmernde Bildschirme - ein Job kann krank machen, muss er aber nicht. Für gesundes Arbeiten will Geko sorgen. Geko steht für "Gesundheitskompetenz". "Unser Programm lässt sich überall durchführen, im Büro oder in der Montagehalle", sagt Ralf Schreiber, der zusammen mit Gabriele Joschko die Geschäfte führt.

Ihrer Idee zugrunde liegt der Salutogenetische Ansatz. Was so sperrig klingt, ist simpel: Die Methode geht davon aus, Gesundheitsressourcen zu nutzen und nicht den Blick auf Krankheiten zu heften. Aufklären, aktivieren, trainieren stehen im Mittelpunkt. Geko checkt Arbeitsplätze und Bewegungsabläufe, schlechte Bildschirme und falsche Stühle. Das Team rückt und schraubt und organisiert um, ermuntert Mitarbeiter im Stehen zu telefonieren, selbst zum Kopierer zu gehen. Außer diesen Standardtipps bietet das Unternehmen Gymnastik, asiatische Entspannungs- und Bewegungsübungen etwa zur "energiebringenden Pausengestaltung".

Die junge Firma hat vier feste Mitarbeiter sowie 30 freiberufliche Trainer und Berater. Außerdem greift sie auf ein Netzwerk zurück, das von Gesundheitswissenschaftlern der Unis Bielefeld, Hannover, Berlin, Feng Shui-Anbietern, Ernährungsberatern, Krankengymnasten über Philosophen, Kommunikationstrainer, Zeitmanager, Unternehmensberater bis zu Büromöbelanbietern reicht. "Durch die systematische Vernetzung von Gesundheits- und Managementaufgaben glauben wir, umfassende gesundheitsfördernde Programme anbieten zu können", sagt Schreiber. Die Unternehmensberater zum Beispiel durchleuchten und verbessern auch krankmachende Kommunikationsstrukturen. Selbst Fehlplanungen in der Produktion nehmen sie unter die Lupe; vielleicht können unnötig lange oder belastende Arbeitsprozesse optimiert werden. Alles in allem zielt das Angebot von Geko auf mehr Motivation, Produktivität und letztlich geringere Ausfälle und Fluktuation in Unternehmen.

Dennoch sei es schwer, Chefs zu überzeugen. "Fast alle zeigen sich zwar interessiert, aber es darf nichts kosten", ist Schreibers schlechte Erfahrung. Eine Beratung kostet 150 bis 180 Mark pro Stunde, darüber hinausgehende Fitnessprogramme kosten extra. "Während der Arbeitszeit auf meine Kosten turnen? Das sollen meine Leute gefälligst in ihrer Freizeit tun!", hörte der dann ziemlich desillusionierte Geko-Chef häufig.

Dass die Fit-ins-Büro-und-auch-wieder-raus-Idee in Berlin geboren wurde, ist kein Zufall. Berlin steht an der Spitze der Krankmeldungen. Nach Angaben der Betriebskrankenkasse des Landes Berlin (BKK) betrug im vergangenen Jahr die Krankenstandsquote 8,7 Prozent (Vorjahr: 7,3). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 4,2 Prozent und stieg im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,1 Prozentpunkte. Nach BKK-Berechnungen mussten Berliner Unternehmen und Behörden mit 6,6 Milliarden Mark eine Milliarde mehr an Lohn- und Gehaltsfortzahlungen aufwenden als im Vorjahr.

Jeder vierte Arbeitnehmer sei gefrustet und genervt, zitiert Schreiber eine Studie der Fachhochschule Rheinland-Pfalz, die den Sportlehrer darin bestärkte, zusammen mit der gelernten Arbeitssoziologin Joschko, die Idee auch umzusetzen. Beide arbeiteten vorher in einem Gesundheitsförderungs- und Managementprogramm für Unternehmen. Es wurde eingestellt, als Krankenkassenzuschüsse hierfür gestrichen wurden. Wo andere sich zerknirscht nach einem neuen Job umgeschaut hätten, entwickelten Joschko und Schreiber die Idee weiter. "Wir glaubten an die Dienstleistung und waren sicher, dass das ein Zukunftsthema wird", sagt Schreiber.

Auch Wilhelm Bauer vom Stuttgarter Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation sieht in betrieblicher Gesundheitsförderung ein wichtiger werdendes Feld. "Es ist augenscheinlich, dass sich Nachfrage und Angebot stetig entwickeln." Er verweist auf die Vorreiterrolle von Großunternehmen wie Porsche. Der Automobilhersteller startete das Programm "Boxenstop" für die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter. Geko hat einen Trend aufgegriffen - vielleicht einen Tick zu früh, denn der Start war schwer. "Mittlerweile könnte ich auch noch eine Beratung für Existenzgründer anbieten", stöhnt Schreiber. Die Förderprogramme seien total technologielastig, sagt er. "Mit einer neuen Dienstleistung kann man nicht glänzen. Irgendwie als "zu sozial" sei die Idee abgetan worden. Also buhlten die Gründer um einen Hauskredit. nach einem dreiviertel Jahr, hatten sie 60 000 Mark bekommen, zu wenig verlockenden Konditionen. Das erste Jahr verlief "schleppend". Grund war neben der knappen Kapitalbasis die zaghafte Akquise. "Wir waren zu ängstlich", resümiert Schreiber. Jetzt akquirieren externe Profis. Zu den Kunden zählen Siemens, Daimler-Chrysler, Allianz, das Hahn-Meitner-Institut und die Post.

Zuhören, Kommunikationsprobleme aufdecken und vermitteln gehört zum Job. So konnte Geko einer Sachbearbeiterin helfen, deren Arbeitsplatz zwar völlig in Ordnung war, aber das Arbeitsklima nicht stimmte. "Klar ist das sozial". Nur: "Unser Unternehmen muss Erträge erwirtschaften. Wir sind keine Sozialstation!"

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