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27.01.2002

16:07 Uhr

Besucheransturm

Guantanamo: Kritik zwingt USA zur PR-Offensive

Auf dem Marinestützpunkt Guantanamo Bay geht es zu wie in einem Taubenschlag. Erst waren Vertreter des Roten Kreuzes dort, dann kam eine Delegation des US-Kongresses. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld reiste am Sonntag an, und als Nächstes rüstet sich die Militärbasis für einen Ansturm von Reportern aus Europa. Das Pentagon selbst hat die Journalisten eingeladen.

dpa WASHINGTON. Mit gutem Grund: Da die Kritik aus dem Ausland an der Behandlung der Taliban- und El-Kaida-Gefangenen auf der Marinebasis einfach nicht verstummen will, sieht sich die US-Regierung zu einem Public-Relations-Feldzug gezwungen. Oder zu einer Rettungsoperation, wie die "New York Times" es formulierte.

Steht zwar die große Mehrheit der US-Bürger hinter dem Regierungskurs, ist in den vergangenen Tagen im Weißen Haus und mehr noch im Außenministerium die Sorge gewachsen, dass die internationale Anti-Terror-Koalition wegen der Gefangenen-Frage zu bröckeln beginnen könnte. US-Medien, die sich bisher eher bedeckt hielten, warteten erstmals mit zum Teil harscher Kritik an der Washingtoner Führung auf. Nicht, dass sie die Empörung im Ausland über den Umgang mit den Gefangenen in der Sache unbedingt teilen würden. Bemängelt wird vielmehr, dass die Regierung durch ungeschicktes Handeln viel Kredit bei ihren Verbündeten verspielt haben könnte.

Den Reigen eröffnete die "Washington Post", die vor allem Pentagon-Chef Donald Rumsfeld für das PR-Desaster verantwortlich machte ‐ ein erster Flecken auf seiner bisher so funkelnden Rüstung als Kriegsminister. Ihm wird vorgehalten, dass er die ganze Debatte selbst verschuldet habe, nämlich durch sein grünes Licht für die Veröffentlichung eines Bildes von Gefangenen, die gefesselt, mit schwarzen Brillen und Mundschutz vor ihren Bewachern in Guantanamo knien. Zu spät habe Rumsfeld erwähnt, dass es sich um ein Minuten nach der Ankunft der Gefangenen in Guantanamo geschossenes Foto gehandelt habe – von einem Zeitpunkt also, als noch transportbedingt besonders scharfe Sicherheitsmaßnahmen geherrscht hätten.

Wiederholt, so heißt es weiter, habe Rumsfeld in der Öffentlichkeit auch den Eindruck erweckt, ihm sei die Behandlung der Gefangenen völlig egal: "Viel von dem, was er sagte, sah so aus, als ob die Bush-Regierung internationales Recht nur achtet, wenn es ihr passt."

"In der Gefangenen-Frage ungeschickt herumgetrampelt"

Ähnlich sieht es auch ein Gastkommentator in der "New York Times". Die USA hätten sich militärisch in Afghanistan prima geschlagen, stellt er fest. "Aber in der Gefangenen-Frage sind sie ungeschickt herumgetrampelt." Der Autor sieht in der ausländischen Kritik eine "Unterströmung": Viele in Übersee fühlten sich ständig von den Amerikanern belehrt und sähen dann, dass die USA selbst nicht das praktizierten, was sie anderen vorschrieben. Die US-Regierung habe die Abneigung im Ausland gegenüber einem solchen Verhalten offenbar bisher nicht begriffen.

Angesichts solcher Worte versucht die US-Regierung nun, ihr Image gegenüber dem Ausland aufzupolieren, ohne freilich zu nachgiebig zu erscheinen. So wurden vorläufig die Gefangenentransporte nach Guantanamo eingestellt. Offiziell heißt es, das habe nichts mit der Kritik zu tun, sondern einfach mit einem Mangel an Unterkünften. Aber dass das alleiniger Beweggrund war, glaubt unter politischen Beobachtern kaum jemand.

Das Pentagon hat auch damit begonnen, tagtäglich über "Bonbons" für die Gefangenen zu berichten. So heißt es etwa, man wolle grüne Pfeile auf dem Boden ihrer Zellen malen - damit die Männer beim Gebet wissen, in welcher Richtung Mekka liegt. Überlegt wird danach auch, bei künftigen Transporten auf die schwarzen Brillen zur Desorientierung der Gefangenen zu verzichten.

Lobte die Kongress-Delegation nach ihrem jüngsten Besuch die Bedingungen in Guantanamo Bay geradezu überschwänglich, droht nun neuer Sand in das Getriebe der Anti-Terror-PR-Maschinerie zu geraten. Berichte, nach denen Außenminister Colin Powell die Gefangenen unter den Schutz der Genfer Konvention gestellt haben möchte, versprechen Diskussions- und Zündstoff.

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