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09.01.2003

07:44 Uhr

Betreuungsangebote fehlen

Kinder sind Karrierekiller

VonBärbel Kerber (Handelsblatt)

Karrierefrauen sind im geheimen Gebärstreik. Der Grund: Es fehlen Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, und die Vorurteile gegen Mütter im Job sind zu stark.

Studiert, diplomiert, gar promoviert - und auf dem Pfad in die Chefetagen. Frau weiß: Da ist kein Platz für nasse Babypopos und aufgeschlagene Kinderknie. Pure Verschwendung und nicht machbar obendrein. Frauen mit Karriereambitionen "Kinder"? Bloß nicht!

Karrierefrauen bleiben meist kinderlos, fand die amerikanische Ökonomin und Politikberaterin Sylvia Ann Hewlett in einer Studie heraus - nachzulesen in ihrem Buch "Babyhunger". Selten allerdings, meint Hewlett, sei das ernsthaft deren Wunsch, sondern mehr Notwendigkeit, um im Beruf vorankommen zu können. "Mit Kind könnte ich meine Arbeit gar nicht machen", erzählt etwa die 37-jährige Karen Heumann, Geschäftsführerin bei der Hamburger Kreativagentur Jung von Matt. Die Arbeitszeiten seien mehr als flexibel, von Nachtschichten und Wochenendarbeit ganz zu schweigen.

Die Männer haben es mal wieder besser? Leider ja. Während 50 Prozent der Frauen im Topmanagement keine Kinder haben, sind nahezu 100 Prozent ihrer männlichen Kollegen stolze Familienväter, so eine Untersuchung von Sonja Bischoff von der Universität Hamburg. Kein Wunder: Sie können auf eine Ehefrau zurückgreifen, die ihnen den Rücken freihält von Erziehungsaufgaben. Für Frauen - und nur für sie - bedeuten Kinder dagegen oft ein Ende der Karriere.

Aus hehren Ansprüchen unserer Gesellschaft ist nicht viel geworden: "Frauen sind die Hauptverantwortlichen für Hausarbeit und Kinderbetreuung geblieben", lautet die Erkenntnis des Soziologen Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bielefeld und seiner Forscherkollegin Sonja Drobnic. Und deshalb führe, so ihr Forschungsergebnis, eine Berufstätigkeit bei Frauen mit Kindern automatisch zu einer Doppelbelastung, die entweder auf Kosten des Berufs oder der Familie gehe.

Das ist auch jungen Frauen mittlerweile glasklar, wie eine Studie der Unternehmensberatung Westerwelle beweist: Mehr als zwei Drittel derer, die keine Kinder haben, glauben, dass ihre Karriere unter einem Kind leide. Und ein Drittel von ihnen würde deshalb im Zweifel auf Nachwuchs verzichten.

Die Angst ist berechtigt. Die in derselben Studie befragten Chefs sind häufig der Meinung, berufstätige Mütter seien weniger flexibel, geringer engagiert und nur eingeschränkt verfügbar. Und wollen sie lieber heute als morgen loswerden. Beispiele kennt jeder aus seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld. Doch so richtig öffentlich möchten die Betroffenen die Missstände dann doch nicht machen. Sie bleiben vorzugsweise anonym.

Auch die sonst so fortschrittliche Medienzunft, die ja selbst gerne lautstark nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie ruft, ist da nicht besser. Für die Redakteurin Maria Benning wurde schon ein Nachfolger eingestellt, als sie gerade im dritten Schwangerschaftsmonat war. Kurz darauf schloss man sie von Ressortkonferenzen aus. "Ich bin schon nicht mehr da, obwohl ich noch da bin", sagt sie. "Schwangerschaft wird wie der selbstverschuldete Eingang in die Unscheinbarkeit aufgefasst."

Und wer hat Schuld? Der Staat, der es nicht schafft, verlässliche Ganztagsbetreuung für den Nachwuchs bereit zu stellen? "Der geheime Geburtenstreik vor allem der gut ausgebildeten Frauen steht in direktem Bezug zu der Schlusslichtposition, die Deutschland bei der Versorgung der Familien mit ganztägiger Bildung und Betreuung einnimmt", sagt Erziehungswissenschaftlerin Barbara Schaeffer-Hegel von der TU Berlin. Auch das Frauenministerium in Nordrhein-Westfalen vermeldete jetzt den Trend zur Kinderlosigkeit bei berufstätigen Frauen: Gleichstellungsgesetze helfen nicht, stattdessen müsse man bei der Kinderbetreuung ansetzen.

Hinzu kommt: Berufstätigen Müttern haftet in Deutschland ein Makel an: Weit verbreitet ist die Ansicht, eine Mutter habe bei ihrem Kind zu sein - und im Berufsleben nichts zu suchen. Und man glaubt, dass sie in Wahrheit auch nichts lieber täte. Und deshalb ihre Arbeitsmotivation und-leistung nach der Ankunft des Sprösslings drastisch sinke. Es scheint als ob die Ansicht vorherrscht, dass "frau" mit der Schwangerschaft so von Mutterhormonen geflutet wird, dass sie nur noch verzückt in Windelgrößen statt Absatzzahlen denken könne.

Mitschuld haben alle. Zu sehr verhaftet sind wir mit unseren alten Geschlechterklischees: "Wenn Kinder kommen, entfalten die überkommenen polaren Rollenbilder ihre volle Macht", erklärt der Psychotherapeut Hans Jellouschek. "Er lebt ,ein biss-chen? Familie und ganz viel Beruf. Bei ihr ist es umgekehrt: Der Beruf wird ihre Nebenbeschäftigung, vielleicht sogar ihr bloßes Hobby, die Familie erfordert den großen Teil ihrer Energie." Der Mann fordert das stillschweigend ein, die Frau gibt hin- und hergerisssen zwischen den Lebensentwürfen "Mutter" und "Karrierefrau" nicht selten nach und die Vorgesetzten ziehe ihre Schlüsse - "nicht aus bösem Willen, sondern aus diesen tief in unseren Seelen eingebrannten Rollenvorstellungen", so Jellouschek.

Dann lieber keine Kinder, denken sich viele Frauen, die ihren Beruf als unverzichtbaren Bestandteil ihres Lebens sehen. Doch häufig, so erkennt Hewlett, machen sich ab Mitte 30 Zweifel breit. Nicht selten ist es dann schon zu spät: Die Fruchtbarkeit nimmt ab dem 27. Lebensjahr ab. Verzweifelt suchen die betroffenen Frauen ihr Heil dann in einer künstlichen Befruchtung. Auffällig ist, dass gerade Deutschland bei den High-Tech-Laborbefruchtungen zahlenmäßig zur Weltspitze gehört.

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