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15.02.2001

10:33 Uhr

dpa NÜRNBERG. Seit BSE und Schweinemastskandal die Schlagzeilen beherrschen, verzeichnet die Öko-Branche einen Riesen- Zulauf. "Bio-Produkte sind plötzlich hoffähig geworden", sagt der Vorstand des größten deutschen Öko-Anbauverbandes Bioland, Thomas Dosch. "Wir kommen endlich aus der Nische raus. Die Zukunft sieht rosig aus."

Aufbruchstimmung und Optimismus bestimmen das Bild auf der Naturkost-Messe Biofach (bis 18.2.) in Nürnberg. Auf der weltgrößten Messe der Branche rechnet man mit einem Umsatzwachtum von 30 % in diesem Jahr. Bisher werden mit Naturkost rund 7,5 Mrd. DM Umsatz erzielt - das entspricht etwa drei Prozent am gesamten deutschen Lebensmittelmarkt.

Pro Woche können 2 000 Schweine mehr verkauft werden

"Pro Woche könnten wir 2 000 Bio-Schweine mehr verkaufen als wir haben", sagt Dosch von Bioland, in dem sich 3 700 Mitglieder zusammengeschlossen haben. Doch da beginnt das Problem: Die Branche kann nicht von heute auf morgen das Dreifache produzieren. Es dauert mindestens zwei Jahre, bis ein konventioneller landwirtschaftlicher Betrieb sich auf die ökologische Produktion umgestellt hat. Das Ziel der rot-grünen Bundesregierung, bis 2010 den Öko-Anteil an der deutschen Landwirtschaft von derzeit 2,6 % auf 20 % auszubauen, gilt daher als ehrgeizig.

Die 10 500 selbstständigen öko-Bauern in Deutschland sind bereits an ihre Grenze gestoßen. "Es gibt Lieferengpässe bei Eiern, Milch, Käse, Braugerste und Schweinefleisch aus ökologischer Haltung", sagt der Gründer der Biofach, Hagen Sunder. Der Markt für Öko-Rindfleisch sei praktisch leergefegt.

Neue Kunden durch Agrarkrise

Die Agrarkrise hat der Branche damit unverhofft neue Kunden in die Geschäfte gebracht. "Viele enttäuschte Verbraucher haben den Weg zu uns gefunden, junge Familien, aber auch eher konservative Kunden", berichtet die Sprecherin des ältesten deutschen Erzeugerverbandes Demeter, Renee Herrnkind. Damit kann die Öko-Branche endgültig ihr Müsli-Image und den Ökoladen-Mief hinter sich lassen. Seit Jahren schon predigen die Öko-Hersteller: Weg von der Askese, hin zu Lifestyle und Genuss. Die Neuheiten auf der Messe zeigen den Weg: Cafe-Likör, Premium-Eis, edle Weine in Öko-Qualität und Sauce Hollandaise gehören zu den auf der Messe präsentierten Neuheiten.

Gleichzeitig birgt der derzeitige Boom aber auch die Gefahr der Kurzzeitigkeit. "Die Verbraucher, die jetzt aus Angst kaufen, sind keine dauerhaften Kunden", fürchtet der Agrarökonom aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, Ingo Brauner. "Wie viele davon in zwei Jahren noch Öko-Produkte kaufen, weiß keiner." Mehr Aufklärung über den Nutzen von Naturkost seien da von Nöten. So gibt es heute rund 100 Öko-Marken- und-Warenprüfzeichen, die den Käufer völlig verwirren, kritisiert Brauner.

30 % der Konsumenten sollen potenzielle Bio-Käufer sein

Auch die Preisaufschläge von durchschnittlich 30 % könnten die Konsumenten vom Bio-Einkauf abhalten. "Gerade bei der Logistik und Technik könnte noch vieles getan werden, um Bio-Produkte preisgünstiger anzubieten", sagt Brauner. Nach einer GfK-Studie sind immerhin 30 % aller Konsumenten potenzielle Bio-Käufer.

Die Branche bemüht sich, Anreize durch ein komplettes Sortiment zu schaffen. Pommes oder Tiefkühl-Lasagne - selbst so genannte Convenience-Produkte - sind heute im Reformhaus zu haben. Um den Normalkunden zu erreichen und überproportional zu wachsen, setzen die Öko-Hersteller vor allem auf konventionelle Supermarktketten, die inzwischen fast alle Öko-Produkte im Regal haben. Alle großen Handelsketten rechnen mit kräftigen Zuwächsen bei Bio- Nahrungsmitteln.

Nur eines könnte den Boom im Öko-Bereich nach Ansicht der Experten noch stoppen: Wenn das erste BSE-Rind aus Bio-Haltung auftaucht. "Das wäre der absolute Schock für die Verbraucher", meint Agrarökonom Brauner.

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