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27.06.2000

15:22 Uhr

dpa NEW YORK. Die Wall Street hat auf die Nachricht von der weitgehenden Entschlüsselung des menschlichen Genoms wie üblich reagiert. Erst sind die Aktien der einschlägigen Biotech-Firmen in Erwartung des revolutionären Durchbruchs in den vergangenen Wochen und Monaten in die Höhe geschossen, doch dann kam nach der eigentlichen Bekanntgabe der Rückschlag.

Die Aktien der Celera Genomics waren am Montag um elf Prozent auf 112,50 $ gefallen. Die Celera hatte mit ihrem Präsidenten Craig Venter in Konkurrenz zum internationalen Human-Genom-Projekt (HGP) 99 % des menschlichen Genoms entschlüsselt.

Die Aktien der Celera PE Corp., -Muttergesellschaft gaben um 2,69 % auf 63 1/4 $ nach. Der Aktienkurs der Human Genome Sciences, einer anderer im Gen-Forschungsbereich führenden Firma, ist um 1,38 % auf 143 3/8 $ gefallen.

Die Entwicklung der "Blaupause" des menschlichen Erbguts verspricht eine beschleunigte Entwicklung neuartiger Medikamente. Es wird jedoch noch Jahre dauern, ehe die ersten wichtigen Arzneimittel zur Verfügung stehen werden. Es handelt sich um eine echte Revolution im Pharmabereich, doch ist bisher nicht sicher, wann und wer am meisten profitieren wird.

Die US-Tageszeitung "Star Ledger", in deren Einzugsgebiet in New Jersey fast alle großen Pharmafirmen sitzen, zeigt sich dabei optimistisch: Sie rechnet damit, dass im Jahr 2010 genetische Tests verfügbar sein werden, die die Veranlagung von Menschen für 25 wichtige Krankheiten anzeigen. Es werde dann aber auch Mittel und Wege geben, um die entsprechenden Risiken zu vermindern. Für die Bluterkrankheit etwa werde eine erfolgreiche Gen-Therapie verfügbar sein, mutmaßt die Zeitung.

Bis 2020 werde es präzise Krebstherapien für jede Form der Krankheit und genbasierende Medikamente für Diabetes und hohen Blutdruck (Hypertension) geben. Auch könnten dann biologische Behandlungsmethoden für Nervenkrankheiten verfügbar sein. Bis 2030 dürften nach Ansicht des Blattes die Gene identifiziert sein, die das menschliche Altern bestimmen. Es sollen dann Methoden zur Verlängerung der Lebensdauer getestet werden.

Schon bis 2040 seien maßgeschneiderte gen-basierende Arzneimittel für Einzelpersonen verfügbar. Die durchschnittliche Lebensdauer könne dann 90 Jahre ereichen, schreibt der "Star Ledger". Das ganz große Geld werden die Biotechnologie- und Pharmafirmen machen, die krankheitsbezogene Gene entdecken und patentieren. Nicht alle Wissenschaftler glauben jedoch, dass die Entwicklung in diesem Tempo voranschreiten wird, denn bislang ist ja noch nicht einmal die genaue Zahl der Gene bekannt: Schätzungen reichen von knapp 30 000 bis über 200 000.

Bis zur Entwicklung neuer genbasierender Medikamente ist es demnach noch ein weiter Weg. Bislang verdient die Celera Genomics ihr Brot damit, dass sie großen Pharmafirmen gegen Gebühren Zugang zu ihrer genetischen Bibliothek gibt. Das Unternehmen hat auch Software, um sie zu analysieren. Zu ihren Kunden zählen große Pharmakonzerne wie Novartis, Amgen, Pfizer und als jüngster Abnehmer Immunex.

Firmen wie Celera, die auf die Analyse von komplizierten genetischen Daten spezialisiert sind, werden zunächst absahnen. Diese so genannten Bioinformatik-Unternehmen bereiten die genetischen Rohdaten auf und versuchen sie in Informationen umzusetzen, die für die Entwicklung neuer Medikamente genutzt werden. Einige dieser Spezialfirmen liefern genetische Informationen an die Pharmafirmen. Andere wollen selbst Medikamente entwickeln, und einige tun beides.

Neben der Celera zählt nach einer Aufstellung des "Wall Street Journal" auch die CuraGen zu den Marktführern. Sie habe mehr Wissenschaftler, die am Human-Genom arbeiten, als Celera. Zu ihren Kunden gehören Pharmagiganten wie Biogen, Hoffman-LaRoche und Glaxo Wellcom.

Double Twist, ein Internet-Portal für Genetik-Forscher, habe Chiron, Genaissance Pharmaceuticals und Tularik als Nutzer. Die Exelixis zähle Bayer, Bristol-Myers Squibb und Pharmacia zu ihren Kunden. Bei der GeneLogic seien Merck, Pfizer und Schering-Plough dabei. Die Orchid BioSciences bedient Pharmaunternehmen wie SmithKline Beecham, Millenium, Pharmaceuticals und SNP Consortium. Weitere einschlägige Firmen sind die Waters Corp, die PE Biosystems, die Affymetrix und die Sangamo Bioschiences.

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