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28.01.2001

13:02 Uhr

Bis zu 250 Nachbeben im Bundesstaat Gujarat

15 000 Tote nach Erdbeben in Indien befürchtet

In der Stadt Bhuj, die nahe dem Epizentrum liegt, wurden bislang 5 000 Tote geborgen und rund 40 000 Menschen verletzt. Die genaue Zahl der Toten ist noch nicht bekannt. Mehr als 250 Nachbeben versetzten die Einwohner des Bundesstaat Gujarat in Panik. Tausende Menschen verbrachten eine weitere Nacht ohne Wasser und Strom in Freien.

Reuters AHMEDABAD/BHUJ/BOMBAY. Nach dem schweren Erdbeben im Westen Indiens mit schätzungsweise 15 000 Toten haben Nachbeben die Überlebenden erneut in Angst versetzt. Bis Sonntag wurden nach Angaben des Krisenzentrums im Bundesstaat Gujarat 6 072 Leichen geborgen, davon allein 5 000 in der weitgehend zerstörten Stadt Bhuj nahe des Epizentrums. Dort gebe es rund 40 000 Verletzte, teilte ein Sprecher der Stadt mit. Helfer hatten kaum noch Hoffnung, Überlebende unter den meterhohen Trümmern zu finden. Die Behörden warnten vor dem Ausbruch von Seuchen, sollten die Toten nicht schnell beerdigt werden. Die Armee brachte per Schiff und Flugzeug tausende Helfer sowie Nahrungsmittel und Zelte in das Erdbebengebiet. Auch das Ausland stellte Rettungsmannschaften und Geld bereit.

Im Bundesstaat Gujarat hat es nach offiziellen Angaben von mehr als 250 Nachbeben gegeben. Wie der Chef des seismologischen Instituts in Bombay, G.J. Nair, am Sonntag mitteilte, erreichte eines der Nachbeben die Stärke 6 auf der Richterskala. Das Beben am Freitag hatte die Stärke 7,9. Nair sagte weiter, die Häufigkeit der Nachbeben habe abgenommen. Dies sei ein gutes Zeichen.

Die neuen Nachbeben versetzten viele der 5 Mill. Einwohner Ahmedabads erneut in Panik. Viele liefen aus Angst aus ihren Häusern auf die Straße. "Wir hatten Angst, dass das Haus zusammenstürzt", sagte Mitu Phulwani, die mit ihrer Familie ins Freie flüchtete. Tausende Menschen hatte eine weitere Nacht ohne Strom und Wasser im Freien verbracht. Seit dem Beben vom Freitag mit der Stärke von 7,9 auf der Richterskala hatte es Seismologen zufolge rund 200 weitere Erdstöße gegeben. Neue Schäden durch Nachbeben wurden nicht bekannt.

Genaue Zahl der Toten noch unklar

Die genaue Zahl der Toten war auch 3 Tage nach dem Beben unklar. Der Generalsekretär der regierenden BJP-Partei, Narendra Modi, sagte Reuters, er gehe von 13 000 Toten allein in der sumpfigen Küstenregion Kutch aus. Zudem rechne er mit 2000 Toten in anderen Bezirken. Auch Verteidigungsminister George Fernandes erwartete einem Fernsehbericht zufolge 15 000 Tote. Sollten diese Schätzungen zutreffen, hätte das Erdbeben annähernd die Ausmaße des schweren Bebens in der Türkei im August 1999, durch das mehr als 17 000 Menschen starben. Die Tageszeitung "Pioneer" berichtete sogar von 30 000 Toten in Kutch. Ein strenger Brandgeruch hänge in der Luft, da die Menschen ihre toten Angehörigen auf offener Straße verbrennen würden.

Überlebende nach 30 Stunden aus Trümmern gerettet

Obwohl Helfer kaum noch Hoffnung hatten, weitere Überlebende zu finden, konnten sie 30 Stunden nach dem Beben eine 75-Jährige aus den Trümmern ihres Hauses retten. Die Frau aus dem 150 000 Einwohner zählenden Bhuj hatte nur leichte Verletzungen davon getragen. Ebenfalls in Bhuj zogen Soldaten unter dem Jubel der Zuschauer und vor den Augen des weinenden Vaters nach mehr als 36 Stunden einen Studenten lebend aus den Trümmern.

Behörden befürchteten den Ausbruch von Krankheiten, da viele Leichen noch nicht geborgen werden konnten. Derzeit seien die Temperaturen noch niedrig, so dass die Leichen nicht so schnell verwesten, sagte ein Armeesprecher. Dennoch sei Eile geboten, da die Temperaturen bis 30 Grad Celsius ansteigen könnten. Zudem sind viele Brunnen zerstört. Wegen der Seuchengefahr seien Gesundheitsexperten nach Ahmedabad und Bhuj geschickt worden, weitere stünden bereit, sagte ein Regierungsvertreter.

Lange Warteschlangen vor dem Krematorium

Vor dem Krematorium in Ahmedabad bildete sich eine lange Warteschlange. "Ich sitze hier seit Samstagnacht.", sagte ein Mann, der einen Verwandten bestatten wollte, der beim Erdbeben ums Leben gekommen war. In der Stadt wurden die Rettungsarbeiten am Sonntag wieder aufgenommen, nachdem sie zuvor wegen Strommangels unterbrochen worden waren. Auch in anderen Gebieten wurden trotz einer Luftbrücke zunehmend Strom, Nahrungsmittel, Wasser und Treibstoff knapp. Die Leitungen waren zerstört.

Tausende Soldaten, Ingenieure und Ärzte wurden ins Erdebengebiet gebracht. Die Luftwaffe hatte nach eigenen Angaben 40 Fracht- und Militärflugzeuge im Einsatz, mit denen sie Räumgeräte, mobile Küchen, Nahrungsmittel, Wasser, Zelte und Not-Generatoren in die zerstörten Städte brachte. Die Marine schiffte mehr als 300 Tonnen Hilfsgüter zum Hafen Kandla nahe Bhuj. Dort wurde wurde ein Notlazarett eingerichtet.

"Dies sind einige der schlimmsten Momente meines Lebens", sagte der Leiter eines Krankenhauses in Ahmedabad, Anil Chadha. Viele Menschen seien erstickt, andere von Flüchtenden zu Tode getrampelt worden, berichteten Ärzte.

190 Häftlinge flohen aus zerstörtem Gefängnis

Ebenfalls in Bhuj gelang etwa 190 Häftlingen die Flucht, weil das Beben auch eine Gefängniswand zerstörte, wie die Nachrichtenagentur PTI meldete.

Modi sagte Reuters nach einem Rundflug über das Katastrophengebiet: "In Anjar gibt es kein einziges intaktes Haus mehr". In der abgelegenen Stadt wurden nach Polizeiangaben 350 Schulkinder und 50 Lehrer verschüttet, die an einer Parade zum Nationalfeiertag teilgenommen hatten. Zahlreiche Menschen klagten darüber, dass viele der eingestürzten Häuser ohne Baugenehmigung gebaut worden seien.

Hilfe aus zahlreichen Ländern

Zahlreiche Länder - darunter Deutschland, Großbritannien, Italien, USA, und die Türkei - sowie die Europäischen Union kündigten Hilfe an. Auch das benachbarte Pakistan, wo 15 Menschen bei dem Erdbeben starben, schickte ein Beileidstelegramm und bot Unterstützung an. Die indische Regierung teilte mit, sie habe alle Hilfsangebote mit Dankbarkeit aufgenommen. Ein Sprecher des Außenministeriums antworte auf die Frage, ob auch die Hilfe Pakistans angenommen werde, es wisse nicht, warum Indien die Unterstützung aus irgendeinem Land ablehnen sollte. Die Erzrivalen Pakistan und Indien streiten seit Jahrzehnten um die zwischen beiden Ländern geteilte Himalaja-Region Kaschmir.

Das Auswärtige Amt stellte nach eigenen Angaben für Sofortmaßnahmen zwei Mill. DM bereit, die Europäische Union (EU) umgerechnet knapp sechs Mill. DM. Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) sollte für voraussichtlich zwei Wochen nach Indien reisen, um bei der Rettung und Bergung der Erdbebenopfer zu helfen. Die Johanniter stellen nach eigenen Angaben zwei Operations-Container bereit. Das Deutsche Rote Kreuz liefert Blutspenden und Blutplasma.

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