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18.01.2001

08:55 Uhr

Bewegte Bilder per Post

Video im E-Mail-Postfach

VonUte Latzke (Handelsblatt.com)

Werbe-Mailings sind lästig, unerbeten und verstopfen nur den Briefkasten. Das gilt für das Postfach an der Haustür ebenso wie für das virtuelle im PC. Spannender soll es hingegen mit der Video-E-Mail werden: In den USA versenden Unternehmen Videoclips per E-Mail an die entsprechende Kundengruppe und versuchen, die potenziellen Käufer mit individuellen Botschaften zu überzeugen. Auch im privaten Bereich sollen Video-E-Mails das Internet bunter machen.

HB DÜSSELDORF. Grand Prairie Ford in Dallas, Texas, setzt große Hoffnungen in den Vertrieb seiner Autos über Video-E-Mail. Ford-Modelle und Produktbroschüren werden dem potenziellen Kunden fortan mit bewegten Bildern präsentiert. Das IT-Unternehmen ExpandMail.com hat dafür die nötige Software entwickelt. Mit Hilfe der Streaming-Technologie werden die Videos in der E-Mail nahezu in Echtzeit übertragen. Ein umständliches, zeitraubendes Herunterladen des Videos entfällt, und das Video kann in Kombination mit einem Link auf die Website von Ford mit einer Standard-E-Mail übertragen werden.

Wünscht ein Kunde beispielsweise Informationen über ein bestimmtes Modell, klickt er auf die Video-Broschüre, die ihm die neuesten Features präsentiert. Gegebenenfalls vereinbart er an dieser Stelle direkt einen Termin für eine Probefahrt oder fordert einen Kostenvoranschlag an. Auf der Website www.FlagShipFord.com präsentiert Grand Prairie Ford alle Broschüren als Video. Außerdem kann der Kunde sich auf eine virtuelle Tour begeben, die über Produkte, Service oder den Lagerbestand informiert.

Der Ford-Händler aus Dallas ist aber nicht der einzige Autolieferant, der mit Video-E-Mails auf Akquise geht. Stan Graff, Eigentümer und Geschäftsführer von Graff Chevrolet, freut sich jedes Mal über die verblüffte Reaktion seiner Kunden: "Sie fragen sich, wie wir das gemacht haben und können es kaum glauben." Graff plant den Einsatz von Video-E-Mail auch für die Niederlassungen El Dorado Chevrolet, El Dorado Mazda und El Dorado Chrysler-Plymouth, alle in McKinney, Texas.

V-Mailing revolutioniert die Kommunikation im Netz

Mit dem Medium Video-E-Mail lassen sich viele Kunden gleichzeitig und preiswerter als mit herkömmlichen Mailing-Aktionen erreichen. In der Januarausgabe der Zeitschrift Business 2.0 sagt Russell Gillam, Geschäftsführer von Dynamics Direct , West Hills/Kalifornien: "V-Mailing wird die Kommunikation im Netz revolutionieren." Dynamics Direct ist ein Anbieter von Software-Lösungen für E-Commerce und Video-E-Mailing."

Es stellt sich jedoch die Frage, wie die Unternehmen überhaupt an die erforderlichen Daten kommen, um ihre Video-Botschaft kundenspezifisch ausrichten zu können. Dynamics Direct verlässt sich bei der Betreuung seiner Klientel auf den Service von Datenbanken, die gegen Entgelt zahllose Kundendaten bereithalten, oder trägt diese selbst zusammen. Anhand des "Target Marketings" - also Zielgruppen orientiertes Marketing - lassen sich Kundengruppen herausfiltern, denen die Unternehmen die passenden Video-E-Mails senden. Der Vorteil dieses Konzepts liegt in der persönlichen Ansprache des Kunden und der Möglichkeit, dass dieser umgehend reagieren kann. Forrester Research schätzt, dass bis zum Jahr 2004 schon mehr Video-E-Mails versandt werden als herkömmlich E-Mails. Neben Dynamics Direct haben es sich auch Yesmail , Radical Mail oder Digital Mediaworks zur Aufgabe gemacht, die Verbreitung des Mediums Video-E-Mail voranzubreiben.

Nicht alle Internetnutzer können Video-E-Mail empfangen

Ob Video-E-Mails tatsächlich von allen Kunden empfangen werden können, ist aber noch fraglich. Schließlich verfügt noch lange nicht jeder über einen entsprechend leistungsfähigen Computer oder Provider. Die Marktforscher Dataquest haben vorausgesagt, dass im Jahr 2001 in den USA erst rund 10 Millionen Haushalte über einen Highspeed-Internetanschluss verfügen werden.

Idil Cakim, Pressesprecher von Cyber Dialogue, ein IT-Unternehmen, das digitale Konzepte im Bereich Customer Relationship entwickelt, sieht die Umsetzbarkeit von Vidoe-E-Mails für die breite Masse momentan auch noch kritisch. "Um die Videos per E-Mail übertragen und problemlos empfangen zu können, braucht man sehr große Bandbreiten. Die meisten Haushalte verfügen aber noch nicht darüber. Erst wenn Breitband-Internetanschlüsse allgemein verbreitet sind, schätzungsweise in drei Jahren, wird das Medium Video-E-Mail ein geeignetes Mittel für die Anbieter sein, um darüber ihre Kundschaft zu erreichen. Für uns ist Video-E-Mail im Moment noch ein Nischenprodukt", sagte Cakim zu Handelsblatt.com.

Außerdem werden unaufgefordert versandte Mailings vom Kunden immer noch ungern, im Zweifelsfall sogar überhaupt nicht geöffnet. Und das gilt auch für elektronische Botschaften, die unbeachtet im virtuellen Papierkorb landen könnten. Gillam lässt sich davon aber nicht abschrecken: "Wir bringen mit den Video-E-Mails die persönliche Note ins Internet zurück."

Video-E-Mail-Telefonzelle

Damit auch die E-Mails von Internetnutzern einen persönlichen Touch bekommen, hat die Bell Canada, eine Tochter der kanadischen BCE Inc, eine Video-E-Mail-Telefonzelle erfunden. Der Prototyp wurde auf der 29. Internationalen Ausstellung für New Cinema und New Media Ende Oktober in Montreal vorgestellt. Damit soll es möglich sein, eine Videobotschaft aufzunehmen und mit der elektronischen Post zu versenden. Es ist allerdings noch nicht bekannt, wann die ersten Zellen produziert und installiert werden.

Dass sich die Video-E-Mail als preiswerter Konkurrent zum Telefon mittlerweile etabliert hat, ist schon länger bekannt: In Indien ersetzt die Video-E-Mail für Analphabeten das Telefon. Mit einer Digitalkamera können die Nutzer eine Nachricht von maximal drei Minuten aufnehmen und diese per E-Mail versenden, was die Kosten auf rund ein Drittel reduzieren soll.

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