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17.01.2003

08:34 Uhr

Biotechfirmen buhlen um staatliche Aufträge zur Lieferung von Impfdosen gegen Pocken

Terrorangst beflügelt Impfstoff-Hersteller

VonBert Fröndhoff (Handelsblatt)

Aus Angst vor Terroranschlägen mit Pockenviren folgen viele europäische Länder den USA und rüsten ihre Bestände an Impfstoffen auf. Dem ohnehin wachsenden Impfgeschäft gibt dies zusätzlichen Schub: Vor allem europäische Hersteller wie Bavarian Nordic und Berna Biotech profitieren.

DÜSSELDORF. US-Präsident George W. Bush hat es hinter sich - Tausende Soldaten haben es noch vor sich: die Impfung gegen das Pockenvirus. Aus Angst vor dem Einsatz biologischer Kampfstoffe in einem möglichen Irakkrieg oder bei Terroranschlägen bauen die USA den Schutz gegen das tödlichen Virus aus - selbst für die Impfung der kompletten Bevölkerung rüstet sich die Bush-Regierung.

Dem Beispiel USA folgen jetzt europäische Länder und bauen den Bestand ihrer Pocken-Impfstoffe aus - zum Wohlgefallen der Hersteller: Sie buhlen um die Regierungsaufträge, die nach Berechnung der Investmentbank Merrill Lynch einen Wert von 300 Mill. $ haben könnten - falls sich nach Großbritannien auch alle anderen europäischen Länder für das Aufstocken ihrer Bestände entscheiden.

"Wir haben seit Ende vergangenen Jahres konkrete Anfragen von zehn Ländern", sagt Andreas Hartmann, Direktor bei der dänisch- deutschen Bavarian Nordic AS. Das Biotechunternehmen will bei der Belieferung der deutschen Gesundheitsstellen zum Zug zu kommen: Gemeinsam mit den Ländern plant die Bundesregierung, bis Jahresende weitere 65 Millionen Impfdosen zu ordern. Der Wert eines solchen Auftrags wird auf annähernd 130 Mill. Euro geschätzt.

Die Chancen von Bavarian stehen nicht schlecht: Bereits im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung mit dem Unternehmen einen Vertrag über die Lieferung von elf Millionen üblichen Impfdosen geschlossen und für die Bundeswehr einen neuartigen Schutzstoff gegen Pocken geordert.

"Wir sind in der Lage, bis Jahresende die geforderte Menge des üblichen Impfstoffs zu liefern. Deutschland hat für uns Priorität", sagt Hartmann. Die Aussicht auf neue Großaufträge für Pocken-Impfstoffe hat auch die Anleger an der Börse Kopenhagen aufhorchen lassen: Der Aktienkurs von Bavarian ist seit Mitte Dezember vorigen Jahres um 47 % nach oben geschnellt.

Konkurrenz bekommt Bavarian von der Schweizer Pharmafirma Berna Biotech - dem früheren "Schweizerischen Serum- und Impfinstitut", das einst Hoflieferant der Weltgesundheitsorganisation war. So wie Bavarian verfügt Berna über die in Europa übliche Version der Pockenschutzimpfung. Die USA werden mit einer anderen Version des Mittels vom britischen Biotechunternehmen Acambis und dem US-Gesundheitskonzern Baxter beliefert.

Berna hat im vergangenen Jahr bereits Teile seines Impf-Restbestandes an Deutschland, Italien und die Schweiz verkauft. Der zusätzliche Erlös von 150 Mill. sfr kam dem Unternehmen recht - denn das Geschäft lief schlecht. Nach Schätzung von Beobachtern verfügt Berna noch über fast 50 Mill. Impfdosen. Laut Konzernchef Kuno Sommer haben bereits mehrere europäische Länder zwecks weiterer Bestellungen angeklopft.

Im Gegensatz zu Bavarian Nordic wollen die Schweizer die Neuproduktion an Pockenimpfstoffen nicht wieder aufnehmen oder ausbauen. Die Herstellung der Mittel wurde Ende der siebziger Jahre weltweit eingestellt, da die Krankheit als ausgerottet galt. Aus diesem Grund stellen auch die großen Impfstoffhersteller wie Wyeth, Merck & Co oder Glaxo Smithkline keine Schutzmittel gegen Pocken her. Marktführer Aventis, der derzeit keinen Pockenimpfstoff herstellt, hat allerdings im vorigen Jahr angekündigt, ein verbessertes Mittel entwickeln zu wollen.

Dem Geschäft in der überschaubaren Impfstoffbranche gibt die Furcht vor Anschlägen mit Biowaffen einen zusätzlichen Schub - allerdings wohl nur für eine absehbare Zeit. Denn auch ohne Pockenschutzmittel prophezeien Marktexperten der Branche starkes Wachstum. Analysten von Merrill Lynch erwarten bis zum Jahr 2006 für den Gesamtmarkt eine Verdopplung von 5 auf 10 Mrd $. Als treibende Kräfte dabei haben die Analysten im Vergleich zum Bioterror eher Harmloses ausgemacht: den Schutz gegen Grippe und Impfungen für Reisende.

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