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29.01.2002

17:35 Uhr

Besiktas will deutschem Trainer die Treue halten

Gericht will Daum-Prozess abtrennen

Im Kokainprozess gegen den Fußballtrainer Christoph Daum (48) hat das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz die Abtrennung seines Verfahrens von der Verhandlung gegen die beiden Mitangeklagten angeregt. Dies teilte der Vorsitzende Richter Ulrich Christoffel in der Hauptverhandlung des Koblenzer Landgerichts am Dienstag mit.

dpa KOBLENZ. Der Strafsenat des OLG habe zur Begründung angeführt, dass mit Blick auf die 15-monatige Untersuchungshaft des Hauptangeklagten künftig zwei Mal statt einmal in der Woche verhandelt werden sollte, um den Prozess zu beschleunigen. Laut Daums Verteidigung käme dies aber einem Berufsverbot für den früheren Bundesliga-Trainer gleich. Der Coach trainiert den türkischen Spitzenclub Besiktas Istanbul und muss zu jedem Verhandlungstag nach Deutschland fliegen. Der Hauptangeklagte ist Daums mutmaßlicher Kölner Dealer (40). Außerdem muss sich noch ein 55-jähriger Gastronom aus dem rheinland- pfälzischen Ahrbrück wegen des Vorwurfs von Drogendelikten in dem Prozess verantworten.

Daums Rechtsanwalt Rolf Stankewitz hatte zuvor die Einstellung des Verfahrens gefordert. Er begründete dies am 15. Verhandlungstag unter anderem mit einem "unglaublichen Beweisnotstand" der Staatsanwaltschaft. Bislang seien in der Hauptverhandlung alle Zeugen hinter ihren Aussagen bei früheren polizeilichen Vernehmungen deutlich zurückgeblieben. Es dränge sich der Verdacht auf, "dass hier eine Treibjagd mit Belastungstendenz bis hin zur Zeugenbeeinflussung stattgefunden hat", ergänzte Stankewitz.

Sein nicht vorbestrafter Mandant habe laut einem Münchner gerichtsmedizinischen Haarprobe-Gutachten ein Mal pro Monat während eines halben Jahres Kokain konsumiert. Nach einer Therapie habe Daum keine Drogen mehr genommen. Die Kammer nahm zu der Einstellungsforderung vorerst nicht Stellung, da es sich um keinen förmlichen Antrag handelte. Der im Oktober 2001 begonnene Prozess soll am 5. Februar fortgesetzt werden.

Stankewitz kritisierte unter Verweis auf die aktuelle V-Mann-Panne im Verbotsverfahren gegen die NPD, dass die Koblenzer Staatsanwaltschaft die "wahre Identität" ihres bislang noch nicht vor Gericht erschienenen "Hauptbelastungszeugen" verschweige. Staatsanwalt Jörg Angerer sagte, seine Behörde sei allgemein verpflichtet, zu V-Männern zu ihrem eigenen Schutz keine Angaben zu machen. Gegen den von Stankewitz genannten Zeugen habe die Staatsanwaltschaft unterdessen ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Erpressung eingeleitet.

Laut Daums Verteidigung hatte dieser Mann im vergangenen November über einen Bekannten für sein Abtauchen 2 Mill. DM (gut 1,02 Mill. Euro) von dem Coach gefordert. Umgekehrt hatten die Ankläger im November von einem Verdacht berichtet, Daums Anwälte hätten Vernehmungen zufolge ihrerseits diesen Zeugen mit 2 Mill. DM bestechen wollen, um ihn zum Verlassen Deutschlands zu bewegen. Auch die Ermittlungen zu diesem Vorwurf sind noch nicht abgeschlossen.

Die Anklage hält Daum den unerlaubten Erwerb von jeweils drei bis fünf Gramm Kokain in 63 Fällen sowie die Anstiftung zur Beschaffung von 100 Gramm der Droge vor. Aus seiner sportlichen Heimat wurde Daum am Dienstag der Rücken gestärkt. "Auch wenn ihn das Gericht für schuldig befindet, wird er seine Aufgabe fortsetzen", sagte Besiktas - Präsident Serdar Bilgili der Zeitung "Sabah". "Falls er schuldig gesprochen wird, wird er eine Geldstrafe erhalten. Gefängnis kommt nicht in Frage." Für den Fall, dass Daum die Trainerlizenz entzogen würde, will der türkische Club den Deutschen in einer höheren Position weiter beschäftigen.

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