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29.06.2000

17:37 Uhr

Bestnoten für eine Mogelpackung

Wie die Deutschland-Tour zum Top-Event des Radsports hochstilisiert wird

VonKLAUS BLUME

Deutschland-Tour heißt das Produkt. Hört sich blendend an und wird auch blendend vermarktet. Dahinter aber verbirgt sich nichts weiter als ein im internationalen Vergleich viertklassiges Radrennen.

HANDELSBLATT WIESBADEN. "Zehn Millionen Deutsche bewegen sich auf einem Fahrrad, der Fitness wegen", verkündete frohen Mutes Manfred Böhmer, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Schon deshalb sei die Deutschland-Tour ein "Spitzen-Event." So leicht kann man es sich natürlich machen, und die Kollegen vom Tischtennis und einigen anderen im Breitensport stark vertreteten Sportarten könnten ebenfalls diverse Kreis- und Stadtmeisterschaften zum herausragenden Ereignis hochstilisieren.

Dabei ist den Beobachtern der internationalen Radsportszene klar, dass der sportliche Wert dieser 1247 Kilometer langen Sieben-Tage-Fahrt eher bescheiden ist. Gleichwohl gelingt es den Organisatoren blendend, die Veranstaltung in der Öffentlichkeit als wesentliches und bedeutsames Sportangebot zu verkaufen. 2.3 - so lautet die sportliche Einordnung dieses Rennens durch den internationalen Radsport-Verband. Was schlicht bedeutet, dass die Veranstaltung in der Rangliste internationaler Etappenfahrten nur die vierte Klasse darstellt. Das deutsche Rennen wird demnach sportlich nicht höher eingeschätzt als das spanische Provinz-Ereignis "Rund um Murcia". Für den Sieger, der am Donnerstag in Berlin über die Ziellinie fährt, gibt s denn auch nur 100 Weltranglisten-Punkte. Der Gewinner des parallel laufenden Giro d'Italia erhält hingegen 500 Punkte.

Von den ersten 20 der Weltrangliste fahren deshalb auf Deutschlands Straßen lediglich fünf mit. Namentlich sind dies die Deutschen Erik Zabel, Jan Ullrich sowie Paolo Bettini (Italien), Laurent Dufaux (Schweiz) und Johan Museeuw (Belgien). Sogar das Team Deutsche Telekom hat - abgesehen von seinen zugkräftigen deutschen Pedaleuren Jan Ullrich, Erik Zabel, Andreas Klöden und Jens Heppner - seine ausländischen Stars in die gleichzeitig laufende höherwertige "Baskische Woche" abkommandiert. Darunter auch den aufstrebenden Kasachen Alexander Winokurow.

Trotz allem steht fest, dass die Deutschland-Tour schon im vorigen Jahr beim deutschen Publikum hervorragend ankam. Die Fans sind offenbar froh, überhaupt mal einige der prominenten Namen hautnah verfolgen zu können. Der sportliche Wert tritt in den Hintergrund, entscheidend ist das Live-Erlebnis. Angeblich sollen mehr als vier Millionen Zuschauer im Mai letzten Jahres am Straßenrand gestanden haben - so jedenfalls wurde von den Veranstaltern geschätzt. Laut Umfrage bewerteten 55 % das Rad-Ereignis mit der Bestnote "sehr gut".

Die Deutschland Tour GmbH (Hamburg), ein Unternehmen des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) und der Hamburger Agentur Upsolut, errechnete für die Tour des letzten Jahres einen theoretischen Werbewert von insgesamt 11,43 Millionen Mark. Das alles soll in diesem Jahr noch gesteigert werden. Vor allem mit Hilfe des Privatsenders Sat1, der täglich zwei Stunden live von allen Etappen berichtet. 1999 sollen weltweit 148 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher die Tour durch Deutschland verfolgt haben.

In Konkurrenz zur hiesigen Radsport-Veranstaltung steht der Giro d Italia, der beim Spartensender Eurosport übertragen wird. Im Prinzip ein Muss für jeden eingefleischten Radsport-Enthusiasten. Da aber die deutsche Speichen-Prominenz in der Heimat über den Asphalt rollt, sollte zumindest hier zu Lande der traditionsreiche Giro im Vergleich zur Deutschland-Tour wenig Aufmerksamkeit erzielen.

Was den Sponsoren der Deutschland-Tour natürlich recht wäre. 16 Geldgeber finanzieren das Rennen, darunter auch die börsenwillige Deutsche Post und die Deutsche Telekom. Letztere ist als Betreiber des bekanntesten deutschen Profi-Radteams mehr oder weniger zum Mitmachen verpflichtet.

Mit einer Art Volksfest startete die Deutschland-Tour am Freitag in Wiesbaden, wo man sogar die vornehme Wilhelmstraße zur Sprintgeraden umfunktioniert hatte. Die Fans waren zahlreich gekommen, die Stimmung stimmte und nichts erinnerte an die leidigen Doping-Diskussionen.

Über die mindere Qualität der Tour machte sich eh niemand Gedanken, eine kleine Mogelpackung muss erlaubt sein. Viertklassig? "Wir sind eben eine klassische Vorbereitungsfahrt für die Tour die France", entgegnet BDR-Präsident Manfred Böhmer all jenen, die mit solchen Feststellungen das Unternehmen Deutschland-Tour kritisieren. Vorbereitungsfahrt - mehr will man nicht sein.

Die Aktiven wissen das. "Die Veranstaltung passt wunderbar in mein Konzept für die lange Saison. Vielleicht kann ich auf der einen oder anderen Etappe schon einmal etwas zeigen", sagt Jan Ullrich mit der üblichen Zurückhaltung, die angesichts seiner alljährlichen Gewichts- und Formprobleme zu Beginn der Saison nicht überrascht.

Einfahren für die wahren Prüfungen ist angesagt, bei Ullrich ist wie üblich alles auf die Tour de France abgestellt. Vorläufig sorgen die Teamkollegen für die Schlagzeilen. Jens Heppner und Erik Zabel gewannen die ersten Etappen der Deutschland-Tour. Bei der Etappe von Pforzheim nach Bad Dürkheim kam der deutsche Meister Udo Bölts als Erster ins Ziel.

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