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28.01.2003

08:39 Uhr

Blair setzt auf seinen Einfluss auf die USA – und eine zweite Uno-Resolution

Die USA brauchen den britischen Premier

VonMatthias Thibaut

Es ist ein einsamer Tony Blair, der am kommenden Freitag Kriegsrat mit dem amerikanischen Präsidenten in Camp David hält. Der Graben zwischen den USA und Europa, den er überbrücken wollte, ist tiefer geworden.

LONDON. Der Widerstand gegen den Irak-Krieg ließ die französisch-deutsche Partnerschaft erstarken. Es ist lange her, dass die Briten so isoliert in Europa waren wie in diesen Tagen. Dabei ist der Widerstand gegen den Krieg bei den Briten nicht geringer als bei Deutschen und Franzosen. Noch schlimmer erscheint, dass in Blairs eigener Partei nur wenige seinen Kurs unterstützen. Das Gemurmel, dass ihm einige nach dem Amte trachten, wird von Tag zu Tag lauter.

Und so wird das Treffen in Camp David ganz anders ausfallen als im vorigen September. Damals konnte Blair noch als Fürsprecher eines europäischen Konsenses auftreten - gegen amerikanische Alleingänge, für die "Uno-Route". Damals war der deutsche Wahlkämpfer Gerhard Schröder mit seinem harschen Nein der Isolierte. Nun treten Deutschland und Frankreich als Vollstrecker des Uno-Willens auf, und Blair ist vollends ins Lager der Falken abgedrängt.

Die Dialektik der kriegerischen Drohung hat Blairs Spielraum auf ein Minimum eingeengt. Um keinen Zweifel an der Gewaltandrohung für Saddam Hussein zu lassen, hat er die Möglichkeit eines Krieges ohne eine zweite Uno-Resolution immer wieder unterstrichen. Britische Truppen sind längst an den Golf unterwegs. Wie könnte er jetzt noch zurück?

Viele fragten immer wieder, an welchem Punkt Großbritannien "Nein" sagen würde. Die Antwort behielt sich Blair für das Pokerspiel in Camp David vor - auch wenn niemand glaubt, dass der Brite in letzter Minute die Amerikaner mit einem Rückzug konfrontiert. "Unsere große Strategie diktiert, dass wir drinnen sind und auf die US-Politik dort Einfluss nehmen, wo wir gemeinsame Interessen haben", sagt Michael Codner vom Royal United Services Institut (RUSI), einem regierungsnahen Forschungsinstitut. Die Dialektik der Bündnistreue gibt Blair Einfluss - aber nur um den Preis, dass er sich als verlässlicher Partner des amerikanischen Präsidenten zeigt.

Das schlimmste Szenario für Blair: Der US-Präsident stellt in seiner heutigen Rede die Weichen für einen baldigen Krieg, und für den britischen Premierminister gibt es in Camp David nichts mehr zu verhandeln. Dann stünde Blair wirklich als der "Pudel" eines kriegslüsternen US-Präsidenten da. Es spricht aber viel dafür, dass es anders kommt. Blair hat sich am Sonntag noch einmal optimistisch für die Uno-Route ausgesprochen. "Ich glaube, die Uno wird eine zweite Resolution verabschieden", sagte er in der BBC. Offensichtlich setzt er darauf, dass er seinen Freund Bush zu einem Zugeständnis beim Zeitplan bewegen kann.

Denn Bush braucht Blair. Einerseits haben die Briten darauf geachtet, dass ihr Kriegsbeitrag weit mehr als ein Feigenblatt ist. Sie kommen mit einer flexiblen Armee und hochgeachteten Spezialtruppen und werden auch bei der Nachkriegs-Planung der Amerikaner eine wichtige Rolle spielen.

Vor allem braucht Bush die Briten aber, weil auch die amerikanische Öffentlichkeit keinen Krieg ohne Verbündete will. Für die "Allianz der Willigen", die den USA bleibt, wenn sich der Sicherheitsrat verweigern sollte, ist Blair der entscheidende Mann. Auch deshalb wird er nicht ohne ein sichtbares Geschenk aus Camp David zurückkehren - das übrigens sogar umstrittene Themen wie Umwelt-, Handels- oder Nahostpolitik betreffen könnte.

Blair setzt so sehr auf die besondere Beziehung zu den USA, weil für ihn die Amerikaner, mit alle ihren Mängeln, die Garanten der internationalen Rechtsordnung sind. Ohne Durchsetzungsfähigkeit und Kampfbereitschaft sei diese nur heiße Luft.

"Wir würden unsere Pflicht versäumen, wenn wir Saddam Hussein jetzt davonkommen ließen", sagte Blair am Sonntag. Für ihn würde die amerikanische Hegemonialmacht mit einem Krieg das internationale Rechtssystem nicht aufs Spiel setzen, sondern vor einer schweren Krise schützen. Am besten natürlich mit einer zweiten Uno-Resolution. type="unknownISIN" value="Uno" />

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