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14.02.2002

00:22 Uhr

Bis 2005 werden 12 Mrd. DM investiert

Virtuelle Rathäuser warten auf Besucherströme

VonCatrin Bialek

Immer mehr Verwaltungen stellen Dienste ins Internet. Ob Ausstellung eines Anwohnerparkscheins, Anmeldung beim Stadtwerk oder Erteilung einer Baugenehmigung - die Angebote im Netz wachsen. Doch solange sich die digitale Unterschrift nicht durchsetzt, ist das interaktive Rathaus Zukunftsmusik.

DÜSSELDORF. Vorbei sind die Zeiten, als die Mannheimer für die Verlängerung einer Buchausleihe extra in die Stadtbücherei fahren mussten. Heute genügt ein Klick im Internet, genauer: im virtuellen Rathaus der Stadt Mannheim. Verschiedene Bürgerservices sind dort aufgelistet, von der Anmeldung eines Hundes über die Erteilung einer Baugenehmigung bis hin zu den Unterlagen für eine Eheschließung. "Manch einer überlegt sich das Heiraten vielleicht nochmal, wenn er den Umfang der erforderlichen Unterlagen sieht", grinst Jörg Blumenthal, verantwortlich für den Internetauftritt.

Mannheim gilt als eine der führenden Kommunen in Sachen virtuelle Rathäuser. Von bundesweit rund 10 000 Rathäusern seien etwa 2 500 im Internet, schätzt Franz- Reinhard Habbel, Pressesprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Er rechnet damit, dass die Zahl der Web-Rathäuser bis 2003 auf mindestens 6 000 steigt.

Rund 80 % der virtuellen Rathäuser seien bislang nur "Schaufenster", sagt Habbel. Etwa 20 % böten dagegen interaktive Verwaltungsdienste an. Zwar gebe es in den Kommunen eine zunehmende Vernetzung. Dennoch sei klar: "Wir sind zwar Global Player bei der Erstellung von Konzepten, aber nicht Global Player in der Umsetzung."

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers bestätigt dies: Es gibt eine "deutliche Lücke hinsichtlich der mit E-Government verbundenen Erwartungen der Städte und ihrem tatsächlichen Vorgehen beim Aufbau der Online-Behördendienste". Die kommunale Landschaft in Deutschland habe diesbezüglich noch einen großen Nachholbedarf, fasst Marga Pröhl, Leiterin des Bereiches Staat und Verwaltung der Bertelsmann Stiftung, zusammen.

Kommunen müssen nun kundenorientierter sein "Entscheidend ist, dass die digitale Signatur ab Herbst endlich eingesetzt werden kann", erklärt Habbel. Erst dann seien Verwaltungsakte, bei denen die Unterschrift des Bürgers notwendig ist, im Internet möglich. Seine Vision ist die eines "Non-Stop-Shops". Dies sei wie bei einer Kreditkarte, erklärt er. Wenn die ablaufe, schicke die Bank dem Kunden automatisch eine neue zu. Genau so müssten Verwaltungsdienste funktionieren, sagt Habbel. Die Stadt komme auf den Bürger zu.

Doch dies ist noch Zukunftsmusik. Zurzeit basteln die Städte und Gemeinden weitgehend unabhängig voneinander an ihren Webauftritten. Arnsberg im Sauerland hat beispielsweise beachtliches Know how im elektronischen Beschwerdemanagement gesammelt; das niedersächsische Garbsen bietet gute elektronische Bauformulare an. Und das bayerische Sternenfels nennt sich seit einiger Zeit "Kommune der Kommunikation". Das 2700-Seelen-Dorf hat umfassende Verwaltungsdienste ins Netz gestellt. "Eine Plattform zum Austausch dieser Erfahrungen gibt es leider noch nicht", bedauert Habbel.

Den Multimedia-Wettbewerb Media@Komm hatte das Bundeswirtschaftsministerium für die besten Konzepte zu "virtuellen Rathäusern und Marktplätzen" ausgeschrieben. Die Sieger Bremen, Esslingen und Nürnberg werden in den kommenden drei Jahren mit insgesamt 50 Mill. DM gefördert, damit sie ihre integrierten Internetkonzepte umsetzen. Solche umfassenden Konzepte seien bislang einzigartig, sagt Busso Grabow vom Deutschen Institut für Urbanistik, das Media@Komm wissenschaftlich begleitet. Solange es jedoch die digitale Signatur noch nicht gebe, befänden sich die Städte in der "Warteschleife", meint auch Grabow.

Doch mit der elektronischen Unterschrift allein ist es noch nicht getan. "Die gesamte Verwaltung einer Kommune muss an Onlineprozesse angepasst werden", erläutert Grabow. "Viele Behörden denken, sie könnten ihre Aufgaben eins zu eins ins Netz stellen", sagt auch Kommunenvertreter Habbel. Dies sei ein Irrtum. Die Kommunen müssten umlernen, "vom Kunden her denken, nicht mehr vom Rathaus her".

Bremen, einer der Preisträger von Media@Komm, hat sich zum Beispiel für das so genannte Lebenslagenmodell entschieden: Ein Bürger klickt online an, er wolle umziehen, und schon bekommt er ein elektronisches Paket mit all den Informationen und Formularen geschnürt, die er für sein Vorhaben benötigt. Ein "One-Stop-Shop". Die Bremer Bürger können beispielsweise Geburtsurkunden online ordern, sich beim Stadtwerk an- und abmelden, Architekten können Baupläne elektronisch einreichen. Eine Chipkarte und ein Lesegerät sollen dafür sorgen, dass die Daten juristisch rechtssicher übertragen werden.

Media@Komm-Preisträger Nürnberg bietet hingegen eine multifunktionale Chipkarte an: Egal, ob als Betriebskarte, als Ticket im Personennahverkehr oder als Euroscheckkarte, sie ist universell einsetzbar.

Kernpunkt aller Projekte, meint Grabow, sei allerdings, dass eine breite Akzeptanz der Internetangebote erreicht werde. Nach Expertenschätzungen entstehen bei einem Nutzungsanteil von unter 20 % nur zusätzliche Kosten und keine Ersparnisse. Erste Studien würden darauf hindeuten, dass deutsche Kommunen bis 2005 rund 12 Mrd. DM in ihre elektronische Vernetzung investierten, fügt Habbel hinzu.

Auch Mannheim hat mit der Verbreitung der Onlinedienste, wie etwa die elektronische Bestellung der Mülltonnen, noch zu kämpfen. In der Regel dauere es ein bis zwei Jahre, bis die Bevölkerung es verstanden habe, sagt der Internetbeauftragte. Mit einem ganz speziellen Service will die Stadt in der zweiten Jahreshälfte aufwarten: Der Bürger kann online verfolgen, wie weit sein Antrag bereits bearbeitet ist.

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